Begleitet von gegenseitigen Gunstbezeugungen stellten am vergangenen Freitag die Intendantin Elisabeth Sobotka und der Generalmusikdirektor Christian Thielemann mit der Saison 2026/27 deren dritte gemeinsame Spielzeit an der Staatsoper Unter den Linden vor, ohne dass die alte Frage, ob da zusammenwächst, was zusammengehört, überzeugend beantwortet wurde. Thielemann jedenfalls ist so offensichtlich da angekommen, wo er anscheinend immer sein wollte, während bei Elisabeth Sobotka derlei Offensichtlichkeit selten den Eindruck von Pflichtschuldigkeit abzustreifen vermag.
Die Staatskapelle Berlin am 14. Februar 2026 mit "Musik aus fernen Rundfunktagen": ein Lieblingsprojekt Christian Thielemanns, mit dem beide auch 2026/27 weitermachen werden. Foto: Stephan Rabold
Ensemble Berlin-Wien?… – Die neue Spielzeit an der Staatsoper Unter den Linden
Man sollte bei Thielemann, siehe dessen stupenden „Wozzeck“, zwar stets auf Überraschungen gefasst sein, aber dennoch weiß man, woran man bei ihm ist. Wobei im Kontrast dazu die Intendantin einen vergleichsweise beliebigen Eindruck hinterlässt und man den Fußballdenker Andy Möller paraphrasieren möchte: ‚Ob Berlin oder Wien ist egal. Hauptsache Österreich.‘ Promovenden des MusikTheaters an der Wien laufen abermals gleich mehrfach Unter den Linden auf.
Lydia Steier, zuletzt an der Lindenoper in Kooperation mit den Wienern Offenbachs „Hoffmann“ üppig bebildernd, es dirigierte Bertrand de Billy, inszeniert als Eröffnungspremiere „La Vestale“ des von Wagner zwiespältig geschätzten Gaspare Spontini (September 26), des ersten nominellen GMD der Lindenoper. Womöglich auch eine schelmische Reverenz an den gegenwärtigen. Bertrand de Billy, genau, dirigiert zu den Festtagen in der Neuinszenierung von Johannes Erath Puccinis „Manon Lescaut“ (März 27) – beide brachten vor Jahren im Theater an der Wien von Spontini, richtig: die „Vestalin“ heraus, und Stefan Herheim, der Hausherr an der Wienzeile, studiert anlässlich der wiederbelebten Barocktage Cavallis „La Calisto“ mit Christina Pluhar und deren, dem dortigen Haus verbundenen Ensemble L’Arpeggiata ein (November 26) – in Koproduktion mit?... Passt scho’. Vera-Lotte Boecker, in Berlin unlängst fabelhaft als Janáčeks Füchsin, wird im bestimmt spannenden Stilwechsel Cavallis Nymphe sein, Sonya Yoncheva die Vestalin und Asmik Grigorian Puccinis Manon. Im, inklusive der Premieren 30 Werke umfassenden Repertoire, kommen zudem etwa Anna Netrebko wieder („Nabucco“), Cecilia Bartoli gleich zweimal konzertant mit Glucks „Orfeo“ und Rossinis „Barbiere“ sowie das Ehepaar Rattle-Kožená in Mozarts „Idomeneo“, und Jonathan Tetelman, jugendlich heldentenoraler Liebling der Deutschen Oper an der Bismarckstraße, kommt zu seinem leicht schwereren Hausdebüt Unter den Linden als Saint-Saëns‘ Samson.
In der anderen der beiden einzigen un-wienerischen Neuproduktionen, Verdis „La Forza del destino“, wird unter anderem Lise Davidsen zu hören sein, zu Dirigat und Regie von Philippe Jordan und Vasily Barkhatov (Ende Mai 27). Die andere endlich, Humperdincks „Königskinder“ (Regie: David Bösch), leitet der musikalische Hausherr selbst, sich einen langgehegten Wunsch erfüllend (Anfang Mai 27): „Wenn ich ‚Hänsel und Gretel‘ mache, dann auch die ‚Königskinder‘.“ Das wenigstens lässt, wenn auch in leichten Zügen, eine Handschrift erkennen. Wenn man aber dem Generalmusikdirektor vorwerfen wollte, nicht oft genug am eigenen Haus Hand anzulegen, in der kommenden Spielzeit insgesamt bei 11 Vorstellungen und 14 Konzerten, dann sollte man in Betracht ziehen, dass er vielleicht die falschen Vorschläge bekommt, dass da was schlicht nebeneinanderher wächst hie in Berlin und da in Wien. Exzellenz bei Wagner, Strauss und Humperdinck ist nicht mit Spontini abzuholen, selbst wenn dessen „Olympia“ und vor allem „Agnes von Hohenstaufen“ für Berlin bessere Werkwahlen würden gewesen sein. Aber, siehe abermals „Wozzeck“, da ist vielversprechend viel Luft nach oben und nicht nur die „von anderen Planeten“, Entfaltungsräume, die hier zu füllen sind. Warten wir es also ab.
Abzuwarten ist freilich auch, wie sich die Berliner Kulturkürzungen weiter auswirken werden, laut der Intendantin in den drei Jahren seit 2025 insgesamt knapp 10 Mio. Euro, was andererseits Kooperationen nahelegt. Was zudem die Staatsoper zwang, die für die nun kommende Saison geplante Premiere von Ligetis „Le Grand Macabre“ auf die übernächste Spielzeit zu verschieben. Dass und wie es aber eine Zukunft Unter der Linden gibt, das zeigt unter anderem die Wiederaufnahme des überaus erfolgreichen „Freischütz für Kinder“ (Dezember 26) gefolgt von der Neueinstudierung einer „Fledermaus für Kinder“ (Januar und Juni 2027). Stellt die Kulturpolitik wie oben die Weichen, dann die Kunst eben die Harten, und vielleicht sollte man in Berlin damit nicht mehr lange zuwarten. Was man unterdessen in Wien macht, ist dabei wurscht.
- Share by mail
Share on