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La Sainte Face

Uraufführung von Yvonne Loriods "La Sainte Face" beim Musikfest Berlin

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Immer noch ein Schaufenster der Welt

Untertitel
Modernes und Zeitgenössisches beim Musikfest-Jubiläum Berlin
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Das Fest begann mit einem Paukenschlag: einer halbszenischen Aufführung der Oper „Le Grand Macabre“ von György Ligeti, der die an Bosch und Breughel angelehnte Endzeitvision als eine Art mittelalterlichen Totentanz gesehen hatte. Sein 1978 in der Zeit des Kalten Krieges uraufgeführtes Werk ist heute wieder sehr aktuell. Wichtigstes Bühnenrequisit der Aufführung in der Berliner Philharmonie war das Rednerpult, von dem aus zuvor Meron Mendel eine Festrede gehalten hatte. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt/Main hatte seine Bilanz über 75 Jahre Berliner Festspiele mit einem Blick auf die Adenauer-Ära begonnen, welche die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gemieden hatte. Heute gebe es wieder ähnliche Tendenzen, weshalb eine kritische Kultur dringend gefordert sei.

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Nach dieser Rede betraten Mitglieder des Finnish Radio Symphony Orchestra das Podium, bekleidet mit T-Shirts „We love our leader“. Das Publikum wurde aufgefordert, zu einer von zwölf Autohupen gespielten Staatshymne aufzustehen. Damit befand man sich bereits mitten im Schreckensreich Nekrotzars, des makabren Herrschers von Breughelland, der das Ende der Welt vorbereitet. Mit zahlreichen Zitaten aus der Musikgeschichte hat Ligeti hier eine überaus vielfältige Partitur geschrieben, welche mit hervorragenden Interpreten (darunter die Sopranistin Sarah Aristidou) glänzend realisiert wurde. Das absurd glückliche Ende führte beim Publikum ebenso zu klamaukhafter Belustigung wie zu Beklemmung, erinnerte man sich doch an gefährliche Machtmenschen der Gegenwart.

Ligeti hat seinen „Grand Macabre“ als Anti-Anti-Oper bezeichnet. Entsprechend der Musikgeschichte als Abfolge von Anknüpfungen und Gegenbewegungen kann Wolfgang Rihms 1982 in Berlin uraufgeführtes Ballett „Tutuguri“ musikalisch und inhaltlich als Weiterführung von Strawinskys „Sacre“ gesehen werden. Neben Antonin Artauds „Ritus der schwarzen Sonne“ bildete für den Komponisten auch seine frühe Faszination von Dampframmen einen Ausgangspunkt. Dieses Poème dansé, das zuletzt beim Musikfest 2016 erklang, wirkte jetzt – gespielt vom Lucerne Festival Contemporary Orchestra - deutlich apokalyptischer. Zu Beginn rezitierte der als Guru gekleidete Sprecher Michael Engelhardt den dunklen Artaud-Text. Rihms Musik ließ verschiedene Aggregatzustände aufeinanderfolgen, laute elementare Signale, auch Stille, gelegentlich ein rudimentäres Melos. Das dritte Bild steigerte sich zu nervtötendem Lärm und endete mit einem erbärmlichen Schrei. Nach einer Umbaupause beeindruckte das letzte Bild zunächst durch größere Linien mit Choreinblendungen, wurde dann aber zu einer Orgie der Gewalt, ausgeführt von sechs Schlagwerkern und weiteren über die ganze Philharmonie verteilten Perkussionisten. Jörg Widmann koordinierte das Ganze mit größtem Einsatz tanzend, hüpfend und schwitzend.

Henze und Stockhausen

Der vor 100 Jahren geborene Hans Werner Henze war noch mehr als Ligeti und Rihm eine Zentralfigur in der Geschichte der Berliner Festspiele. Prägend war für ihn die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Aus Italien, wohin er in der Adenauer-Zeit geflohen war, konnte er aber in der Erinnerung an den Widerstand ein positives Bild seiner deutschen Heimat finden. So bezog er sich in seiner Sinfonie Nr. 9, die 1997 als Kompositionsauftrag der Festwochen entstand, nicht nur auf Beethovens Neunte, sondern auch auf den Exilroman „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers. Hans-Ulrich Treichel hatte dabei die Romanhandlung, die Flucht von Häftlingen aus einem KZ, in poetische Bilder übersetzt. Henze widmete seine Komposition „den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus“, mutigen Menschen wie Carl von Ossietzky, Rudolf Breitscheid, den Mitgliedern der Roten Kapelle oder der Weißen Rose. Obwohl der Komponist von einer „Apotheose des Schreckens und des Schmerzlichen“ sprach, findet sich in den sieben Sätzen neben drastischer Expressivität auch viel Klangschönheit und Eleganz. Der mit einem Hörnerchoral beginnende Schlusssatz, ein friedliches Traumbild, lässt allerdings offen, ob die Flucht nur eine Fiktion war, oder ob sie wirklich gelang. Der Rundfunkchor Berlin war mit größter Genauigkeit in Intonation und Deklamation ein gleichberechtigter Partner des Konzerthausorchesters, das der kurzfristig eingesprungene Duncan Ward souverän leitete.

Anders als Henze postulierte Karlheinz Stockhausen 1945 die tabula rasa, die Stunde null. Ab 1975, als er die Philharmoniker dirigierte, war er mehrfach Gast bei den Berliner Festwochen. Aus seinem großen „Licht“-Zyklus, der an Umfang und Anspruch Wagners „Ring“ übertrifft, war jetzt zunächst „Michaels Reise“ mit Trompete und Orchester aus „Donnerstag“ zu erleben. Trotz szenischer Elemente ließ sich die autobiographisch geprägte Handlung in der konzertanten Aufführung (Titus Engel mit dem Orchester der Deutschen Oper) leider nur schwer nachvollziehen. Es folgte in der Deutschen Oper, unter Maxime Pascals kompetenter musikalischer Anleitung, „Mittwoch aus Licht“ als erste szenische Produktion im deutschsprachigen Raum. Für die Produktion des Künstlerduos Susanne Kennedy und Markus Selg waren keine Kosten gescheut worden. Das Helikopter-Streichquartett der dritten Szene wurde vorweg auf einem Flugplatz bei Berlin aufgezeichnet. Das wirkte optisch spektakulär, aber künstlerisch und ökologisch durchaus fragwürdig. Das Werk begann mit einer Sitzung des Weltparlaments über den Wolken, welches die globale Liebe forderte. Dies Ziel ist ähnlich utopisch wie Schillers Freudenode in Beethovens Neunter. Allerdings basiert Stockhausens Werk nicht auf großer Dichtung, sondern auf einem kindlich-naiven Textbuch aus dubiosen Urantia-Quellen.

Vielfältige Entdeckungen

Zu Pfingsten 1945, kurz nach der Kapitulation der Wehrmacht, beendete in Paris die 21jährige Yvonne Loriod eine riesige Partitur mit dem Titel „La Sainte Face“ (Das heilige Antlitz). Sie verknüpfte damit die Trauer über Jesu Tod mit der Erinnerung an einen unter der Besatzung erschossenen jungen Organisten. Kent Nagano, der die Noten im Nachlass seiner einstigen Klavierlehrerin gefunden hatte, dirigierte nun mit dem WDR-Sinfonieorchester die als Sensation angekündigte Uraufführung. Über 14 sehr unterschiedlich instrumentierte Sätze entfaltete sich hier ein Raga in G-Dur, virtuos dargeboten von Flöte, Sopran und Harfe, gefolgt von einer mystischen Meditation. Die Begleitumstände der Entstehung sind allerdings interessanter als das überlange Werk, das als kühne Vorahnung von Messiaens Turangalila-Sinfonie erscheinen mag. Yvonne Loriod wird im Gedächtnis bleiben als grandiose Pianistin und Partnerin Olivier Messiaens, kaum aber als große Komponistin.

Die Berliner Festspiele haben schon lange den Austausch mit Osteuropa gepflegt. Auch jetzt waren Sofia Gubaidulina und Alfred Schnittke wieder mit repräsentativen Werken zu hören. Der vor 100 Jahren geborene Rumäne Anatol Vieru, der 1941 ein Juden-Massaker überlebte, schuf 1973 in West-Berlin seine rätselhafte 2. Sinfonie, die Vladimir Jurowski beim RSB Berlin mit farbstarken Werken von Edison Denisow und Sergej Rachmaninow kombinierte. „Sky limited“ der Serbin Milica Djordjević kam beim agilen Ensemble Resonanz faszinierend zu mikrotonalem Leuchten. Der Ungar Márton Illés wollte mit der Vokalkomposition „von mund zu mund“ die Evolution der Sprache darstellen und ging dabei spekulativ bis 7 Millionen Jahre zurück. Weniger tief in die Geschichte tauchte Olga Neuwirth ein, die sich in zwei neueren Werken auf Richard Wagner und Maurice Ravel bezog. Enno Poppe nahm sich bei „Kreis“ für Sopran und Kammerorchester Claudio Monteverdi zum Ausgangspunkt. „Er schaut mir bei der Arbeit quasi über die Schulter.“

Ein roter Teppich wurde für Australien ausgerollt. Der aus Brisbane stammende Brett Dean hatte 1999 nach 14jähriger Bratschistentätigkeit die Berliner Philharmoniker verlassen, um freiberuflicher Komponist zu werden. Als Composer in Residence dirigierte er nun bei diesem Orchester neben der opulent besetzten Klangextase „Beggars and Angels“ seine neuen „Conversations with Schumann“, die man fast schon als Collage bezeichnen kann. In „And once I played Ophelia” mit der fabelhaften Sopranistin Jennifer France setzte Dean eigene Streicherfahrungen ein, darunter vielleicht auch Bernard Herrmanns berühmte „Psycho“-Filmmusik. Cathy Milliken, einst Oboistin bei den Philharmonikern, schrieb ihrem Kollegen Dominik Wollenweber ein Englischhorn-Konzert auf den Leib. Simon Rattle, der schon Dean unterstützt hatte, dirigierte das eher konventionelle Werk, eine Geburt der Melodie aus dem Geräusch. Unter Simone Young erklang beim Deutschen Symphonie-Orchester die vom Schimmern selbstleuchtender Tintenfische angeregte Komposition „Sappho/Bioluminescence“ der Australierin Liza Lim. Weitere Gäste aus Südafrika und Japan können hier nur kurz erwähnt werden. Auch in der 75. Edition war beim Musikfest Berlin also wieder die Welt zu Gast.

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