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Fäden von Stärke, Verletzlichkeit, Schönheit und Macht © Fabian Hammerl

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„Ich weiß, wer ich bin“ – Mable Preachs „Opera of Hope“ auf Kampnagel

Vorspann / Teaser

„Flüchtlingskrise“ – ein Wort, das sich in unseren alltäglichen Sprachgebrauch eingeschlichen hat und das uns gar nicht mehr weh tut. Dabei übersehen wir (neben den Ursachen, die wir uns möglicherweise zum Teil auf unsere eigenen Kolonialfahnen schreiben müssen) das Allerwichtigste: Flüchtlinge sind Menschen! Menschen mit Rechten. Menschen mit Anspruch auf Würde. In Ihrer „Opera of Hope“ nimmt uns Mable Preach mit auf die andere Seite einer unbequemen, aber hoffnungsfrohen Wahrheit, zumindest einer Möglichkeit.

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Höchst sonderbar ist unser Umgang mit „unserem“ Land – es gehört uns und deshalb entscheiden wir, was damit geschieht und wer sich darauf bewegen darf. Das scheint zunächst eigentlich klar und logisch. Wie brüchig dieses „unser“ aber ist, zeigen uns dieser Tage der amerikanische und der russische Präsident. Es gilt nur noch das Recht des Stärkeren oder dessen, der lauter schreit und offensiver droht. Immer wieder sind dabei die Argumentationen rückwärts gewandt – etwa der Wunsch, ein längst zerfallenes Weltreich wieder aufzubauen.

Wir entscheiden, wer in unserem Land dazu gehört – so etwa Bundespräsident Christian Wulff: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Angesichts der großen Flüchtlingswelle 2015 entscheidet Bundeskanzlerin Angela Merkel „Wir schaffen das!“ und begründet damit eine „neue Willkommenskultur“. Geht es hier – was wünschenswert wäre – um reine Menschenliebe, menschliche Würde? Oder fragen wir immer wieder viel zu schnell: Was nützt uns dieser oder jener in unserem Land?

Wie gehen wir mit diesen Zugereisten in der Folge um, gar wenn wir sie nicht mehr „brauchen“? Man denke hier an den politischen Wandel in Syrien und die in Deutschland arbeitenden syrischen Ärzte, die wir so nötig brauchen (könnten). „Die syrischen Ärzte“ ist nur ein Beispiel – es geht um eine undefinierte Menschenmenge. Der Mensch ist aber ein Individuum, ein Einzelwesen mit ganz spezifischen Stärken und Schwächen. Wie steht es um die Menschenwürde, ihre Unantastbarkeit? Hat der Mensch als Einzelwesen noch eine Bedeutung, gar einen nennenswerten Einfluss?

Bei allen diesen Betrachtungen fehlt mehr als eine alternative Perspektive. Wer schaut eigentlich (liebevoll – denn das hat jeder Mensch verdient!) auf die Menschen, die in unser Land kommen? Wie behandeln wir sie und wie fühlen sie sich auf- und angenommen? Wo bleiben ihre Träume, Wünsche und Bedürfnisse?

Quasi exemplarisch setzt sich die in Hamburg lebende Regisseurin, Choreographin, Kuratorin und Kulturaktivistin Mable Preach in ihrer „Opera of Hope“ mit diesen Fragen, dieser anderen Perspektive, auseinander. Preach kennt die Probleme, hat sie teilweise am eigenen Leib erfahren – sie kommt aus Ghana, hat schwarze Hautfarbe. Die Opera of Hope ist eine Geschichte über Menschen, die sich auf den beschwerlichen, oft lebensbedrohlichen Weg nach Europa machen – eine fast alltägliche Geschichte. In Deutschland erleben sie, wie sie nicht nur immer wieder ihre Motivation für Migration, sondern ihre Menschlichkeit an sich begründen müssen: „aus Ankommenden“, so Preach, „werden ewig Wartende“.

Für ihre Geschichte einer jungen schwarzen Frau in eine ungewisse Zukunft wählt Preach die ganz große musikalische Form: die Oper. Nur sie vereinigt aus Sicht von Preach große Themen, große Gefühle, große Gesten und große Formen. Die Oper, dieses Heiligtum der Hochkultur, eignet sich Preach an und macht sich mit ihrem Team an eine „Dekolonisation der Ohren“. Dabei bringt sie Elemente aus klassischer Oper, Gospel, Rap und dem Chor- und Sologesang zusammen, lässt sie verfließen, ineinanderfließen, sich zu etwas Neuem vereinigen. Ein kleines Orchester aus fünf Streichern und elektronischen Klängen („The String Archestra“) trägt diesen Blick in eine teils bedrückend anmutende Welt.

Eine Oper, die die Geschichte des Ankommens erzählt, eines Ankommens, das der bayerische Ministerpräsident Markus Söder einst als „Asyltourismus“ bezeichnete. Aber es ist kein Tourismus, ein bewusst und zeitlich selbstbestimmtes gewolltes und frei gewähltes Hin- und Herreisen, ein möglicherweise längeres Bleiben an schönen Orten und der plötzliche Aufbruch, wenn es einem nicht mehr gefällt. – Es ist – so beschreibt es das Programmheft – „eine Geschichte, in der aus Not eine Hoffnung wird, die an den Lebensrealitäten in Deutschland immer wieder zu zerbrechen droht. Es ist eine Geschichte einer jungen schwarzen Frau auf ihrem Weg in eine ungewisse Zukunft.“

Als 1981 Jerry John Rawlings in Ghana die Macht übernahm, erschütterte dessen autoritäre Regierung, die unter dem Deckmantel der Revolution regierte, das Land. Politische Gegner wurden verfolgt und inhaftiert. Preach erzählt die Geschichte einer Familie in dieser düsteren Zeit: „…. Darunter auch mein Vater. Geplagt von einer ungewissen Zukunft, sah er sich gezwungen, aus Ghana zu fliehen und ließ meine schwangere Mutter zurück in der Hoffnung, sie eines Tages nachholen zu können. Bevor er ging, tätowierte er sich seinen Dorfnamen und sein Geburtsdatum mit einer Nadel auf den Unterarm. Ein verzweifelter Versuch, sicherzustellen, dass man ihn, falls er auf der Flucht umkäme und sein Körper gefunden würde, mit seinem Herkunftsort und seiner Familie identifizieren könnte.“ Asyltourismus ?

Kurzfassung: Vater kommt drei Jahre später unter falscher Identität zurück nach Ghana und flieht mit seiner Familie. Ungewisse Reise, vier Jahre quer durch Europa, immer mit der Angst im Nacken, von den Schergen der ghanaischen Regierung gefunden zu werden. „Während der Flucht durfte ich meinen richtigen Namen nie sagen“, berichtet die Protagonistin. Geburt Ihres Bruders und ihrer Schwester. Flucht durch den Wald. Fahrt mit einem Zug. Immer voller Angst, erwischt zu werden. Ankunft in Deutschland. Schule, Flüchtlingslager, Wohnheim – immer am Rande der Gesellschaft, argwöhnisch beäugt und wenn es dann zur Ausländerbehörde geht: immer wieder nur „Duldung“ für drei Monate.

Die Verhältnisse unter denen die Familie in Deutschland lebt, sind höchst unerfreulich – auch wenn sie zumeist ein festes Dach über dem Kopf haben. Ausgrenzungen, Beschuldigungen, Beleidigungen, Bedrängungen. Sexuelle Übergriffe. Immer wieder der Versuch, neue Ankerpunkte zu finden, die sich dann doch als irgendwie trügerisch entpuppen.

Aber die Opera of Hope ist kein (oder nicht nur ein) anklagendes (und beschreibendes) Werk. Ja, die Lebensumstände der in der Oper vorgestellten Ghanaer in Deutschland darf man getrost als (tendenziell) menschenverachtend beschreiben. Der Refrain eines Liedes beschreibt dieses aus Sicht der Ghanaer mit „Warteschleife, unser Leben im Stillstand. Jeder Tag ist ein Kampf“. Aber – und hier sind die Europäer und vielleicht gerade die Deutschen gefragt, gut zuzuhören – der nächste Satz im Refrain offenbart eine große und wunderbare Kraft: „Jeder Tag ist ein Kampf, aber wir stehen Hand in Hand. Zukunft ist unklar, doch wir halten durch“.

Hoffnung, Stolz und Zusammenhalt prägen hier das Bild in trostlosem Lande. Im „Poem of a Black Girl“, das in vier Teilen die Oper durchzieht, heißt es am Anfang: „Ich stehe vor euch, ein komplexes Wesen, das aus Fäden von Stärke, Verletzlichkeit, Schönheit und Macht gewoben ist. Aber lasst mich euch sagen. Eine Wahrheit, die oft unter Schichten der Verzerrung begraben ist: Mein Wert wird nicht durch mein Aussehen oder meine Sexualität definiert. Ich weigere mich, auf ein Objekt der Begierde reduziert zu werden, ein bloßes Spiegelbild der Fantasien anderer.“

Diese Fäden durchziehen die Inszenierung auf der Bühne, machen Verflechtungen sichtbar, die das menschliche Leben ausmachen. Am Ende ist die Botschaft dieser mitreißenden und schwungvollen Oper klar: „Unsere Unterdrücker hatten keinen Erfolg. Unsere Erinnerungen werden nie sterben und das Echo wird nie verklingen. Sie leben in unserer Musik, unserer Sprache, unseren Körpern und Textilien weiter. Wir schmecken sie, fühlen sie und tragen sie in unseren Bewegungen und intuitiven Handlungen.“ – Wenn also die Unterdrücker (gemeint sind damit wohl auch wir), die sowieso keinen Erfolg haben, das frühzeitig begreifen würden, dann könnten wir doch gleich ein Land sein, das die „Flüchtlingskrise“ als eine Chance versteht, in der „Fremde Freunde sind, die man nur noch nicht kennt“.

 

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