Die Headline der neuen Kooperation zwischen dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und den Schmidt-Bühnen entpuppt sich in „Peter und der Wolf von St. Pauli“ als interessante Begegnung von Klassik und Kiez. Schmidts Tivoli bringt zusammen mit Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber, dem Journalisten Axel Brüggemann und dem Hauskomponisten Martin Lingnau einen der dunkelsten Kriminalfälle der Hamburger Nachkriegsgeschichte auf die Bühne. Es geht um den Werdegang des Auftragsmörders Werner „Mucki“ Pinzner, garniert mit Sergej Prokofjews bekannter Komposition „Peter und der Wolf“.
HSO - TIVOLI. Peter un der Wolf von St. Pauli. Axel Brüuggemann, Omer Meir Wellber, Carolin Spiess. © Morris Mac Matzen
„Frack off! Zwei Welten. Eine Bühne“ – Kiez meets Klassik in Hamburg
Hinzu kommt eine Auswahl von bekannten Hits aus dem Bereich der Klassik und der Popmusik („Samba Pa Ti“ von Santana, „La Paloma“, „Das Herz von St. Pauli“, „Der Tod und das Mädchen“, Franz Schubert, „Jenseits von Eden“, Nino die Angelo usw.) sorgen für ein passendes Ambiente, wie auch umgangssprachliche Bezeichnungen für wichtige Körperteile beim Geschlechtsverkehr, wie „steifes Mandelhörnchen“ und „feuchter Honigfeige“.
Peter, sein Großvater und der Wolf kommen in dieser Version nicht vor. Stattdessen übernimmt gleich zu Beginn Jutta, die Ehefrau von Werner „Mucki“ Pinzner das Wort und spricht schonungslos über unerfüllte Sehnsüchte, ihrer „trockenen Muschi“, die gerne mal wieder „ficken“ würde und einem Leben, das längst vorbei ist. Dass sie selbst nicht mehr lebt, verleiht dem Monolog eine makabre Note. Aber dazu später.
So waren sie eben, die wilden Achtziger auf St. Pauli zwischen Sex, Revierkämpfen und eskalierender Gewalt. Wo Auftragskiller wie Pinzner mit weißen Lederhandschuhen im Auftrag des „Wiener Peter“ Zuhälter-Kollegen mit Namen wie Lackschuh-Dieter oder Corvette-Rolf ermordete. Der Abend zeichnet ein Panorama von Abhängigkeiten und Verstrickungen und der ins Pathologische kippender bedingungslosen Liebe von Pinzners Ehefrau, einer Rechtsanwältin, die zur Komplizin wird und eine Pistole ins Polizeipräsidium schmuggelt; einer Polizei, die im Sog von Naivität, Überforderung und institutioneller Blindheit keine rühmliche Rolle in dieser Katastrophe spielt. Dass die Mordserie schließlich in einem inszenierten Suizid im Präsidium gipfelt, nachdem Pinzner seine Frau und den Staatsanwalt Wolfgang Bistry erschossen hat, macht die Geschichte eher zur düsteren Moritat. Es hat auch etwas von der berühmten „Banalität des Bösen“, von der Hannah Arendt sprach, wozu auch passt, dass Autor Axel Brüggemann sich so überhaupt nicht um die Kollateralschäden der Handlungen dieses Mörders kümmerte, der sich einen „grandiosen Abgang“ wünschte und eine Verfilmung seines Lebens mit Götz George. Nun, dazu kam es nicht, aber immerhin zu einem Bühnenstück auf St. Pauli.
Bei der Aufführung hockt Brüggemann in Polizeiuniform vor dem Orchester und spult die Mordgeschichte anhand der Polizeiakten schleppend herunter. Vielleicht eine versteckte Kritik am damaligen unprofessionellen Verhalten der Polizei oder schauspielerisches Unvermögen? Man weiß es nicht. Rechts von ihm, am zweiten Mikrofon, erzählt Carolin Spieß als Jutta, Pinzners höriger Frau aus dem Jenseits. Nun zweifelt sie an seiner Liebe. Carolin Spieß ist eine herausragende Schauspielerin und Sängerin, deren Interpretation des Hits „Jenseits von Eden“ unter die Haut geht. Ihr gelingt es subtil, die verschwurbelten Gedankengänge dieser Frau nachzuzeichnen.
Vor der Kulisse des Musicals „Heiße Ecke“ – also Reeperbahn-Ästhetik pur – musizierte das auf 15 Musiker reduzierte Philharmonische Kammerorchester im Schmidts Tivoli unter Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber präzise und agiert dabei als ebenso brillanter Akkordeonist. Insgesamt war es ein kurzweiliger Abend, wenngleich sich die Logik der Idee, Prokofjews Musik als Soundtrack für diese Geschichte zu verwenden, überhaupt nicht erschloss. Wie auch der Sinn des folgenden Satzes: „Pinzner hatte zu viel gemordet“, der sich moralisch wie semantisch überhaupt nicht auflösen lässt. Gibt es ein Zuviel des Mordens? Sicherlich nicht! Aber so war sie eben, „die gute alte Zeit“ – Oder?
Aber es stellt sich schon die Frage, ob man solchen skrupellosen Mördern wirklich die große Bühne bieten muss. Wie dem auch sei, die Kooperation „Frack off! Kiez trifft Klassik“ ist ein begrüßenswertes Unterfangen, auch wenn die These, dass hier bewusst der Sprung zwischen zwei Welten gewagt würde, etwas überzogen ist, St. Pauli ist längst ein beliebter Touristenmagnet. Dass das Philharmonische Staatsorchester Hamburg und die Schmidt-Bühnen auf St. Pauli zusammenarbeiten ist nur zu begrüßen. Das sieht auch Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien, so: „Die Welt dreht sich weiter: Aus Wölfen werden Kiezmörder und aus der vermeintlichen dörflichen Idylle wird das Hamburger Rotlichtmilieu. Was bleibt, ist die Kraft der Kultur. Sie kann uns helfen, diese Welt zu verstehen, und aus ihr kann etwas ganz Neues entstehen, wenn sich mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und den Schmidt-Bühnen das Beste aus zwei Welten zusammenschließt.“ Aber muss man unbedingt „Frack off“ kalauern? Man weiß es nicht!
Aber das Publikum applaudierte begeistert. Man darf neugierig sein, was als Nächstes kommt. Es soll irgendetwas mit Beethoven sein.
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