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theater für niedersachsen: »Wilhelm Tell« (Oper), im Bild: Jemmy (Juline Florentino), Guillaume Tell (Eddie Mofokeng), Chor  Foto: Tim Müller

theater für niedersachsen: »Wilhelm Tell« (Oper), im Bild: Jemmy (Juline Florentino), Guillaume Tell (Eddie Mofokeng), Chor 
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Grandios im Theater für Niedersachsen: Rossinis „Wilhelm Tell“ als drastischer Spiegel der Gegenwart

Vorspann / Teaser

Für Bühnenbildner Lars Linnhoff ist die in jeder Spielzeit des Theaters für Niedersachsen projektierte Spartentrilogie mit „Wilhelm Tell“ als Stoff der Spielzeit 2026/27 keine leichte Sache: Rossinis für Paris bestimmte Grand Opéra „Guillaume Tell“ von 1829 macht den Anfang. Im Januar folgt Friedrich Schillers Schauspiel und im Mai „Tell – das Musical“ von Wolfgang Adenberg, bevor an einem einzigen Projekttag alle drei Produktionen in einer großen Sause zu erleben sind. „Guillaume Tell“ ist auch für ganz große Opernhäuser äußerst anspruchsvoll. Desto mehr erfreut der starke und souveräne Zugriff der fulminanten tfn_philharmonie, des Chors sowie eines hervorragenden Soloensembles sogar in den strapaziösen Hauptpartien. Chordirektor Achim Falkenhausen formte eine kantige Sternstunde. Regisseurin Isabel Ostermann spiegelt düstere Gegenwartsszenarien. An die Spitze singen sich Leilei Xie als zerrissener Arnold Melcthal und Eddie Mofokeng als versehrter Titelheld Tell.

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Eisgraue Ödnis statt Schweizer Saftweiden mit Milka-Kuh: Schon in der berühmten, kontrastreich modellierten Ouvertüre beginnt „Guillaume Tell“ als Panorama einer in den Grundfesten zerrissenen Gesellschaft. Die schwierige Oper geriet in von 230 auf 160 gerafften Minuten wie aus einem Guss von Musik und Szene. Isabel Ostermann meißelte zu den im Libretto von Étienne de Jouy und Hippolyte Bis drastisch ausgemalten Schrecken figurale Menschenarchitekturen. Und die tfn_philharmonie spielte den ganzen Abend, als ginge es um ihr Leben. Dabei kostete sie Rossinis paradiesische Naturschilderungen berückend aus: Das Solocello zu Beginn ein Traum – später imponierende Raumwirkungen der mit Bühnen- und Hintergrundmusik in räumlicher Dreidimensionalität gedachten Partitur, schneidende Instrumentalkommentare sowie eine agile Befeuerung der hier zu starken Paarkonflikten ausgereizten Liebesszenen und schließlich die zutiefst innige Apotheose als hier äußerst fragwürdige Friedensvision.

Weil Achim Falkenhausen „seinen“ Opern- und Extrachor seit Jahren genau kennt, besetzt er die Personen und Stimmen ebenso raffiniert wie unkonventionell. Sogar die verschiedenen Kantontruppen bleiben beim Rütlischwur gegen die österreichische Oberherrschaft individualisiert erhalten. So entfaltet sich das geniale Stimmengeflecht von Rossinis letzter und aufwändigster Oper im kleinen Hufeisen-Theater Hildesheim optimal. Der Jubel zur zweiten Aufführung ging mit Bravorufen und Jauchzen durch die Decke – ja, in Hildesheim gibt es auch an schwachen Werktagen noch starke große Oper!

Dabei mutete Isabel Ostermann dem Publikum mit unmissverständlichen Analogien zur jüngsten deutschen Gegenwart einiges zu. Die Landtagswahlen im zu Niedersachsen benachbarten Sachsen-Anhalt und die daraus blühenden Parteienzerfleischungen machen Ostermanns streng choreographierte, von innerer Bewegtheit getragene Personenregie nur noch dringlicher. Das betrifft Solo- und Chorpartien mit gleicher, packender Intensität: Zwei Bäume, eine Flut von roten Revolutions- und Empörungszetteln im von der Berliner Volksbühne inspirierten Design und ein später kantig auseinanderklaffendes Betonpodest sind der Beitrag von Bühnenbildner Lars Linnhoff. Ostermann zeigt den fortgeschrittenen Spaltungsflow in einer Zeit aus den Fugen. Es geht um weitaus mehr als um die historischen österreichischen Usurpatoren und die Schweizer Geknechteten. Himmelblaue Hoodies und blaue Krawatten mischen sich in den ohnehin paralysierten Volkskörper. Die Blauen schlägern – sie machen bedrohliche Stimmung gegen alle und alles. Später wechselt diese Hildesheimer Wutbürger-Anhängerschaft wie die Fahne im Wind ihre Loyalität: Nach Übergriffen auf die Frauen sind sie beeindruckt von Tells souveränem Apfelschuss gegen das eigene Kind und schwenken von den Österreichern zu den Schweizern um.

Symbole sind dekonstruiert: Der Hut Gesslers, dessen Tyrannei Andrey Andreychik mit angemüdeter Autorität zeigt, degeneriert zur Getränkedose. Beim legendären Eidschwur kreuzen die Schweizer einen feudalen Hirschfänger, eine bäuerliche Axt und eine noble Armbrust. Letztere hat als heroisches Machtsymbol ausgedient. Zur Schlusshymne gieren fast alle nach dem Mantel des von Tell ermordeten Gessler – sogar Arnold. Während dessen Vater Melcthal als konservativer Würdenträger wie vom Tod erwacht, versinkt Arnolds hochfeudale Geliebte Mathilde von der Habsburger Gloriole hinab in die politische Unbedeutsamkeit. Einziger Fauxpas: Ostermann und Falkenhausen haben ihr die letzten Auftritte gestrichen und dafür die große Szene und Arie im dritten Akt zur rückständigen Solonummer geschrumpft – mitsamt einer peinlichen Generalpause nach dem genialen Agitato.

Solche und einige andere, der Machbarkeit am kleinen Haus geschuldete Striche sind minimale Ärgernisse. Es fehlen das Terzett der drei Frauen, die geniale Tyrolienne und der in der Ouvertüre zumindest vorweggenommene Soldatentanz. Dennoch steckt in der Hildesheimer Produktion weitaus mehr von Rossinis Musik als vor sechzehn Jahren in der von Adrian Marthaler leichtfertig verengten Inszenierung am Opernhaus Zürich, wo „Guillaume Tell“ fast Nationalopern- und Originalschauplatz-Status hat.

Ostermanns gültige Topographie des Terrors verdankt den Kostümen von Moritz Haakh einen wesentlichen Teil ihrer analytischen Deutlichkeit. Unter grauen Einheitsoveralls lugen bestickte Leinenhemden oder Casuals hervor: In der militärischen Totalverhärtung darf niemand so sein, wie sie oder er eigentlich möchte. Auch Jemmy, hier als Guillaumes revoltierte Tochter statt als Sohn vorgestellt, trägt einen Overall. Juline Florentino zeigt mit Intensität und einem starken Sopran, wie wichtig die oft in Ensembles untertauchende Partie wirklich ist. Eddie Mofokeng baut die Titelpartie mit Sensibilität Richtung große Soli und der Arie „Sois immobile“ auf. Er ist die führende, belcantistisch überraschende Figur des Abends.

Fast schon eine Form von Kompetenz-Koketterie: Für die Partien des von Liebe und Heimatliebe, bei Ostermann auch von einem Machtgen bewegten Arnold sowie des die bravouröse Kuhreigen-Romanze singenden Fischers Ruodi hat das Theater für Niedersachsen gleich drei Besetzungen, von denen naturgemäß nur zwei an einem Abend singen. Yajun Yu meistert Ruodis Romanze betörend. Leilei Xie meistert die mörderische Tenor-Herausforderung des Arnold mit gewandter, elegisch-heroischer Grandezza. Damit singt er Mathilde – beide wurden vorab als indisponiert angesagt – mit einer für den späten Belcanto idealen Vokalrhetorik an die Wand. Tobias Hieronimi schultert die beiden wichtigen Basspartien Walter Fürst und Melcthal in einem Streich. GabrielÄ— JocaitÄ— legt in die ebenfalls oft unterschätzte Partie der Mathilde einen Entwicklungssprung, den eigener Antrieb wie Arnolds manipulatives Verhalten beschleunigen. Diese Risse einer schönen, in der Waldromanze noch unversehrten Seele zeigt sie mit authentischer Wahrhaftigkeit. Neele Kramer steuert eine repräsentative Edwige bei. Julian Rohde wird als ölig dienstbeflissener Rudolph eindrucksvoll zum österreichischen Lynchopfer. Teaseop Kim spiegelt als Leuthold die brutale Drastik des Geschehens. Subtile Schärfe, emotionale Vorstöße und ein existenzielles Panorama mit brennendem Gegenwartsbezug: Dieses subtile Opernspektakel hat auch musikalische Extraklasse.

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