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Etwas ausrichten wollen in einer ziemlich fürchterlichen Welt – Das Ensemble United Berlin und Vladmir Jurowski mit Hans Werner Henzes Liederzyklus „Voices“ in Berlin

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Die Nachkriegsavantgarde verübelte ihm die Abwendung von streng angewandten Zwölfton- und seriellen Methoden als „Verrat“, Konservative drückten ihn für seine vermeintliche Publikumsfreundlichkeit und Verständlichkeit ans Herz. Doch was da verstanden werden sollte, gefiel ihnen wiederum gar nicht: Hans Werner Henzes Eintreten für zunächst unverhohlen kommunistische, später links-humanistisch abgewandelte Inhalte wurde entweder bekämpft oder vornehm verschwiegen. Seit dem Skandal um „Das Floß der Medusa“ 1968, bei dessen Uraufführung Henze sich weigerte, eine von Studenten am Dirigentenpult angebrachte Rote Fahne zu entfernen, wurden seine Werke für einige Jahre in der Bundesrepublik Deutschland boykottiert. Den Vorwurf des „Salonkommunisten“ und des „musikalischen Konterrevolutionärs“ musste er sich trotzdem gefallen lassen. 

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Am Erfolg seiner klangsinnlichen, irgendwie süffigen Musik änderte das wenig. So hatte auch Henzes Liederzyklus „Voices“ trotz seiner gesellschaftskritischen Texte und einer vielleicht irritierenden Stilvielfalt bei seiner deutschen Erstaufführung 1974 in Wiesbaden einhelligen Erfolg. Oft gespielt wurde er trotzdem nicht – gewiss auch wegen der enormen Anforderungen an die Ausführenden. Auch das Ensemble UnitedBerlin nahm ihn sich erst 25 Jahre nach der ersten Auseinandersetzung wieder vor, im Rahmen des vom Konzerthaus Berlin veranstalteten Festivals „Vom Anfangen“ und zum 100. Geburtstag des Komponisten. Damals wie heute dirigierte Vladimir Jurowski. 

Henzes „Lied von der Erde“ sind diese 22 Gesänge manchmal genannt worden, vielleicht wegen der gleichen Besetzung mit einem Tenor und einem Mezzosopran, vielleicht wegen des Eintauchens in andere Kulturkreise, vielleicht auch, weil sich die Klangsphären und -materialien mischen, wie dies auch Mahler ansatzweise vornahm: „Volkstümliches“ und Artifizielles, Einfaches und Komplexes, Traditionelles und Experimentelles. Aber dann ist es doch eine ganz andere Erde, die Henze meint. Sie hat nichts Naturhaftes, beschwört weder ewige Kreisläufe noch ihre Gefährdung. Hier geht es allein darum, was Menschen anderen Menschen antun können, um Krieg, Gewalt und Unterdrückung, um die „Erniedrigten und Beleidigten“: Gefangene im Vietnamkrieg, das elende und ständig gefährdete Leben schwarzer Arbeiter, Nazi-Greueltaten, aber auch Aufforderungen zur Gegenwehr wie in „Keiner oder Alle“ von Bert Brecht. Soll das Verfallen in den Agitprop-Jargon à la Eisler oder Dessau an dieser Stelle wirklich andeuten, dass Henze die von Brecht empfohlenen Strategien solidarischen Handelns heute für nicht mehr tauglich hält, wie der Henze-Experte Peter Petersen vermutet? Zumindest hier wirkt seine Vertonung plakativ, schafft Distanz. Andernorts erzeugt seine klangsinnliche Expressivität höchste Beteiligung.

Es spricht für Henzes insgesamt differenzierte und undogmatische Herangehensweise, dass er an den Beginn seines Zyklus ein Gedicht von Heberto Padilla stellt, jenes kubanischen Dichters und Journalisten, der als „Konterrevolutionär“ verhaftet und zur Selbstanklage gezwungen wurde. Für seinen Protest dagegen musste sich Henze, gemeinsam etwa mit Jean-Paul Sartre, Susan Sontag oder Hans Magnus Enzensberger von Fidel Castro als „schamloser Pseudo-Linker“ beschimpfen lassen. Pedillas Gedicht „Los poetas cubanos ya no sueñan“ (Die kubanischen Dichter träumen nicht mehr) weitet sich zur dramatischen Szene, in der sich weitgespannte Melodik über zunächst filigranen, dann bedrohlich zugespitzten Bläserfiguren zum Aufschrei steigert – vom Träumen zum gewaltsam erzwungenen Sehen. Peter Pantsits, für Paul Curievici eingesprungen, erfüllt dies mit aufrüttelnder Intensität, eher noch erhöht durch die manchmal spürbare Überanstrengung seines schlanken, zuweilen schneidend stählernen Tenors.

Einmal mehr zeigt sich Henze als Meister der Stimmbehandlung und dramaturgischen Gestaltung. „Caino“ geht ähnlich unter die Haut, die Schilderung einer Begegnung zwischen einem Resistenza-Kämpfer und einem Wehrmachtssoldaten, die als Bruderkampf von „Kain und Abel“ gedeutet wird. „Screams“, der Sammlung „Black Fire“ des Afroamerikaners Walton Smith entnommen, schleudert in beinahe naturalistischen Schreien die Namen amerikanischer Machthaber heraus, Schreie, die noch die Ekstase der Liebe und das Spiel der Kinder durchdringen. Alice Lackner gibt dem ariose Wucht – doch die Mezzosopranistin verfügt auch über zarte, reich nuancierte Töne bei immer hervorragender Textverständlichkeit. 

Auf Italienisch, Deutsch, Englisch und Spanisch wechseln die Gesänge. Henze folgt dem jeweiligen Sprachduktus minutiös, setzt sein 15-köpfiges Instrumentarium variabel und kammermusikalisch transparent ein. Häufig wird das reich und fantasievoll bestückte Schlagwerk zum Alltagsgeräusch erweitert: da rasseln Eisenketten auf die Trommelmembran, um in Ho Chi Minhs „Prison Song“ die Gewalt gegen in Eisen geschmiedete Vietkong zu brandmarken; in Wasser getauchte Gongs kennzeichnen jaulend öde Dekadenz, mit Holz geschlagene Pauken simulieren gemischt mit veritablem Füßestampfen die Gewalt schwerer Stiefeltritte, durcheinander quäkende Transistorradios, in Cha-Cha-Cha-Rhythmen mündend, vereinen sich zum „Electric Pop“ amerikanischer Medienmanipulation. Dazu dürfen die Musiker:innen bunte Luftballons mit Zwillen abschießen. Henzes Klangsprache basiert auf „Gestalten, die davon ausgehen, dass ihre Grundformen bekannt sind für die Hörer“. Denn um Verständlichkeit, das Erreichen seiner Hörerschaft war es ihm zu tun. Während seine Avantgarde-Kollegen nach Kriegsende tabula rasa machten, da ihnen das traditionelle Material verbraucht und im hehren Anspruch des „Wahren, Guten, Schönen“ missbraucht erschien, wollte er „den Schönheitsbegriff der Klassik in unsere Zeit“ transportieren – so erreicht er eine Sinnfälligkeit und Unmittelbarkeit mit einschlägig konnotierten Elementen, die gelegentlich das Klischee streifen können. Was zuweilen als Schwäche erscheint, ist zugleich seine große Stärke. So summen die Musiker:innen in „The Worker“ a cappella einen Gospelchor, den Maschinen-Unfalltod eines schwarzen Arbeiters beklagend; die zur nächsten Mietzahlung und zum Käsepreis abschweifenden „Gedanken eines Revue-Mädchens während des Entkleidungsaktes“ (Bert Brecht) begleiten ironisch aufjaulende Tangorhythmen; in „Recht und billig“ (Erich Fried) steht eine Dixieland für „amerikanische Gemütlichkeit“, der eine höhnisch fiependen Es-Klarinette die empörend geringen Entschädigungszahlungen an vietnameische Kriegsopfer vorhält. Subtile Verfremdung überhöht die skurrile Vorstellung eines deutschen Generalstreiks in „Vermutung über Hessen“ von F. C. Delius, wenn die Musiker ebenso dilettantisch wie die politischen Akteure ihnen fremde Instrumente bedienen müssen. Ermutigendes beschließt jeweils die beiden Teile des Zyklus’: Brechts auch von Hanns Eisler vertonte „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ mit der Botschaft des weichen Wassers, das den Stein bricht – eine fast humoristische Szene, in der das Gesangsduo gleich drei Rollen einnimmt – und Enzensbergers Azteken-Adaption „Blumenfest“, ein terzenseliger Flower-Power-Tanz, dem mit Fingern geriebene Wassergläser illusionäre Atmosphäre verleihen.

Das Ensemble UnitedBerlin, dem Vladimir Jurowski trotz seiner internationalen Verpflichtungen seit 30 Jahren die Treue hält und das mit ihm als „artistic advisor“ so wichtige Portrait-Projekte wie „Claude Vivier“, „Georg Katzer“ oder „Pierre Boulez“ entwickelte, spürte der Stilvielfalt dieses „Versuchs, politische Kunstlieder in einer zeitgemäßen Musiksprache zu schreiben“ so differenziert wie engagiert nach, belebte auch eher ihre sinnliche Klangschönheit als anklagende Aggressivität, wie sie älteren Interpretationen zu entnehmen ist. Henzes Anliegen, eine individuelle Stimme zu erheben, als Einspruch gegen Gleichschaltung und Meinungsmanipulation, als Bestreben „des Künstlers, etwas ausrichten (zu) wollen in einer ziemlich fürchterlichen Welt“ ist wahrnehmbar in einer Komplexität des Wort-Tom-Verhältnisses, die zu nachhaltiger Auseinandersetzung auffordert.

Die Gedichte zumindest waren in Buchhandlungen erhältlich, die man heute von Staats wegen gerne schließen möchte.

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