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Lucrezia Borgia an der Opéra Royal de Wallonie-Liège. Foto: © J. Berger - ORW Liège

Lucrezia Borgia an der Opéra Royal de Wallonie-Liège. Foto: © J. Berger - ORW Liège

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Jessica Pratt als prachtvolle Giftmischerin und verhinderte Madonna: Donizettis „Lucrezia Borgia“ in Liège

Vorspann / Teaser

Donizettis frenetisches Opernungetüm „Lucrezia Borgia“ wird im Opernhaus von Liège durch Jessica Pratt zum berechtigterweise umjubelten Belcanto-Ereignis. Giampaolo Bisanti am Pult, Marko Mimica, Julie Boulianne und die Opéra Royal de Wallonie-Liège gestalten ein Opernfest ohne Berührungsscheu zu älteren Gestaltungsmitteln. Das macht noch immer große Freude.

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Sie ist zu lange eine unachtsame Mutter und viel mehr: Verletzte Frau, Racheengel, Liebende, beleidigte Gattin und schließlich aufheulende Leidende. Im 19. Jahrhundert schaffte es Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia“ auf eines der wenigen ironischen und sonst eher biederen Werbebildchen des Konservenpioniers „Liebigs Fleischextrakt“. Schon die Tragödie Victor Hugos, Vorlage des Librettos von Felice Romani für die an der Mailänder Scala 1833 uraufgeführte Oper, zog alle Register für die Weibsteufel-Legende und Rekordgiftmischerin aus dem Borgia-Clan. Weil es um die Titelfigur in der italienischen Hochrenaissance bei Donizetti äußerst wild und fast parodistisch turbulent zugeht, schaffte es „Lucrezia Borgia“ erst ziemlich spät zurück auf die Bühnen, inzwischen aber ähnlich nachhaltig wie andere feine Stücke der Melodramma-Renaissance von „Anna Bolena“ bis „Beatrice di Tenda“. Durch die wunderbare Jessica Pratt wurde die Partie mit der Wiederholungsstrophe der ersten Cabaletta in der Opéra Royal de Wallonie-Liège sogar noch länger – und raumgreifender.

Die Australierin nistet sich endlich an der Weltspitze des Belcanto-Bravourfachs ein. An entsprechenden Stellen bereichert sie sogar noch mit Fiorituren und vor allem gestochen klaren wie wuchtigen Acuti. Jessica Pratt ist bravourös, sensationell und neben der imponierend hohen Kunst auch ein bisschen sportiv. Das darf und muss sein, selbst wenn es mehr um gemeißelte Extreme geht als um romantische Gefühle. Mit Souveränität und sympathischer Persönlichkeit begeisterte Pratt auch für diese Operngangart sonst weniger zugängliche Jugendliche. Diese blieben bemerkenswert still und mischten beim zehnminütigen Jubelorkan nach der ausverkauften Vorstellung kräftig mit. 

Die Handlung balanciert trotz redlicher Bemühungen des Regisseurs und früheren Intendanten Jean-Louis Grinda hart an der Kolportage entlang. Dabei bemühte sich Grinda zwischen symbolischer Sakralität und biedermännischen Kurtisanen-Visionen um dekorative Posen und opulente Gruppierungen. Lucrezias Sohn Gennaro, der von seiner Abkunft nichts weiß und demzufolge in ihr nicht die Mutter erkennt, verunstaltet an deren Hochrenaissance-Klingelschild das B. So steht statt Borgia nun „Orgia“ an der Mauer, zu lesen für jedermann und wenig reputabel. Lucrezia schwitzt deshalb beim inzwischen vierten Ehemann Alfonso Zeter, Rache und Mordio, will aber den als Delinquent dingfest gemachten Sohn doch nicht töten. Lucrezias nächster Giftanschlag gilt der Freundesgruppe ihres Sohnes als Vergeltung für ein etwas aus der höflichen Form geratenes Beschimpfungsattentat gegen sie in Venedig. Diesmal aber kann sie Gennaro bei einer bacchanalischen Weinverkostung der Gräfin Negroni nicht retten. Schlussvorhang nach Lucrezias letzter Arie aus düsterem Pathos und gleißendem Furor. Auch da triumphiert Jessica Pratt, obwohl es der russische Tenor Dmitry Korchak ihr und der seinen etwas zu zärtlichen Freund Maffio Orsini ideal gestaltenden Julie Boulianne permanent schwermacht. Korchak singt die Partie laut, monochrom und kraftvoll durch. Das führt gewiss zu Applausgeschmetter, aber insgesamt auch zu mehr Unglaubwürdigkeit und mehr Hölzernheit. So verhilft Korchak dem partienerfahrenen Marko Mimica, der als Alfonso d’Este bei Grinda zum Glück nicht als toxischer Halunke erscheint, zu mehr Format und angesichts der rabiaten Stimmungswechsel Lucrezias zu solidarischer Sympathie des Publikums. 

Das alles spielt vor Stadtansichten Venedigs und Ferraras, denen Arnaud Pottier in Projektionen immer häufiger berühmte Madonnen- und Pietà-Kunstwerke beisetzt. Auch ein Kinderengel mit leuchtenden Riesenflügeln steht der unfreiwillig willkürlichen Lucrezia bei. Laurent Castaingt setzt die wirkungsvolle Treppe und das Adria-Glitzern ins beste Milchmondlicht. Françoise Raybauds Kostüme und Vollhaarfrisuren schaffen ein ganzes Rudel Prachtburschen, die sich auch wegen Grindas Kapitulation vor den vielen Intrigen und Investigationen kaum unterscheiden lassen. Dabei sind die Partien von Luca Dall’Amico, Roberto Covatta, Marco Miglietta, Lorenzo Martelli, Francesco Leone, William Corrò und Rocco Cavalluzzi gar nicht so klein, die Besetzungen dieser von der Titelfigur malträtierten Herrenriege durch die Bank attraktiv. Der Chor singt glutvoll bis elegant, flirtet und wütet angemessen. 

Das machten sich Chefdirigent Giampaolo Bisanti und mit kongenialer Haltung Chordirektor Dénis Segond zunutze. Das Orchestre de l'Opéra Royal de Wallonie-Liège hat für dieses Repertoire rundum alle Vozüge. Bisanti setzt derart dramatische Schärfen und Zuspitzungen, dass er die eigene Feinarbeit vergessen macht. Im Finale-Trubel des Prologs leuchtet das Blech mit feinen Crescendi, die Streicher werden im Terzett-Finale des ersten Aktes zum breit samtenen Malstrom und Orsinis Trinklied glitzert neben dem Hit-Appeal wie ein brillantes Scherzo. Diese „Lucrezia Borgia“ hatte dramatische Schwere und in jedem Takt auch die Legitimation dafür, warum es so sein muss – erst recht unter Mitwirkung einer atemberaubenden Interpretin wie Jessica Pratt.

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