Schon lange vor allem Gerede oder Hype um Digitalisierung in der Kunst hat die künstlerische Leitung dieser schier unendlichen Wagner-Festspiele Entscheidendes getan: gemäß der Definition „Festspiele sollen das Besondere am besonderen Ort“ wagen – das Besondere gewagt –, nämlich: Bei der Feier von „150 Jahre Ring-Uraufführung“ am Grünen Hügel soll das Modernste zum Einsatz kommen: KI für die Szene.
Ring 10010110: Das Rheingold. Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
‚Entnahmt Ihr was dem Bilderschwall?‘ – Die Bayreuther Festspiele wagen sich mit „Rheingold“ an die KI-Front
Der Vorabend der „Ring“-Tetralogie ist dafür eine reizvolle Herausforderung. Das „Rheingold“ beginnt in der Tiefe des Rheins, führt auf die Wolke für künftige Götterhöhen, macht einen Abstieg in die Finsternis gespenstischer Ausbeutung unumgänglich und führt am Ende ins weltabgehobene Elysium „Walhall“… alles eine fabelhafte, eben festspielgemäße Herausforderung für bislang ungeahnte Bühnen-Visionen durch eine neue szenische Intelligenz.
Im Programmzettel der Aufführung werden über einen Dramaturgen und zwei Assistenten für „digitale Umsetzung“ hinaus vier Namen für „Künstlerisch-technische Konzeption“, „Storytelling“, „Creative Code“ und „Visual Art“ aufgeführt – und dann Marcus Lobbes als „Kurator“, also wohl letztlich Verantwortlicher für das genannt, was die vorweg mit vielerlei Bildmaterial seit 1876 „unterfütterte“ KI zur Bühnenaufführung eingespeist bekommen hat.
Dazu blieb die Bayreuther Bühne selbst leer. In einem Halbrund, etwa fünf Meter hinter dem Proszenium, war eine erste durchsichtige, als Hintergrund eine zweite Projektionsleinwand gespannt. Darauf wurden in einem ununterbrochenen Fluss parallel zur Musik Bilder projiziert. Was mit dem S-W-Foto der Rheintöchter von 1876 begann, wandelte sich in ein von allem Stücktext und der Bühnenhandlung losgelöstes „Anything goes“: abstrakte Farbflächen, nicht konkretisierte Innenräume, die Felslandschaft aus einer „Ring“-Inszenierung der 1920er Jahre, schemenhafte, nicht konkretisierte Figuren, Wieland Wagners „Weltenscheibe“ von 1965, Baum- und Mauerteile, unscharfe Fotos des „Jahrhundert-Rings 1976“, unspezifizierte Metallteile und Waffen-Ausschnitte, expressionistische Farbkontraste, verschwommene Fotos aus Frank Castorfs „Ring“-Inszenierung von 2013, zum finalen Brückenschlag nach Donners Gewitter und dem Walhall-Motiv in der Musik mehrfache Brückenbogen und vielerlei gotische Spitzbögen – von enttäuschender Schlichtheit – und dies stellte sich auch als Gesamtwirkung ein: alles blieb auf dem Niveau eines dramaturgielosen, ja sinnentleerten Musikvideoclips; Film, speziell Science Fiction sind anspruchsvolle, hochelaborierte, ja künstlerische Bildwelten weiter.
Die für alle Bühnenfiguren letztlich uniform abstrakten grau-weiß-schwarz glitzernden Phantasiekostüme von Pia Maria Mackert ebneten jegliche Dramatisierung zusätzlich ein: Rheinmädchen gleich Fricka gleich Erda gleich Alberich gleich Wotan gleich… halt: Loge trug zwei Flügelchen-Ansätze an den Armen. Dazu standen die Solisten meist in der linken Bühnenhälfte hinter der ersten Projektionsgaze, bewegten sich nur einige Schritte, zeigten ein paar wenige Gesten – und sagen halt so vor sich hin… nur wenige Male mit Bezug zur anderen Figur.
Einzig die Musik erzählte Vielfältiges. Vom leisen Urton der Weltentstehung über das vielfarbige Fließen des Rheins hin zur Machtentfaltung Wotans breitete Dirigent Christian Thielemann mit dem glänzend ausdifferenzierten Festspielorchester Wagners Musikdrama überragend aus. Festspielgemäß auch das letztlich aufs Vokale reduzierte Solistenensemble, aus dem Michael Volles Wotan und Klaus Florian Vogts Loge durch exzellente Textartikulation und -betonung hervorstachen. Der kurze Schlussjubel für sie erstickte das zunächst losbrechende Buh: Kritiker werden ja gerne als „Beckmesser“ abqualifiziert – doch dessen „Meistersinger“-Frage „Entnahmt ihr was der Worte Schwall?“ trifft abgewandelt als Überschrift – für digitale Rechner-Verliebtheit statt eines erschreckenden Theatergleichnisses von einer Welt mit Liebesverfluchung, Raub, Mord und entsetzlicher Machtetablierung: Alberichs Fluch sind zehn Zeilen von geradezu gespenstischer Aktualität – für eine attackenreiche Aussage statt einem austauschbaren Bilderwust.
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