Der Deutsche Wald, beschrieben und besungen von ungefähr Tacitus bis „Holla die Waldfee“, durchaus mit exquisit Empfundenem etwa von Schubert (Nachtgesang im Walde), Schumann (Waldszenen), Wagner (Waldweben), Brahms (Waldesnacht), galt lange Zeit auch als nationaler Sehnsuchtsort par excellence: „Deutsch Panier, das rauschend wallt“, wie Eichendorff noch im antinapoleonischem Schwung der Freiheitskriege dichtete. Weswegen auch der Wald genauso zum Schreckensort im „Freischütz“ geriet, jedoch auch zur Banlieue ausgegrenzter Armut in „Hänsel und Gretel“. Oder zum Horror in Wilhelm Hauffs sozialkritischem Märchen vom steinernen Herzen des Peter Munk, gegen welches er sein eigenes tauschte, um derart empathielos vom Köhlerjungen zum kohlenverbrauchenden Unternehmer und schließlich zum Geldverleiher sich selbstoptimieren zu können. Klang da schon die Klage um den Raubbau durch Köhlerei und Holzwirtschaft deutlich an, so sind wir heute durch den Sauren Regen der 80er und die folgenden klimabedingten Verheerungen durch Orkane, Brände, Trockenheit und Borkenkäfer da viel weiter. Siehe den aktuellen Waldzustandsbericht. Und so gebärdet sich Matthias Pintschers „Das kalte Herz“, von der Staatsoper Unter den Linden beauftragt, als ein musikalisches Update zur gegenwärtigen Lage von Wäldern wie Empfindungen, und schreibt so nebenbei den typisch deutschen Nexus von Wald- und Gefühlsleben fort.
Samuel Hasselhorn (Peter) Foto: Bernd Uhlig
Friedhof der Kuschelwölfe – Matthias Pintschers „Das kalte Herz“ nach Wilhelm Hauff an der Lindenoper uraufgeführt
Das tut der Komponist Pintscher, der bei dieser Produktion auch die Staatskapelle selbst dirigiert, mit seiner gekonnten écriture, mikrotonal aufgefächert, rhythmisch vielfältig. Alles klingt gut und gut gemacht in den 12 Tableaux und vier intermittierenden Waldmusiken, fein ausgehört und selbstverständlich fein ausgespielt vom Orchester. Nur wird man über die knapp 110 Minuten nie wirklich den Eindruck los, diese Musik, die zudem oft nach … klingt, könnte auch für ein anderes Stück bestimmt sein. Vielleicht, weil der Expat Pintscher, der hier, wie er ausführt, inspiriert durch Spaziergänge im Schwarzwald für den „singenden Menschen“ und in deutscher Sprache komponieren wollte, für die koproduzierende Pariser Opéra Comique auch eine Fassung in französischer Sprache erstellt hat, an der er „nur einen einzigen Takt“ ändern musste. Was nun?
Vielleicht jedoch hat der Eindruck der musikalischen Beliebigkeit seinen tieferen Grund in dem Text von Arkadij Gerzenberg, der im ganz klassischen Sinne vertont wurde. Dazu ist er aber, über die Verschwurbeltheit des Plots hinaus, sprachlich zu betulich und poetisch ausgesprochen hilflos: „Diese Lichtung ist das glühende Siegel unseres Schweigens“. Si tacuisses… Dann aber „Der Duft der gespaltenen Bäume rührt mich nicht“, „Morgenlicht in wiegenden Wipfeln“ oder „Schwarzschlaf“: Derlei zopfig-holprigen Unsinn kann man bestenfalls gekonnt wegkomponieren.
Was die eigentliche Handlung anlangt, so haben Komponist und Librettist, die ihr Werk ausdrücklich Oper nennen, aus Wilhelm Hauffs Märchen eigentlich nur den Wald und das Herz entnommen, vielfältig verwendbare Motive der Romantik, die zusammen mit Altägyptischem und Alttestamentarischem (Kainsmal!) zu einem trüben Shake aus Mythen und Märchen verrührt wurden. Peter, dessen Aufstiegszwänge und Manen eher zu erraten als klar sind - er leidet halt -, trifft im Schwarzwald nicht auf Hauffs Glasmännlein und den Holländer-Michel, schon gar nicht auf Samiel, den Schwarzen Jäger C. M. von Webers, sondern auf den schwarzen Schakal des ägyptischen Totengottes Anubis. Oos und Murg münden hier nicht in den Rhein, sondern in den Nil, oder Wald trifft Wüste. Aber Ambiguitätswitz ist Gerzenbergs Sache nicht, und so fordert der hier weiblich gelesene Totengott Peters Herz als Sühne für die „Untaten der Staubgeborenen“, welches ihm schließlich seine Mutter herausschneidet. Bei so viel kultureller Achtsamkeit gegenüber Genderfluidität (Peter ist die einzige männlich zu lesende Figur), dem Umgang mit der Schöpfung oder fremden Kulturen, da stößt es befremdlich auf, dass es allesamt Frauen in Gestalt von Mutter oder Göttin sind, die das Herzblut des einzigen Sohnes hier vergießen. Immerhin ist es gut gemeint.
Rosie Aldridge (Anubis), Samuel Hasselhorn (Peter) Foto: Bernd Uhlig
Der musikalischen Willkürlichkeit schmiegt sich die Inszenierung von James Darrah Black passgenau an als die zur exquisiten Klangtapete gleichermaßen edle Bildtapete, freilich mit Figuren (Kostüme: Molly Irelan) und bewegt durch, natürlich, Projektionen (Video: Hana S. Kim). Der Wald, säurezerfressen, verfärbt sich bedeutsam, bis zu Anubis‘ Ankunft alles in Rot versinkt. Blut, versteht sich (Bühne: Adam Rigg). Zwischendurch Auftritte von links, ab nach rechts. Nur die Kadaver der Wölfe bleiben stets vom Schnürboden hängen, Dutzende Bälger, Symbole für Opfer und Verlust. Und wenn die großen Stiff-Tiere ganz am Schluss abgehängt werden, decken die Komparseriedamen sie liebevoll mit ihren Pelzmänteln zu. Kein Witz.
Schade also, und was für eine Vergeudung auch des ausgezeichneten Gesangsensembles mit, vorneweg, dem eindrucksvollen Samuel Hasselhorn als Peter, der warm-schmerzlichen Mutter von Katarina Bradić und der höhensicher exaltierten Rosie Aldridge als Anubis. Akzente setzten Sophia Burgos als Peters Braut Clara und, manierierter, Sunnyi Melles in der Sprechrolle der Azaël. Schade für einen hochwertig ausgeführten und exquisit ausgestatteten Opernabend, der so sinnlos wirkte wie ein hochpreisiger SUV des Hauptsponsors der Lindenoper. Wälder? Wölfe? Opern? Kollateralschäden eines Betriebs mit kaltem Herz. Sehr heftiger und wenig nachhaltiger Beifall.
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