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I Capuleti e i Montecchi - Tragedia lirica in zwei Akten von Vin | ©Joseph Ruben Heicks

I Capuleti e i Montecchi - Tragedia lirica in zwei Akten von Vin | ©Joseph Ruben Heicks

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Frauensache! Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ in Braunschweig als großes Musikereignis

Vorspann / Teaser

Vincenzo Bellini komponierte seine „Romeo und Julia“-Adaption mit großer Eile 1830 für das Teatro La Fenice in Venedig. Die Hosenrolle des Romeo ist nach wie vor eine der original für Frauenstimme komponierten Paradepartien. Unter Prämissen der historisch informierten Aufführungspraxis kommt sie für männliche Counterstimmen nicht in Betracht, weil nach 1825 kaum noch Kastratenpartien entstanden. Ist die Darstellung als lesbische Liebe in einem toxischen Patriarchat eine sinnstiftende Alternative? Am Staatstheater Braunschweig triumphierte unter dem sensiblen Dirigat von GMD Srba Dinić die Musik mit den Sängerinnen Nina Solodovnikova (Giulietta) und Milda Tubelytė (Romeo).

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Frauenliebe in einem mafiösen Milieu! Am Staatstheater Braunschweig entschloss sich das Produktionsteam zu dieser erhöhte Aufmerksamkeit versprechenden Sicht auf die Belcanto-Legende „I Capuleti e i Montecchi“, eine „Romeo und Julia“-Adaption fast ohne Shakespeare-Bezug: Jan Eßinger nahm die Beziehung zwischen der forschen Rebellin Romeo und der sanften Widerständlerin Giulietta als eine intensive Liebe wie jede andere. Denn Bellini setzte zwei Frauenstimmen für die Liebenden gegen die toxischen Chor-Rotten und männlichen Machthülsen – ein koloristisch nachdrückliches wie deutliches Farbspektrum. Eßinger agierte allerdings weniger konkret als zum Beispiel Ilaria Lanzino, die in der Spielzeit 2023/24 am Staatstheater Nürnberg aus der Liebe von „Luc(i)a di Lammermoor“ und Edgardo ein gesellschaftstopographisch spannendes Drama entwickelt hatte. In Braunschweig erhält Bellinis „Tragedia lirica“ eine zwar besondere, aber keine sonderlich aufregende Farbe. Die Außenseiterposition einer Liebe über die Barrieren verfeindeter Politgruppen gehört zu den wichtigsten Narrativen der Kulturgeschichte – in welcher Konstellation auch immer. 

GMD Srba Dinić ermöglichte dem Staatsorchester Braunschweig und dem von Johanna Motter eher zu Bellini-Kompetenz als Konzept-Bezug angeleiteten Herren-Chor eine angemessen prachtvolle Leistung. Dirigat und Orchester machen die Einmaligkeit des Werks deutlich. Dass Dinić sich nicht durch die Regie dazu manipulieren ließ, das Mafioso-Ambiente mit instrumentalen Verdickungen nachzuzeichnen, hat Klasse – auch seine Sensibilität für die insgesamt exzellente Besetzung. Diese kann ihm bedingungslos vertrauen. Philipp Kapeller in der Partie von Giuliettas Verlobtem Tebaldo zeigt, dass die Macho-Attitüde der ersten Arie für die Figur – hier ein Adlatus mit Scheitel und blässlichem Auftreten – etwas zu groß ist. Seinen Strahlemoment hat Kapeller in der genau inszenierten Schlägerei und dieser folgenden Versöhnung mit Romeo. Rainer Mesecke als wenig profilierter Helfer Lorenzo und Sungjun Cho als autoritärer Capellio zeigen das Männergefüge und dessen blässliche Uniformität - so nüchtern und sachlich wie die mattbeigen Anzüge von Natascha Maraval. 

 

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I Capuleti e i Montecchi - Tragedia lirica in zwei Akten von Vin | ©Joseph Ruben Heicks

I Capuleti e i Montecchi - Tragedia lirica in zwei Akten von Vin | ©Joseph Ruben Heicks

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Flucht aus dem Realismus in die komponierten Utopien signalisiert das Bühnenbild Marc Weegers. Eine enge Betontreppe von der klassizistischen Repräsentationsebene in die von Romeo mit Graffiti auf Anfängerniveau besprühten Wände eines Garagenkellers ist der Hauptschauplatz. Da drängeln sich die Macho-Maden zusammen und freuen sich auf die Präsentation ihres Filetstücks Giulietta: Diese ist – logo – eine Luxusfrau mit Model-Qualitäten, eingepresst in ein Hochzeitskleid aus Barbie-Pink mit Unmengen Stoff für Rock und Riesenschleppe. Romeo dagegen: Eine Feministin mit theoretischem Hintergrund und textilen Inspirationsmomenten bei Vivienne Westwood, die gern am Steuer der Limousine des gehassten Capellio posiert. Eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit der Akzeptanz fraulicher Homosexualität in mafiösen Seilschaften findet nicht statt, aber die Stimmen der Liebenden vereinen sich fast noch schöner als in anderen herausragenden Vorstellungen. 

Wenig zur Verdichtung des Regie-Anliegens hilft, dass in der Ouvertüre gezeigt wird, wie die Liebe Giuliettas und Romeos aus einer Kinderfreundschaft wächst, Giulietta in den Schlussakkorden erst ihren Vater abknallt und dann den Revolver auf sich richtet. Insgeheim finden sich immer wieder Momente, in denen sich die Szene der Musik unterordnet. Schon im ersten Solo findet Milda Tubelytė den ideal elegischen Gestus und berückt mit einem melancholischem Schleier, den sie in allen dramatischen Momenten hält. So wächst sie über die szenischen Zuweisungen hinaus. Nina Solodovnikova wertet die sehr homogene und deshalb schwierigere Partie der Giulietta dramatisch auf. Die wunderschönen Melodien gliedert sie rhetorisch und gestaltet brillant im obersten Spektrum des Erwartungshorizonts. Großer Applaus.

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