Mit fünf ausverkauften Vorstellungen des Konzerttheaters „Wie das flunkert“ endet(e) am 20. Mai die 20. Münchener Biennale für neues Musiktheater in der ersten Runde mit Katrin Beck und Manuela Kerer als neuer Doppelspitze. Nicht in der Muffathalle und schon gar nicht in einem der großen Konzertsäle Münchens, sondern im Schauburg-Labor, ziemlich weit entfernt vom Zentrum und fast an der Autobahn. Strategie oder Planungseffekt?
V01CES//B0D1EZ. Foto: Cordula Treml
Familienfreundlich und offen: Finale der 20. Münchener Biennale für neues Musiktheater
Ein großer Profiteur des einzigen Uraufführungsfestivals für neues Musiktheater, ein Brückenbauer zu deren Entstehung und – was sich an „Wie das flunkert“ bestätigt – Zukunftsmotor des neuen Musiktheaters ist der thailändische Komponist Piyawat Louilarpprasert. Wenn er dem Gesangszyklus „Voices“ des Biennale-Gründers Hans Werner Henzes in die eigene Schöpfung „R3SIST4NC3 B0D1EZ“ schweißt und in dem Kinderstück „Wie das flunkert“ für Ü8 ein Brassquartett zum Klingen und Springen bringt, reizt er den ganzen Kosmos aus, den die Biennale derzeit abbildet. Von den drei Zeitebenen der von Henze in „Voices“ dargestellten physischen Arbeitsfron(t) des 20. Jahrhunderts, den digitalen Workspaces der Gegenwart und der die Menschen infizierenden Roboterisierung ist es nur ein ganz kleiner Schritt zu Louilarppraserts Konzerttheater.
Sofern man ausklammert, was die Münchener Biennale im Mai mit 11 Uraufführungen, zahlreichen Installationen und zu eigenen Veranstaltungen angebotenen Begleitbegegnungen noch umtrieb. Das war – konzeptionell benannt – die Auseinandersetzung mit Archiven und Wissensspeichern im bescheidenen Wissen um die eigene artspezifische Limitiertheit und als Strang durch mindestens vier Produktionen weitgehend verschwiegen – die Sehnsucht nach verlorenen Ritualen, Fertigkeiten und natürlichen Bedingtheiten. Nach außen zählt das kaum riskante Abenteuer in sicheren Rahmenbedingungen – thematisch und als Präsentation. Die im Editorial beschworene „komplexe Gegenwart“ drückte auf zahlreiche Splitterwahrnehmungen. Vom Anspruch, wirklich möglichst viele Parameter und Mittel des „Musiktheaters“ in einem Opus zu finden, war man weit entfernt. Aber es gehört vielleicht zu den Eigenheiten der älteren Generation, dass sie Musiktheater dringlich mit jedem der Parameter Gesang, Dramatik und Spannung assoziiert. Grenzüberschreitungen und Fokussierungen gab es zahlreiche, zum Beispiel das Ritual „Endlich“. Aber das ästhetische Mit- und Gegeneinander von Sprache, Bewegung und Musik als Ebene über dem Inhalt fand kaum statt.
Endlich. Foto: © Frol Podlesnyi
Das bestätigte sich in der Sonntagnachmittagsvorstellung von „Wie das flunkert“ im fast ausverkauften Schauburg Labor. Die vier Blechbläser des Ensembles Tetra Brass waren brillant: Luca Chiché, Aljoscha Zierow, Christian Traute und Jakob Grimm. In bunter Kleidung wie Narren und Spielmänner eines Märchenstücks umkreisen sie die mit buntem Requisiten-Tand versehene, einem Katzenkratzbaum ähnelnde Säule (Ausstattung: Lisa Fütterer). Wichtigste Motoren des Textes sind Megafon und Telefon, durch welche Aufträge und Wettbewerbsimpulse an die Musiker verteilt werden. Im Gegensatz zu pädagogischen Ansätzen früherer Generationen erfolgen Angebote zum Flunkern an das Publikum ironiefrei und kommentarlos. Ein bisschen Schmus und Schmäh gehört beim beherzten Weg nach vorn einfach dazu. Der Text entstand unter Beisein von Theaterpädagogik (Thilo Grawe) und Dramaturgie (Katharina Engel). Insgesamt war alles schön bunt und am Ende erweitert sich das Blasquartett um den interessiert fragenden Fünften (Anh Kiet Le): Letzterer lügt mit gutem Grund und besten Absichten, weil er das Quartett durch seine Mitwirkung zum Quintett machen möchte.
Wie das flunkert. Foto: © Frol Podlesnyi
Dieses Biennale-Finale stimmt unter Daniella Strasfogels Regie hoffnungsfroh. Es setzt auf die Interaktion der Protagonisten im Spiel untereinander und mit dem Publikum, an welches sogar Tröten zum Mitpfeifen ausgegeben werden. Das ist ein ebenso deutlicher Disziplinierungsakt auf interaktiver Ebene wie im Finale von „V01CES//B0D1EZ“, wenn sich die Mitwirkenden des Spiels den Bewegungen des Roboters angleichen und so Gemeinschaftssinn mit Uniformität verwechselbar wird. Es imponiert, wie Piyawat Louilarpprasert, für den jeder Gegenstand als Instrument eine Berechtigung hat, Technik- und Klangliebe gleichermaßen umzusetzen gewillt ist. Damit stellt er sich bestens auf für eine Biennale-Zukunft, welche das Splitterhafte und nicht mehr das Ganzheitliche zu suchen scheint. Als Gesamtkunstwerk und was der Gründer Henze in seinen Opern sowie den ersten Biennale-Aufträgen zu realisieren versuchte, war die zeitgleiche Uraufführung von Brett Deans „Of One Blood“ im Nationaltheater München weitaus näher als die meisten Biennale-Beiträge. Es wird spannend, ob es von den Biennale-Titeln 2026 Zweitproduktionen geben oder ob es beim exquisiten Einzelfall bleiben wird. Momentan tendiert das Neue (Musik-)Theater in Widerspruch zum Nachhaltigkeitsstreben eher wie das Synonym für „kurze Gegenwart“.
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