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Sarah-Jane Brandon Chor des Theater Bremen. Jörg Landsberg

Sarah-Jane Brandon Chor des Theater Bremen. Jörg Landsberg

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Erinnerung, Warnung und Hoffnung – Benjamin Brittens „War Requiem“ am Theater Bremen

Vorspann / Teaser

„Ich bin der Feind, den du erschlugst, mein Freund“ singt der Bariton Michał Partyka an den Tenor Oliver Sewell und reicht ihm die Hand im Satz „In Paradisum“. Beide sind schwarz gekleidete „Leichen“, sie haben den Krieg hinter sich, singen „We will sleep now“ und setzen damit das Zeichen für einen neuen Anfang. Das ist in Bremen die erschütternde Schlussszene aus der szenischen Aufführung des 1962 entstandenen Oratoriums „War Requiem“ des englischen Komponisten und Pazifisten Benjamin Britten.

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Das gewaltige Werk erklang 1961 zur Feier des Wiederaufbaus der 1940 im Krieg durch die Deutschen zerstörten Kathedrale von Coventry, Brittens Werk, das neben dem lateinischen Messtext die aufrührerischen Antikriegsgedichte des im ersten Weltkrieg gefallenen englischen Dichters Wilfried Owens verwendet, ist ganz aufs emotionale Ergreifen des Hörers ausgerichtet. Es sucht die Anteilnahme an der Botschaft mit seinen häufig eklektischen Mitteln, die Britten mit der ihm eigenen Spontaneität und Wucht auszustatten versteht. Und der der Regisseur Frank Hilbrich in seiner letzten Bremer Arbeit – er verlässt Bremen, um Generalintendant an der Oper Gelsenkirchen zu werden – eine tief berührende Bildwelt entlockt, die ein sehr persönliches Signal der Bedeutung von Kunst ist: Sie hat immer mit Gesellschaft zu tun, ihre Aufgabe ist jenseits aller gehobenen Unterhaltung Erinnerung, Warnung und Hoffnung. 

Für diese Bildwelt ist der Chor die „zentrale Seelenfigur“ (Hilbrich), es ist nichts weniger als faszinierend, was Hilbrich den SängerInnen an diesem Abend entlockte: Jeder und jede ein Individuum, man kann regelrecht verfolgen, wie in jedem kollektiven Leid ein noch stärkeres im Individuum verborgen ist. Er verwendet dazu das Bühnenbild des Schlussbildes zu seinem „Lohengrin“: Ein dunkler, zerstörter Raum mit einer runden Empore weist dort den Weg in eine katastrophale Zukunft, hier führt er aus der Katastrophe heraus. Es gibt eine nicht definierte Gesellschaft, die aber in Angst, Schrecken und Hoffnungslosigkeit lebt. Im „Dies Irae“ werden Plakate und Zettel verteilt mit den Worten „Schuld“, „Schweigen“, „Täter“. Im „Offertorium“ ist der schwarz gekleidete völlig verängstigte Kinderchor dran, auch hier ist jedem Kind ein eigenes Profil abverlangt und ihre Stimmen markieren auch die Hoffnung auf die Zukunft. Bariton und Tenor spielen mit Puppen die Abrahams Opferung Isaaks, die im letzten Moment von einem Engel verhindert wird: die in der Bibel verankerte Abschaffung des Menschenopfers. Dann bringen die Kinder die Vaterpuppe um: Die Menschheitsgeschichte geht anders weiter. Im „Sanctus“ wird per Goldkranz irgendein Held (der Bariton) gefeiert, der aber die Utensilien dazu ablehnt und die Brüchigkeit jeder Helden- und Gottesverehrung zeigt. Immer wieder wechselt Hilbrich Zeitabläufe: Das innige „Agnus Dei“ – sicher der Werkgipfel – geschieht in Zeitlupe, es wird zu einem großen Gesang der Liebe. Im „Libera me“ ersticken die Menschen in kollektiver Agnst vor schneidenden Papierschnipseln. Dazu erzählen die beiden Sänger von der Hoffnung und der Schönheit der Welt. 

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Michał Partyka, Sarah-Jane Brandon, Chor, Kinderchor und Extrachor des Theater Bremen. Foto: Jörg Landsberg

Michał Partyka, Sarah-Jane Brandon, Chor, Kinderchor und Extrachor des Theater Bremen. Foto: Jörg Landsberg

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Stefan Klingele und die Bremer Philharmoniker sicherten dem Ganzen eine geheimnisvolle und expressive Koordination des komplexen Aufführungsapparates und entfalteten das rhythmisch bewegte Offertorium, die innigen Stellen des „Agnus“ bis zum Werkgipfel mit „Libera me“. Besonders in der Erinnerung haften bleibt die erschütternde Schlussgestaltung, wenn Britten „In Paradisum“ mit dem Treffen der beiden toten Feinde miteinander verschränkt. Die beiden Sänger leisteten mit Owens Anklagetexten Großes, ausdrucksstark, klangschön und enorm in eine seelische Tiefe gehend. Auch die Sopranistin Susanne Sarah-Jane Brandon meisterte ihre schwere Partie hervorragend.

Brittens Oratorium kann als ein Meisterwerk überwältigender Seelenstärke und Ergriffenheit gehört und gesehen werden – hier zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 2026 mit seinen vielen Kriegen, Menschenrechtsverletzungen und Diktaturen führt das Bekenntniswerk noch in ganz andere Dimensionen. An diesem Abend hat das Theater Bremen der Verzweiflung einen ebenso starken Ausdruck verliehen wie der Hoffnung. Für Frank Hilbrich: ein großer Abschied. Viele im Publikum haben das auch so verstanden und der Aufführung einen ergriffenen Beifall gezollt. 

  • Die nächsten Aufführungen: 11., 19. und 24.4., 8. und 16.5. 

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