Radikaler Traditionsbruch, materiale Analyse, avantgardistische Innovation, konzeptuelles Denken, ideologiekritische Durchleuchtung…, all das war gestern und vorgestern. Heute haben junge Komponistinnen und Komponisten wieder Lust auf Sinnlichkeit, Klangrausch, Virtuosität, Spaß, Pathos, Drama, Programmatik. Ist das konservativ, gar restaurativ? Oder auf andere Weise frisch und Ausdruck unserer Zeit? Solche Fragen stellten sich zumindest angesichts der sechs Stücke, die zum Abschluss der Orchesterwerkstatt des WDR Sinfonieorchesters unter Leitung von Baldur Brönnimann uraufgeführt wurden. Während im Rahmen der Konzertreihe „Musik der Zeit“ sonst Werke international bekannter Größen zu Ur- und Erstaufführungen gelangen, präsentierte man unter dem Titel „#ATELIER“ nun Stücke weithin unbekannter Musikschaffender unter 35 Jahren – die meisten noch Studierende.
Jiyang He und Theresa Szorek vor WDR Sinfonieorchester. Foto: Claus Langer
Jung, frisch, neu, alt?
Die Initiative geht auf den Landesmusikrat Nordrhein-Westfalen und dessen Generalsekretär Robert von Zahn zurück. Es sollten Orchesterpartituren junger Komponierender der vier NRW-Musikhochschulen in Köln, Essen, Düsseldorf und Detmold erarbeitet, besprochen, nötigenfalls retuschiert und revidiert werden. 2009 und 2012 wurde die Werkstatt erstmalig vom Gürzenich Orchester unter Leitung von Markus Stenz durchgeführt. Weil das städtische Orchester die erarbeiteten Stücke jedoch nicht öffentlich aufführen wollte, übernahm das WDR Sinfonieorchester die weiteren Akademien der Jahre 2013, 2015 und 2018 samt Abschlusskonzerten im Konzertsaal der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Nach längerer Pause wurde das Projekt 2024 erstmals international ausgeschrieben und in die Reihe „Musik der Zeit“ inklusive Live-Übertragung integriert.
Nachdem es vor 2 Jahren 31 Bewerbungen gab, waren es diesmal 80 Partituren von 60 Komponierenden. Die Jury bestand aus Dirigent Baldur Brönnimann, Flötist und LMR-Vertreter André Sebald, WDR-Geiger Pierre-Alain Chamot, Programmgruppenleiterin Musik und Radiokunst WDR3 Andrea Zschunke sowie den beiden Komponisten Günter Steinke und Miroslav Srnka. Nach dreitägiger intensiver Arbeitsphase waren im großen Sendesaal des Kölner Funkhauses bei freiem Eintritt schließlich sechs exzellent gespielte Uraufführungen von jeweils zehn Minuten Dauer zu erleben. Die Instrumentation der Stücke zeugte von großem handwerklichen Können und schöpfte das klangliche und dynamische Spektrum des symphonischen Apparats voll aus. Nicht vertreten waren alternative Umgangsweisen mit dem großen Kollektiv samt Stimmgruppen, Solisten, Tutti, Dirigent und Arbeitsteilung, die man auch als Gesellschaftsmodell begreifen und neu definieren könnte. Auf die Frage von Moderatorin Theresa Szorek, woran man merkt, dass ein Stück „funktioniert“, antwortete Brönnimann, die besten Momente seien gerade diejenigen, die „nicht funktionieren, weil sich da etwas ereignet, was es so bisher noch nicht gab“.
Der Spanier Jose Luis Valdivia Arias verwirbelte in seinem eklektizistisch-sprunghaften „Mistral“ Bruchstücke verschiedener tonaler Gesten, Akkorde, Figuren, Stile und Epochen. Abrupt wechselten Splitter von Filmmusik, Popsongs, Folklore, elegische Hornsoli, spieluhrenartig kreisendes Lamento sowie metallisches Funkeln von acht Schlagzeugern. Die Chinesin Jiaying He übersetzte in ihrem autobiografisch geprägten „vacuum travel: 55 days“ das bange Warten auf ein Visum in eine dunkel brütende KIangfläche, die plötzlich Wellen aufwarf, Kristalle gebar oder Monster ausspuckte und wieder verschluckte. „Elegy“ des Chinesen Ziyang Wen zeichnete das dramatische Tongemälde einer Erdbebenkatastrophe mit hoch expressiv schreienden Clustern, wuchtigen Trommelschlägen, stampfenden Repetitionen und über den Trümmern einsam klagender Solobratsche. Der Slowene Miha Nahtigal ließ in seinem eulenspiegelhaften „Marko skače. Previsoko“ vorsichtig tastende Wisch- und Klopfgeräusche völlig vorbereitungslos zu pompösen Triumphgesten eines Richard Strauss eskalieren und das schalkhafte Stück fortan zwischen Folklore, Vaudeville, Zirkus- und Filmmusik umherspringen. Weniger eindrücklich wirkten die Stücke des Österreichers Tim Lugstein und Albaniers Evans Koçja.
Für das WDR Sinfonieorchester ist es wichtig, neben dem sonst üblichen Repertoire auch jüngste kompositorische Stimmen kennenzulernen. Umgekehrt machen die neuen Talente in der Zusammenarbeit mit dieser Spitzenformation wertvolle Erfahrungen und erhalten durch exzellente Aufführungen und Mitschnitte ihrer Werke wichtige Referenzen für ihren weiteren Werdegang. Da ist es gut, dass der seit November 2025 neu amtierende WDR-Redakteur für Neue Musik Anselm Cybinski die Orchesterwerkstatt im Zweijahresrhythmus weiter veranstalten möchte. Denn auch andere schlafen nicht.
Ein Wettbewerb mit hoch dotierten Preisgeldern und ohne Altersbeschränkung ist die im Geiste des 1999 verstorbenen Dirigenten, Mäzens und Autographensammlers Paul Sacher seit 2017 von der Paul Sacher Stiftung veranstaltete Basel Composition Competition (BCC). Dem ersten Jurypräsidenten Wolfgang Rihm folgte Michael Jarrell. Noch bis zum 16. Oktober 2026 können Komponierende unaufgeführte Werke für Kammer- oder Sinfonieorchester einreichen. Zehn bis zwölf Stücke werden ausgewählt und im April 2027 wahlweise vom Kammerorchester Basel, dem Sinfonieorchester Basel und der Basel Sinfonietta zur Uraufführung gebracht. Die drei oder vier besten Werke werden dann bei einem Final-Konzert am 23. April 2027 ausgezeichnet und mit insgesamt hunderttausend Schweizer Franken bedacht.
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