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„Ecco l’orrido campo“: Coupé (Fiat 130), Amelia (Anna Netrebko) Foto: Stephan Rabold

„Ecco l’orrido campo“: Coupé (Fiat 130), Amelia (Anna Netrebko) Foto: Stephan Rabold

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Es war einmal in Amerika, und ist es noch – Verdis „Un ballo in maschera“ als Eröffnungspremiere der Festtage Unter den Linden

Vorspann / Teaser

Bevor Giuseppe Verdi auf die lange Straße seines Spätwerks einbog, setzte er schier noch ein vollkommenes Frühwerk um, eines, das alles Bisherige zusammenfasste, veredelte und schließlich überwand: die öfter holprige Dramaturgie, den Schmiss Rossini’scher Ensembles, die Lyrik Bellinis sowie die eigene hochromantische Ausdeutung von Seelenzuständen – nicht mehr als Stimmfeuerwerk, sondern in vielschichtig auskomponierten Klanggemälden. Ja, selbst die gattungsnotorische Banda und deren oft zünftige Musik auf oder hinter der Bühne nobilitierte er von der Blaskapelle zum handlungsmitbestimmenden Akteur eines wahnwitzig durchgedrehten Ballabends. Ecco „Un ballo in maschera“, ein Schlüsselwerk. Beinahe wie eine römische Straßenkreuzung, von der man lange in die Vergangenheit und weit in die Zukunft blicken kann, zur „Aida“, zum „Falstaff“.

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Da ihnen, anders als Auber in Frankreich, der geschilderte schwedische Königsmord Probleme mit den Zensurbehörden in Italien einbrachte, verlegten Verdi und sein Librettist Somma die Handlung ins noch britische Boston, wo statt des Königs sein regierender Stellvertreter, der Gouverneur Riccardo vor der rebellierenden ortsansässigen Gentry gemeuchelt wird. Dass sie sich dabei seines als „Kreole“ bezeichneten Freundes Renato bedient und die Seherin Ulrica, afrikanisch-amerikanischer Abstammung, eine wichtige Rolle spielt, reichert die Geschichte um Themen wie Rassismus, Kolonialismus und die Staatsverachtung reicher Eliten an – so, wie es in Amerika einmal war und wohl auch zu oft noch ist. Ein Schlüsselwerk eben.

Die Inszenierung von Rafael R. Villalobos, die nun in Kooperation mit Valencia an der Lindenoper zu den Festtagen Premiere hatte, nimmt das alles auf, sie aber deswegen woke zu nennen, wäre dumm. Sie schließt bloß auf, was im Werk so offensichtlich eingeschlossen ist, fügt sogar den Aspekt der Geschlechtervarianz apart hinzu, indem sie in Riccardos gemeinhin männlich gelesenem Pagen Oscar, einem Koloratursopran in Hosen, des Nebenbuhlers Renato Tochter vermutet, in der dieser aber nur den Sohn sieht. Diese elegante gedankliche Pirouette weitet den Kampf der Freunde um Amelia, Renatos Gattin, auf die Deutungsmacht über das Kind aus. Die Ikonik amerikanischer Polit-Riten, haufenweise Anzugträger mit Whiskeygläsern, grinsend in Mikrofone und Kameras, sowie die Aufspaltung der Seherin Ulrica in eine dominierende weiße Sängerin und eine ausgebeutete schwarze Darstellerin schaffen weitere interpretatorische Potentiale, die zu bewältigen gewesen wären mit kluger Personenregie zwecks feinfühliger Interaktion der Figuren in Klang und Raum, zwischen Maske und machination. Was aber alles nicht stattfand.

Im Kubus mit klassizistischen Versatzstückchen links (aha, es geht um Macht) klafft rechts ein gewaltiges Loch in der Betondecke (Bühne: Emanuele Sinisi), und die Vermutung, wir sähen hier die dystopische Welt aus der Netflix-Serie „Stranger Things“ wird spätestens dann zur Gewissheit, wenn im zweiten Akt ein schrottiger Funkmast hindurchragt. Und weiter geht es mit dem popkulturell aufgepoppten Meinen. Gemeint sein dürfte vielfache mediale Ausbeutung oder Manipulation, wenn die schwarze Ulrica oder Riccardo bei ihrem Tun abgefilmt werden, alles indes auf sinnlos über die Bühne verstreuten Monitoren läuft. Gut gemeint und gar nicht gut gemacht, denn alles, was sich auf der Bühne bewegt, könnte sich genauso im Rokoko-Ambiente bewegen oder vor den Pyramiden. Konventionelles Rampensingen.

Dem nicht unähnlich Anna Netrebkos Amelia, die sie jüngst auch in Paris gab. Die zwei Handvoll Demonstranten, die deren Putin-Nähe ebenso beklagten wie den hochsubventionierten Auftritt, vermochten sich Gehör verschaffen, ohne die uninteressierten Routinen groß zu stören. Die ukrainischen Fahnen, die vor einem Jahr noch auf der gegenüberliegenden Seite über der Humboldt-Universität und dem Zeughaus hingen, waren auch schon längst weg. War was? Alles wie gehabt, und so auch der gerühmte Netrebko-Klang in lang an- und abschwellenden Piani, in vorzüglich dunkel schillernden Tönen ausgekostetes Abphrasieren. Als Vergleiche werden dabei gerne bemüht: mal Samt, mal breit ausgebauter Rotwein und dergleichen. Vorösterlich gestimmt kann man sogar zu Fabergé-Eiern greifen. Und solcherlei gülden-schimmernde Kostbarkeiten nennt Netrebko zurecht ihr eigen, und sie streut sie beinahe nach Belieben in ihren Vortrag, ohne die aber der Vortrag, die Gesangslinie letztlich ziemlich eindimensional bleiben und man bloß auf das nächste Ei wartet. Bar des Fabergé-Glanzes wirkt ihre Darstellung einigermaßen konventionell, wobei man befürchtet, dass der erdenschwere Drang in wohlig tiefere Register sich einst auch intonatorisch bemerkbar zu machen vermöchte.

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„Re dell’abisso“: Riccardo (Charles Castronovo), Staatsopernchor, Ulrica (Anna Kissjudit), Ulrica (Millie Engono) Foto: Stephan Rabold

„Re dell’abisso“: Riccardo (Charles Castronovo), Staatsopernchor, Ulrica (Anna Kissjudit), Ulrica (Millie Engono) Foto: Stephan Rabold

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Ein begnadeter Stimmbesitzer ist auch Amartuvshin Enkhabat, der für den Routinier Ludovic Tézier einsprang, mit beachtlichem Bariton und engem Ausdrucksspektrum. Renatos Arien in Akt eins und zwei, obwohl emotional völlig gegensätzlich, klingen beide absolut identisch. Dagegen wirkt Anna Kissjudit als Stimmarbeiterin, so kraftvoll wie sie die Partie der Ulrica einfärbt und in untere Körperregionen eindrückt. Sehr erfreulich dagegen: einerseits, dass sich Charles Cstronovo als Riccardo immer mehr freisang und so etwa im zugegeben reichlich melodramatischen Ende einfühlsam phrasieren konnte, andererseits Enkeleda Kamani, die dem oder der Oscar die wirbelnde Unwillkürlichkeit gab, die der Rolle gebührt.

Bei derart unterschiedlich verteiltem sänger-darstellerischem Potential muteten insbesondere die Ensembles, Verdis famose pezzi concertati und im „Ballo“ so perfekt gezeichnet, wie Pininfarinas auf der Bühne (in Amerika?!) herumstehender Fiat 130, zuweilen grob gezimmert an. Wogegen auch Enrique Mazzola, mit flüssiger Verve am Pult der Staatskapelle, nichts wirklich ausrichten konnte. Bis auf die durch den Schwung geschuldete leichte Karambolage zwischen Banda, Chor und Orchester in der abschließenden rhythmisch vertrackten Balleröffnung, war es ein gelungenes Debüt des bisherigen, dort regen Ersten Gastdirigenten der Deutschen Oper, für die man einen weiteren Drain nicht befürchten möchte. Ob das allerdings eine gelungene Eröffnungspremiere der hochpreisigen Festtage an der Staatsoper war, darüber dürften die Meinungen auseinandergehen. Oder vielleicht nicht, ruft man sich nahezu perfekte Produktionen wie den „Wozzeck“, die „Schweigsame Frau“ oder „Das schlaue Füchslein“ in Erinnerung.

  • „Un ballo in maschera“, Staatsoper Berlin: noch am 02., 04., 06. April 2026 (alle ausverkauft)

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