Historisch und beklemmend aktuell: „Dialogues des Carmélites“ an der Semperoper
Die „Dialoge der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc sind ein Ausnahmewerk im Musiktheater des 20. Jahrhunderts, und das in vielfacher Hinsicht: inhaltlich berührend, sowohl historisch als auch unter heutigen Aspekten, musikalisch mit ergreifender Sogwirkung, besetzungstechnisch allerdings mit allerhöchsten Anforderungen. Gewiss auch deswegen gelangt die 1957 als Ricordi-Auftrag an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper nur relativ selten auf die Spielpläne. An der Semperoper hat man es jetzt gewagt und die „Dialogues des Carmélites“ im französischen Original herausgebracht.
Gewiss eine Herausforderung, vielleicht auch ein Wagnis. Als Übernahme aus Zürich, wo diese Produktion vor vier Jahren herauskam, freilich eine auch angesichts wachsenden Kostendrucks in der Kultur sehr sinnvolle Zusammenarbeit. Dies allerdings auch im Hinblick auf die nicht zu verhandelnde Aufgabe öffentlich geförderter Theater, sogenannte Ausnahmewerke zu zeigen, um das Repertoire zu erweitern und dem Publikum neben bekannter Vielfalt eben auch Neues zu bieten.
Dabei ist der 1899 in Paris geborene Francis Poulenc alles andere als ein verstörender Neutöner und bietet diese Oper mit ihren knapp 70 Jahren jede Menge später Romantik (obwohl der tiefgläubige Komponist Romantik und Impressionismus vehement ablehnte), dazu aber auch eingängige Passagen voller Neoklassik sowie eleganter Moderne. In seiner Gesamtheit ist dies ein hochemotionales und mitreißendes Werk, berührend und ähnlich wirkmächtig, wie es vielleicht auch über Schostakowitschs Musiktheater zu sagen wäre. Eine Musik, die fesselt, Stimmungen schafft, erzählen kann und nicht loslässt.
Authentischer Stoff mit historischem Hintergrund – assoziativ bis ins Heute
Poulenc’ Oper beruht auf der als Brief verfassten Novelle „Die Letzte am Schafott“ von Gertrud von Le Fort (1931) beziehungsweise auf deren Bühnenadaption von Georges Bernanos (1949), die sich mit dem Martyrium von Ordensschwestern während der Französischen Revolution befasst hat. Authentisches Vorbild sind die sogenannten Märtyrerinnen von Compiègne, die am 17. Juli 1794 guillotiniert worden sind. Sie zogen das Martyrium vor, die Hinrichtung durch das Schafott, wollten dem Glauben nicht abschwören, ihren Habit nicht ablegen. Nur die Adelstochter Blanche, die gegen den strikten Willen ihres Vaters ins Kloster ging, da sie aufgrund des frühen Todes ihrer Mutter sehr gläubig und stets voller Angst gewesen ist, hat zunächst fliehen können. Als ihr Bruder sie vorher dazu gedrängt hat, wollte sie das nicht; dann aber besann sie sich, überwand ihre Angst angesichts des zerstörten Hauses ihres inzwischen hingerichteten Vaters – und schloss sich dem gemeinsamen Opfertod an.
Sinéad Campbell Wallace (Madame Lidoine), Julie Boulianne (Mère Marie), Marjukka Tepponen (Blanche de la Force), Rosalia Cid (Soeur Constance), Damen des Staatsopernchores. © Semperoper Dresden/Jochen Quast
Berührend ist dies nicht nur unter historischem Aspekt, zumal die Assoziationen zu diesem Stück so evident wie ausdeutbar sind. Gedanken über die Rolle von Religion und Opfertod drängen sich ebenso auf wie über die blutigen Schattenseiten von Revolutionen, über die Unterdrückung von Minderheiten und insbesondere über die Brutalität männlicher Machtdominanz gegenüber wehrlosen Frauen. Gedanken, die direkt ins Heute führen und die Frage nahelegen, was Menschen Menschen antun, obwohl doch alle nur ein begrenztes Leben haben.
Von der Historie ins Heute und wieder zurück: Poulenc’ Oper braucht keinerlei Modernismen
Die in jedweder Hinsicht überzeugende Regiearbeit von Jetske Mijnssen ist schon in Zürich gefeiert worden und wurde für Dresden nur behutsam verändert. Die Regisseurin besticht mit präziser Durchdringung des Werkes sowie einer kongenialen Umsetzung. Ihre lebendige Personenführung ist nachvollziehbar in jeder Szene, für jede Figur. Das Bühnenbild von Ben Baur zeigt den väterlichen Palast von Blanche – mit betörenden Tanzeinlagen der Choreografin Lillian Stillwell darin –, es lässt sich überraschend schnell und wohltuend leise zum Kloster, zur Klosterkirche, zum Kerker sowie zur Hinrichtungsstätte verwandeln. Die Kostüme von Gideon Davey entsprechen naturgemäß klösterlichem Ambiente, herben Kontrast dazu setzten dann brutal ausstaffierte Revolutionsgarden des erschütternden Tribunals. Die Märtyrerinnen sind stolz und glaubensvoll zur Hinrichtung geschritten, nachdem sie ihre an die Wand geschriebene Namen mit einem Handstreich ausgewischt haben. Die Guillotine wird nicht gezeigt, ist in Poulenc’ Orchesterpart aber akustisch präsent; ein beklemmendes Finale zum „Salve Regina“.
Das Premierenpublikum hat daraufhin tatsächlich erst einmal innehalten müssen und betreten geschwiegen, bevor dann ein überwältigender Schlussapplaus losbrach. Zu Recht, denn diese Produktion konnte in allen Punkten überzeugen, vor allem natürlich auch musikalisch. Fast alle der mehr als ein Dutzend Rollen waren ja Hauptrollen und können gar nicht vollständig gepriesen werden, wie sie es verdient hätten. Stellvertretend seien unbedingt Evelyn Herlitzius hervorgehoben, die mit unglaublicher Stimmkraft sowie auch spielerisch als siechende, sterbende Priorin berührte, ja, betörte; ebenso Marjukka Tepponen als Blanche mit hinreißender Stimmführung ihres ausdrucksstarken Soprans; nicht zuletzt die hingebungsvoll singende und spielende Rosalia Cid als deren Freundin Constance. Allein das ist schon eine bemerkenswerte Leistung, ein solches Ensemble auf die Bühne stellen zu können!
Im Orchestergraben machte die Sächsische Staatskapelle ihrem guten Ruf alle Ehre, blühte unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot in allen Facetten und Klangfarben wunderbar auf. Die französische Dirigentin ließ Bühne und Graben bestens miteinander korrespondieren, führte auch den von Jan Hoffmann wieder vorzüglich einstudierten Staatsopernchor zu großartiger Präsenz. Resultat ist ein großartiges Gesamtkunstwerk, das schon jetzt als ein Höhepunkt der laufenden Spielzeit angesehen werden darf.
- Semperoper: Francis Poulenc „Dialoges des Carmélites“
- Termine: 8., 12., 15., 20. und 23. Februar 2026
- Begleitprogramm: am 5. Februar ein Gespräch zum „Preis der Sterblichkeit“ sowie im Anschluss an die Vorstellung vom 12. Februar ein Nachgespräch.
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