Die Geschichte des verarmten Edelmanns Alonso Quijaada aus La Mancha, der sich nach der exzessiven Lektüre von Ritterromanen selbst unter dem Namen Don Quijote auf eine Abenteuerreise begibt, stringent zu erzählen, war nicht die Absicht des Regisseurs Thom Luz. Er wollte mit einem Opern-Pasticcio gerade die Heterogenität und Episodenhaftigkeit des in zwei Teilen (1605/1615) erschienenen Romans von Miguel de Cervantes unterstreichen. Deshalb hat Mathias Weibel für seine Arrangements aus den vielen Vertonungen gleich 13 Werke von 12 Komponisten aus 5 Jahrhunderten ausgewählt, die er zum Teil auf engstem Raum aufeinanderprallen lässt.
‹Don Quijote› Opern-Pasticcio von Thom Luz. Foto: Ingo Höhn
Flickenteppich mit Geniestreich – „Don Quijote“ Opern-Pasticcio von Thom Luz am Theater Basel
Allein schon in der Ouvertüre wechselt das Kammerorchester Basel unter der Leitung von Eduardo Strausser zwischen der „Burlesque de Quixote“ von Georg Philipp Telemann, der Oper „Die Hochzeit des Camacho“ von Felix Mendelssohn Bartoldy, der den Abend dominierenden Oper „Don Quichotte“ von Jules Massenet, der Zarzuela „La venta de Don Quijote“ von Ruperto Chapí y Lorente und weiteren Vertonungen. Die Stilwechsel gelingen dem Kammerorchester Basel gut, die Übergänge funktionieren. Nur im Detail liegt am Premierenabend vieles im Argen. Intonatorisch gibt es gerade in der Bassgruppe immer wieder Trübungen, etliche Bläsereinsätze sind nicht zusammen, der Streicherklang gerät im 20-köpfigen Orchester mitunter zu dünn und spröde.
Am Ende stirbt er doch – im Roman und auf der Bühne des Basler Theaters. Sancho Panza findet noch ein paar tröstende Worte. Dann berichten die Mitglieder des Opernstudios zu den Klängen von Jules Massenets Oper „Don Quichotte“ gleichzeitig in verschiedenen Sprachen vom Tod des Protagonisten. Das Ende sei im Anfang schon enthalten, sagten die Dichter. Aber Anfänge ohne Ende seien besser. Der vielschichtige, fantasievolle, manchmal auch langatmige und ein wenig zusammengeklebt wirkende Abend über Don Quijote, den Ritter der traurigen Gestalt, geht mit einem Augenzwinkern zu Ende. Und wird vom Basler Premierenpublikum mit stehenden Ovationen gefeiert.
Den Abend eröffnet der präsente Schauspieler Jan Bluthardt in der Rolle des Autors Cervantes. Dass er über weite Teile Spanisch spricht, ist eine Hommage an den originalen Roman, macht den komplexen, mit deutschen und englischen Übertiteln versehenen Abend aber auch schwerfälliger, zumal neben Deutsch zusätzlich auf Französisch und Englisch parliert wird. Die Idee, mit der Sterbeszene anzufangen, ist dagegen ein kleiner Geniestreich. „Je ne veux pas morir“ – ich möchte nicht sterben – sagt Dietrich Henschel als Don Quijote auf dem Totenbett, springt von der Bühne und flieht durch den Zuschauerraum ins Foyer. Seine von Henschel stimmlich manchmal etwas forciert gestalteten Abenteuer sind nicht nur Flucht vor dem bevorstehenden Tod, sondern auch vor dem Autor Cervantes, der ihn in seinem Buch beerdigen möchte, um selbst berühmt zu werden.
Mit André Morsch als Sancho Pansa hat dieser Don Quijote einen so kräftig wie beweglich singenden Kameraden an seiner Seite, der vor allem ans Essen denkt und die Höhenflüge seines vermeintlichen Ritterfreundes zu erden versucht. Daneben gibt es mit Ervin Ahmeti, Marius Aron, Harpa Ósk Björnsdóttir, Hope Nelson und Nathan Schludecker ein großartiges Quintett aus dem Basler Opernstudio, das die Geschichte mal kommentierend, mal agierend vorantreibt.
Die Täuschungen, die Don Quijote auf seinen Abenteuern erlebt, bringt Regisseur Thom Luz sehr poetisch mit echten und künstlichen Schatten auf die Bühne. Auch das horizontal und vertikal drehbare Arbeits- und Sterbezimmer von Don Quijote (Bühne: Muriel Gerstner), das auch mal auf dem Kopf stehen kann, ist ein Symbol für die fließenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Die weißen, gesteppten Oberteile von Don Quijote und Sancho Panza changieren zwischen Clowns-Wams und Zwangsjacke (Kostüme: Tina Bleuler). Die Rückseite des Zimmers erinnert an eine Psychiatrie. Auch das allmähliche Verrücktwerden zeigt Regisseur Thom Luz.
Musikalisch kann das Pasticcio die theatralische Aussage verstärken, wenn in Wilhelm Kienzls Oper sich die fünf Opernstudio-Solisten die Aussage „Ich bin Don Quijote“ aufteilen und das Kammerorchester Basel die Verwirrung der Hauptfigur mit Glissandi nachzeichnet. Auch der Kampf gegen Windmühlen, die hier nur riesige Schatten sind, wird mit der packend gespielten Orchestersuite von Telemann dramatisch befeuert. Aber beim taktweisen Wechsel zwischen den Barockkomponisten Telemann und Conti im Streitgespräch von Sancho Panza und Don Quijote hält sich der künstlerische Mehrwert in Grenzen – wie auch insgesamt das Nebeneinander der musikalischen Fetzen einen Flickenteppich ergibt, der nur in Teilen überzeugt.
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