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Lortzings Waffenschmied an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig

Lortzings Waffenschmied an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig

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„Glück auf, Monsieur le Comte!“: Tolles Lortzing-Comeback in der HMT Leipzig

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Schöner und beglückender hätte das von der Musikstadt Leipzig ausgelobte Lortzing-Jahr zum 225. Geburtstag und 175. Todestag nicht beginnen können. Vor 40 Jahren setzte der Abstieg des in der BRD als biedermeierlich und in der DDR als bürgerlicher Quertreiber betrachteten Dichterkomponisten der vorwagnerschen Dialogoper ein. Lortzing wurde von der deutschen Stadttheater-Repertoiresäule zum Raritäten-Lieferanten – zuletzt in der Intendanz  Ingolf Huhns in Freiberg und Döbeln. An der Deutschen Oper Berlin setzt sich Martin G. Berger im Juni 2026 mit „Zar und Zimmermann“ auseinander. 

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„Der Waffenschmied“ in der Blackbox der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ ist die erste von gleich zwei Produktionen des früheren Erfolgsstückes im Leipziger Lortzing-Jahr 2026. Und sie wurde die überzeugendste Produktion seit Langem, was der Musikalischen Komödie für die Premiere im April gründlich einheizen sollte. Die Story vom Wormser Waffenschmied und Tierarzt Hans Stadinger, dem die Frau wegen einer galanten Affäre davonlief und der deshalb seiner Tochter Marie die Ehe mit einem Adeligen verbietet, hat Tücken. Katharina Wagner scheiterte im Münchener Gärtnerplatztheater am „Waffenschmied“, wo sie die halbe Partitur durch andere Werke ersetzte und um die originale Handlung einen Riesenbogen macht. Der für historische Informiertheit gelobte Dirigent Leo Hussain brach in der Einspielung mit dem RSO Wien bei Lortzings gar nicht so einfacher, gleichwohl Evergreen-gesättigter Komposition kläglich ein. 

Die zwei Besetzungen, die Ulrich Pakusch am Flügel gekonnt bis souverän durch das leicht und trotzdem für voll genommene Stück treibt, sind nach den vier Leipziger Vorstellungen noch lange nicht fertig. Ab 24. Februar folgt im Schiller-Theater Rudolstadt eine Serie von Bernhard Stengeles verschmitzt gegenwartsnaher und choreografisch durch Claudio Valentim Filho ausgefeilter Inszenierung. Da spielen dann die Thüringer Symphoniker. Die Soli und der den Abend fulminant bereichernde 22-köpfige Chor können entspannt an die Wiederaufnahme gehen, weil Stengele und Ronald Winters Fundus-Ausstattung mit weißen Wänden und witzigen Kostümen vom Historismus bis zum strammen Mechaniker-Outfit sich nicht ganz ernst nimmt und doch ernst genug für den idealen Speed und Spirit hat.

Das junge Ensemble ist voll Enthusiasmus, zeigt Können und Laune. Vor allem geniert sich niemand, was bei Lortzing auch von erfahrenen Sängern schon mal geschehen kann. Stengele ironisiert Vergangenheit und Gegenwart. Erst tummeln sich alle zwischen Kleiderstangen und Werkstattbank. Der Verkleidungsspaß beginnt – nicht nur vom Grafen von Liebenau in den Gesellen Konrad, damit er Marie auf eine abgefeimte Entscheidungsprobe stellen kann: Liebt sie ihn mehr als Gesellen oder als Standesperson...? Bruno Szabó wird als Ritter Adelhof vom früheren „parfürmierten Fach“ zum Beau mit blonder Langhaarperücke und eindeutigen Fingerbewegungen. Merit Nath-Göbl macht es sichtbaren Spaß, die bigott-mannstolle „Jungfer“ Irmentraut in eine selbstbewusste Granate aufzuwerten, die hinter jeder Bewegung erotischen Mehrwert wittert. Es hat sich also wenig geändert seit dem Regie-Biedersinn der Adenauer-Ära. „Das war eine köstliche Zeit“, singt gegen Ende der Waffenschmied höchstselbst.

Wenn man Lortzings Opern mit sensiblem Atem nimmt, sind sie aussagestarkes Darstellerfutter. Hier zeigt sich Marie mit Rainbowcolour-Strümpfen und Herforder Doppellatz-Short, Rebecca Suta stählt die Figur von ausgestorbener Soubretten-Niedlichkeit Richtung taffe Frau. Maries Szene ohne Spinnrad wächst sich aus zum rechtmäßigen Groll gegen Papas rückständiges Frauenbild. Selbst die Titelfigur mit an einem Krisenpunkt jäh ausbrechenden Gewaltpotential fällt hinter Marie zurück. Karim Elias Mayer ist groß und schwarzgelockt, singt die noch immer berühmten Verse vom „Jüngling mit lockigem Haar“ nicht nur deshalb authentisch und pirscht sich am Ende sogar an Liebenaus Knappen Georg heran: Samuel Robertson ist der vokale Überflieger des Abends. Er gestaltet die Buffo-Partie des Georg mit dem hohen Anspruch eines lyrischen Tenors am Vollstart. Er setzt filigrane Vokalornamente, die man kaum merkt und in dieser Partie die letzten hundert Jahre vermisste. Robertson beweist, dass Lortzing mit Allroundstimmen, die auch Donizetti und Auber mühelos bewältigen, einfach viel edler und besser klingt. Noch nicht ganz so weit ist der Jung-Bariton Valentin Schwarz, gleicht das mit schönstem Schubert-Legato und gewinnendem Charme über dem leicht schartigen Machismo des Grafen Liebenau aus. 

Das Ensemble und die Regie machten die von Lortzing aus Friedrich Wilhelm Zieglers Lustspiel „Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person“ übernommenen Floskeln von „armen Mädchen“, „umgedrehter Welt“ und dem Wahlspruch „Lebenslust“ zu Mantras, welche im Jetzt des Genderpluralismus frische Stoßkraft entwickeln. Rühmlich hier auch: keine Flucht in Überschreibungen und flache Aktualisierungen. Die originalen Dialoge bleiben und wurden nur an wenigen Stellen sinnfällig optimiert. Schade nur, dass die subtilen Pointen durch diverse Dialekte und Wechsel ins Französische weder von den Älteren mit Lortzing-Kenntnissen noch vom jüngeren Publikum verstanden wurden. Sprachwitz, Soziolekt und Dialekt haben als Lach- und Spaßfaktor beim internationalen Publikum wohl kaum noch eine Chance. Trotzdem: Einhelliger Jubelorkan von den Kommiliton:innen und zahlreich anwesenden Spähtrupps der mitteldeutschen Opernszene.

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