Unser Umgang mit Geld und Werten ist oft viel zu selbstverständlich und undurchdacht, unkontrolliert. Wenn Geld da ist, wird es ausgegeben, sonst helfen Banken gern und uneigennützig, die Bedürfnisse der Kunden schnell und umfassend zu befriedigen. Aber: Wie funktioniert das alles eigentlich wirklich? Und auch: Funktioniert das? – Der Philosoph Adam Smith (1723–1790) hat die Gedanken vom „freien Spiel der Kräfte“ in der Wirtschaft formuliert und von der „unsichtbaren Hand“, die den Wettbewerb lenkt. In Hannover hatte diese Wirtschaftstheorie wohl erstmals ihren Auftritt in einer zeitgenössischen Oper.
Der Homo Oeconomicus und der Chor der Wertpapierhändler. © Bettina Stoess
Gewinn und Verlust – Andrea Tarrodis „Homo Oeconomicus“ in Hannover uraufgeführt
Liebe, Lust, Leidenschaft, Verrat, Eifersucht, Verwirrspiel, Intrige und Macht – die klassischen Opernthemen haben (möglicherweise) ausgedient! In der jüngsten Premiere und Uraufführung im Ballhof 1 der Staatsoper Hannover geht es um ein Thema aus der Wirtschaftswissenschaft, den Homo Oeconomicus. Ob sich derartige theoretisch-wissenschaftliche Themen aber quasi standardmäßig im Opernrepertoire durchsetzen werden, darf – trotz einer außerordentlich genialen Verarbeitung dieses Themas in der aktuellen Oper – bezweifelt werden.
„Der ‚Homo Oeconomicus‘, der ökonomische Mensch, ist eng mit der Theorie von Adam Smith verbunden, stammt aber nicht von ihm. Er, der ‚rationale Agent‘, ist ein Modellmensch, der das Verhalten eines idealen Marktteilnehmers repräsentiert. Er hat unendlich viele Bedürfnisse, aber nur begrenzte Ressourcen. Daher muss er wirtschaften und zwischen Alternativen wählen. Er ist vollständig informiert über Qualität, Nutzen und Preis aller Alternativen und entscheidet sich stets rational für die gemäß seiner Präferenzen beste Alternative. Es ist ihm egal, von wem er kauft oder wem er etwas verkauft, menschliche Beziehungen spielen keine Rolle. Er ist ‚sozial desinteressiert‘ in dem Sinne, dass er anderen weder schaden noch ihnen helfen will.“ – So beschreibt das Programmheft das Wesen des Protagonisten.
In etwa 90 Minuten und zwei Akten werden in der Oper (Text: Helena Röhr, Musik: Andrea Tarrodi) die Lehre von Adam Smith und der moderne wirtschaftliche Wettbewerb gegenübergestellt. In der Einleitung wird – angelehnt an die Geschichte des Moses, die im ersten Buch Mose in der Bibel beschrieben wird – die Schöpfungsgeschichte des Homo Oeconomicus (Katharina von Bülow). Im Folgenden wechseln sich zwei Szenen ab, eine aus Schottland um 1770 mit Adam Smith (Jonathan Winell) und seiner Mutter Margaret Douglas (Sandra Janke), und eine andere mit Melissa Wright (Ketevan Chuntishvili) und ihrem kleinen Sohn (ca. 8–10 Jahre alt) Alfred (Alisa Gromova), die in der Jetztzeit spielt.
Adam Smith schreibt sein neues Buch und wird von seiner Mutter mit einem Rundum-Sorglos-Paket umhegt. Sie zeigt Interesse an seiner Arbeit, ist gelegentlich seine Kritikerin. Smith will mit seiner Arbeit das Leben der Menschen verbessern. Er ist davon überzeugt, dass freier wirtschaftlicher Wettbewerb – wie durch eine „unsichtbare Hand“ gelenkt – nicht nur das Wohlergehen des Einzelnen, sondern das aller Menschen fördert.
Melissa jongliert sich durch mehrere Jobs, versucht mit mehreren Jobs ihre kleine Familie über Wasser zu halten. Sie dreht sprichwörtlich den Pfennig dreimal, reichen tut das Geld nicht immer und sie verkauft auch ihre Möbel. Eine angekündigte Mieterhöhung wirft sie vollends aus der Bahn.
Die Wertpapierhändler und der Homo Oeconomicus feiern den wirtschaftlichen Wettbewerb. Es kommt anders als erwartet!? Die Wertpapierhändler erleiden einen dramatischen Kursverlust. – Der Homo Oeconomicus bietet Melissa an, ihre Seele zu kaufen. Hier finden sich Alfred und Melissa und trösten einander – ein Wiegenlied folgt, in das auch zeitübergreifend Margaret einstimmt. Diese geballte Kraft mütterlicher und kindlicher Liebe wirft den Homo Oeconomicus aus der Bahn. Verunsichert über seine Identität findet auch dieses Wesen Halt bei den Müttern und in der von Adam gesuchten gesellschaftlichen Harmonie.
Großes Thema
Das Thema ist brandaktuell. Die Schlussfragen werden nicht alle beantwortet, sind auch in unserer Gesellschaft offen und mitunter menschlich grausam. In den Wirtschaftswissenschaften werden Sorgearbeit und Arbeitsverteilung innerhalb des Haushalts zunehmend zum Thema. Es gibt Ansätze zur Haushaltsökonomie, zur Sorgeökonomie und zur feministischen Ökonomie. Melissa steht in dieser Produktion für all diejenigen, deren Lebensrealität auf der Kippe steht und von den Mächtigen dieser Welt noch immer nicht ausreichend in den Blick genommen wird.
Der Homo Oeconomicus hat wenig Mitleid mit Melissa, der alleinerziehenden Mutter. © Bettina Stoess
Durch den Abend führt auf der Bühne der Homo Oeconomicus. Tarrodi beschreibt sein Wesen als „böse, lustig und ein wenig traurig zugleich“. Röhr sieht in ihm „das Kind aus einer Liebesbeziehung des Kapitalismus mit sich selbst. Er atmet. Singt und denkt Kapitalismus.“ Musikalisch sind seine oft conférencierhaften Auftritte vom Swing getragen, einer Musik, die auch von denen aufgenommen wird, die er beeinflusst. Das Orchester, das von der Dirigentin Hyerim Byun geleitet wird, ist denkbar klein gehalten: ein jeweils einfach besetztes Streichquintett, Klarinette, Trompete, Posaune, Schlagzeug – 10 Musiker (2 Schlagzeuger!). Eine kammermusikalische Besetzung, der Tarrodi eine Vielzahl von Klangfarben und Klangeffekten entlockt. Besonders auffällig ist die Glocke, die den Beginn und das Ende des Börsentages anklingen lässt. Thematisch arbeitet Tarrodi mit einer Leitmotiv-Technik, die zentralen Begrifflichkeiten wie zum Beispiel „Supply and demand“ (Angebot und Nachfrage) eine eigene charakteristische klangliche Grundlage verschafft.
Kleines Haus
Ein kleines Haus, eine Studiobühne – das sind Räumlichkeiten, die sich zunehmend ihren Platz im Repertoire der Räume erkämpfen. Für den „Homo Oeconomicus“ mit seiner – wenn nicht gerade der grandiosen und spielfreudige Kinderchor der Staatsoper Hannover auf der Bühne war – sparsamen Besetzung ist der Hannoveraner Ballhof mit seiner fast intimen Atmosphäre ein Ort, der noch viel mehr auch andere Aufführungen vertragen kann. Die gelegentliche Schwierigkeit mit zeitgenössischer Musik (die hier bei Tarrodi ausgesprochen ohrenfreundlich, gefällig und schön ist) Säle zu füllen, fällt hier in diesem kleinen Raum nicht allzu sehr auf. Die Premiere war ausverkauft. Hätten moderne Musik und Wirtschaftswissenschaft das im großen Haus auch geschafft?
Weitere Informationen:
- Weitere Aufführungstermine des „Homo Oeconomicus“: https://staatstheater-hannover.de/de_DE/programm/homo-oeconomicus.1378579
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