Immerzu ereignen sich zeitnah Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Und dennoch rücken wir sie viel später perspektivisch näher zueinander, sei es auch nur, um sich zu vergewissern, dass da mal was war. Und dass es womöglich gut war. 1976 etwa, als David Bowie nach Berlin kam, um dem genius loci neue künstlerische Impulse und schließlich das „Heroes“-Album abzuringen. Um die gleiche Zeit fing auch Morton Feldman, in Berlin dank eines DAAD-Stipendiums, Samuel Beckett ab, um ihn um einen Operntext zu bitten. Beckett, oft in Berlin und gerade am Schillertheater „Warten auf Godot“ inszenierend, gab zu, Oper nicht zu mögen, reichte aber die 87 Wörter nach, die Feldman zu seiner Opernnegation „Neither“ animierten. Und auch sonst machte sich ab da in seinem Werk ein gewisser Berliner-Beckett-Spin Bahn, in zunehmenden Stücklängen, gewiss, vor allem aber in der zunehmend meisterhaften Vervollkommnung musikalischer Wiederholungsstrukturen, der dem Material abgelauschten Modulationen, schier endloser Repetitionen, des eben darum Nimmergleichen, das durch durchgehende subtile Harmonie- oder Taktwechsel stets aufs Neue einmalig gerät. Wie bei Beckett, der andauernd nur spricht, um Nichts zu sagen. Aus Liebe zur Sprache, zu den Wörtern tut er es aber immer weiter, schier um ein letztes Band rauschend, berauscht um die Dinge zu weben.
Feldman, Crippled Symmetry mit dem KNM Berlin: Rebecca Lenton, Joseph Houston und Michael Weilacher, Foto: Kai Bienert
Heroes in Berlin – Das KNM spielt Feldman nach Beckett und darüber hinaus
Mag sein, dass solcherlei radikale Kunst unsere allerlei Anschlüsse und Relevanz bedürftigen Betriebe mitunter dazu motiviert hat, die jüngsten Jubiläen der 100jährigen, Xenakis’, Nonos und eben Feldmans, weitestgehend unberührt an sich abtropfen zu lassen. Deren Werk gibt eben keine Antworten, vor allem wenn man bloß Fragen hat. Man muss zuhören und sich Zeit lassen. Und so war es in dieser musikgesättigten Stadt abermals das Kammerensemble Neue Musik Berlin (KNM), das sich für Feldman alle Zeit nahm und sie uns gab. Gerade das KNM, das nach über 35 Jahren hauptstädtischer Exzellenz in Neuer Musik immer noch mit einer institutionellen Förderung auszukommen hat, deren Höhe ihre Kollegen in Paris, Frankfurt oder Köln schier allein für Overheadkosten aufwenden; gerade also das KNM, das sich dank der an- wie ausdauernden Akquise- und Programmarbeit von Thomas Bruns ansonsten immer nur von Topf zu Töpfchen finanziert, setzte Morton Feldman ein großes Denk- und Hör-Mal in zwei Konzerten mit zweien seiner späten Großwerke, mit „Crippled Symmetry“ am 8. Dezember vergangenen Jahres in der Villa Elisabeth und am 21. Februar dieses Jahres mit „For Samuel Beckett“ im Radialsystem. Wohlgemerkt, nicht ohne diese kräftigen inhaltlichen Pfeiler für ein verzweigtes Programmgeflecht weiterer Konzerte und Projekte mit aktueller Musik zu nutzen – auch der Finanzierungen von Topf zu Töpfchen wegen –, endend im Crippled-Symmetries-Festival vom 17. bis zum 19. April.
Waren es beim Prolog mit dem titelgebenden 90-Minüter nur drei inspirierende KNM-Musiker, Rebecca Lenton (Flöten), Joseph Houston (Klavier, Celesta) und Michael Weilacher (Glockenspiel, Vibraphon), so deren dreiundzwanzig bei „For Samuel Beckett“, bei welchem das Ensemble mit einer zutiefst empfundenen Reverenz vor den genii loci beeindruckte. Wohl war auch viel Nostalgie dabei, denn mit demselben Dirigenten, Roland Kluttig, hatte das KNM bereits vor 30 Jahren eine maßstabsetzende Einspielung des Werks vorgelegt. Heuer, schier eine Generationenspanne später, kam man wieder zusammen. Zwar benötigte man einige Minuten mehr als die Dreiviertelstunde vordem, aber es wirkte so, als wären sie nicht auseinandergegangen, als hätten Kluttig und das Ensemble die ganzen Jahre über weitergespielt und die Zuhörer wären für einen zufälligen Ausschnitt von einer knappen Stunde wieder einmal eingelassen worden: zu einem Werk ohne Anfang und Ende, eine Feldman wie Beckett liebe Vorstellung. Damit das aber auch so wahrgenommen werden kann, damit es gelingt in all den feinsten Farb-, Harmonie- und Rhythmusveränderungen, dafür sind Qualitäten vonnöten: Präzision, Sensibilität, höchste Konzentration und paradoxerweise zugleich eine tiefe Entspannung, wie sie die KNM-Musiker und Roland Kluttig spielend erreichten. Respekt.
Sowohl in der Villa Elisabeth als auch im Radialsystem waren die Konzerte früh ausverkauft, wobei die Altersstruktur des hochgespannten wie begeisterten Publikums, zumeist neugierige Endzwanziger und alt-gierige Babyboomer, eine auffällige Delle aufwies zwischen Anfang 30 und Mitte 50. Diese Delle füllen auch die heutigen Entscheider. Sie hören nicht oft hin. Neben einigen sehr vagen Hoffnungen mit einer der Gründe, um weiter zu sprechen, spielen, hören: „Keep going, going on. Call that going, call that on.“ (Beckett)
- Crippled Symmetries Festival, 17.-19.04.2026, Villa Elisabeth und St. Elisabeth-Kirche Berlin, www.kammerensemble.de
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