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KS Iordanka Derilova (Alma), Edilson Silva Junior (Teles Melo), Kay Stiefermann (Mauro) und Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau. Foto: © Claudia Heysel

KS Iordanka Derilova (Alma), Edilson Silva Junior (Teles Melo), Kay Stiefermann (Mauro) und Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau. Foto: © Claudia Heysel

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Gelungener Auftakt mit brasilianischem Wimmelbild zwischen Jazz-Vergnügen und Frauen-Schicksal

Vorspann / Teaser

In Dessau hat das Kurt Weill Fest mit einem fantastischen Eröffnungskonzert und der deutschen Erstaufführung einer brasilianischen Oper begonnen.

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Dessau ist wieder im Festspielmodus. Auch, wenn das Ganze etwas bescheidener „nur“ Kurt Weill Fest heisst, ist es der Höhepunkt im Kulturkalender der Stadt. Mit internationalem Flair. Und das nicht nur, weil es den berühmten Sohn der Stadt und Namensgeber Kurt Weill (1900-1950) auch als amerikanische Variante gibt. Erzwungenermaßen, denn 1933 musste sich der Komponist mit jüdischen Wurzeln vor dem Rassenwahn der Nazis in Sicherheit bringen. Ab 1935 lebte und komponierte Weill in den USA – der in Dessau geborene starb in New York.

Das Eröffnungskonzert des noch bis zum 15. März laufenden Weill-Fest Jahrgangs im ausverkauften Anhaltischen Theater versetzte die angereisten Gäste und das heimische Publikum mit einem souveränen Programm-Mix in echte Festlaune. Dafür brauchte es keinen Programmzettel, denn im ersten Teil moderierte sich die schwedische Jazzposaunisten-Legende Nils Landgren selbst. Im zweiten Teil machte der Jazzpianist Jaja Wendt nicht nur am Flügel, sondern auch mit seinen Ansprachen ans Publikum bella figura, bei der der Funke übersprang. Für Landgren war es eine Rückkehr – er war hier schon vor drei Jahren mit einem Konzert zu Gast und davor auch schon mal Artist-in-Residence. Der einzige Wermutstropfen war, dass man von der fabelhaften Südafrikanerin Lerato Shadare (die zur Erstbesetzung von „Der König der Löwen“ gehörte), die Wendt als seinen Gast präsentierte, gerne noch mehr gehört hätte. Alle verstanden sich ganz offensichtlich blendend mit der auf der Bühne postierten Anhaltischen Philharmonie und ihrem Chef Markus L. Frank. Landgren mit gelassener Souveränität; Wendt mit wunderbarer Selbstironie gewürzt und Frank als sympathisch wohldosierter Partner. Sie alle machten den Abend zu einem puren Vergnügen. Für die Weill- und Jazzfans und für alle anderen! Der Jubel und die Stimmung beim Empfang danach waren entsprechend.

Am Abend drauf punktete Dessau mit einer Opern-Premiere der besonderen Art. Das Anhaltische Theater steuerte in diesem Jahr zum Weill Fest mit „Alma“ die deutsche Erstaufführung der einzigen Oper des Brasilianers Claudio Santoro (1919-1989) bei.

Entdeckungen dieser Art sind im Lande eines recht eng begrenzten Komponisten-und Werkekanons per se ein Verdienst. Wer hat hierzulande schon mal eine Oper auf Portugiesisch, noch dazu von einem brasilianischen Komponisten gehört? Und die Dessauer legen sich für diese Entdeckung gewaltig ins Zeug. Vor allem die Anhaltische Philharmonie unter Markus L. Frank begeben sich zwar nicht gleich in den brasilianischen Klangurwald, aber auf eine lustvoll ausgeschrittene Exkursion in eine in alle Richtungen stilistisch offen wuchernde Klangvielfalt. In der mag man den Willen zum Eigenständigen ebenso finden, wie die Tatsache, dass sich auch hier das Echo europäischer Musik wiederfindet. Ob sie im melodramatischen Ausbruch sängerfreundlich aufrauscht, sich in den verhaltenen Klänge der Bühnencombo zurücknimmt oder mit zackigen Rhythmen losmarschiert und geradezu eine Steilvorlage für die von Marcos Vinicius dos Anjos mehr autonom agierende, als nur illustrierende Dessauer Ballett-Truppe liefert. Überhaupt sind sie alle gefordert und in der Inszenierung von Christiane Iven meistens auch alle sichtbar. Inklusive des von Sebastian Kennerknecht einstudierten und von Ariane Isabell Unfried auf unterhaltungswütig kostümierten Chors.

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Ballett des Anhaltischen Theaters Dessau. Foto: © Claudia Heysel

Ballett des Anhaltischen Theaters Dessau. Foto: © Claudia Heysel

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Es geht wie in vielen Opern, auch hier um ein Frauenschicksal. Verhandelt wird die Erbsünde des Patriarchats – die rabiate Unterdrückung der Frau und ihrer Ausbeutung unter dem Deckmantel einer christlich verbrämten Sexualmoral. Alma gerät in die Prostitution, ist der Star in einem Bordell, das auch ihr hochmoralischer Großvater (Michael Tews) besucht. Das besondere dieser Von-nun-an-gehts-bergab-Geschichte ist einerseits die (schwer nachvollziehbare) sexuelle Hörigkeit Almas zu ihrem Zuhälter Mauro (Kay Stiefermann gibt lässig diesen Mistkerl). Auf der anderen Seite bleibt die Retterattitüde des Baudelaire verehrenden Schriftstellers João do Carmo (Costa Lastsos beglaubigt den Schwächling überzeugend) ein Leitmotiv in der episodischen Handlung. Die hat mehr von einer Telenovela als der wirklich stringenten Dramaturgie einer packenden Schicksalsoper ohne Happyend.

Der Grundeinfall der Inszenierung ist die Bühne von Rifail Ajdaroasic. Das Bordell von Dona Rosaura (Alyson Rosales) ist der zentrale Ort der Handlung. Ein opulentes Wimmelbild, in dem es sich der Chor wie in einem Varieté von annodazumal an Tischen mit Blick ins Publikum gemütlich macht. Um immer mal das Geschehen zu kommentieren, dem Treiben, zu dem dann auch eine (angedeutete) Abtreibung auf offener Bühne und diverse Gewaltausbrüche von Mauro (in einem gelegentlich herunterfahrenden transparenten Kasten) gehören. Diese Wimmelbildästhetik hat zunächst ihren Reiz, nutzt sich aber schneller ab, als der Sache gut tut. Zumal sich das emotionale Niveau der Geschichten im und ums Bordell nicht wirklich ändert. Auch nicht bei Almas Versuch, mit einem smarten Ingenieur (Edilson Silva Junior) in einen bürgerlichen Familienalltag zu finden. Gerade im zweiten Teil zieht sich das Ganze dann doch.

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Kay Stiefermann (Mauro), Edilson Silva Junior (Teles Melo), KS Iordanka Derilova (Alma). Foto: © Claudia Heysel

Kay Stiefermann (Mauro), Edilson Silva Junior (Teles Melo), KS Iordanka Derilova (Alma). Foto: © Claudia Heysel

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In der Titelpartie freilich glänzt Iordanka Derilova in jeder Lage. Wer wollte ihr verübeln, dass sie nicht einen Augenblick vergessen lässt, dass es an diesem Abend um eine Frau geht, deren Schicksal sie mit ihrer großartigen Intensität präsentiert. Der Beifall am Ende würdigte eine hochrespektable Kunstanstrengung auf der Bühne und im Graben. Und zu einem Teil wohl auch die eigene Kondition im Saal.

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