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Elza van den Heever (Turandot) und Ensemble. Foto: Bernd Uhlig.

Elza van den Heever (Turandot) und Ensemble. Foto: Bernd Uhlig.

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Kalter Blick auf Liebe und Tod – Lucia Ronchetti und Andrea Breth zeigen in Frankfurt eine andere „Turandot“

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„Qui finisce l'opera lasciata incompiuta dal maestro per la sua morte – Hier endet das Werk, das der Meister aufgrund seines Todes unvollendet hinterlassen hat“, sagte Arturo Toscanini am Abend des 25.April 1926 in der Mailänder Scala und legte den Taktstock aufs Pult. Er hatte soeben die handschriftlich fertiggestellten Partitur-Seiten von Giacomo Puccinis letzter Oper „Turandot“ uraufgeführt – ohne ein auskomponiertes Finale. Doch damit begann auch eine Komplettierungsgeschichte – so vielfältig, dass sie jede Neueinstudierung lange vor Probenbeginn zu Entscheidungen herausfordert. Ein für „das Unkonventionelle“ mehrfach ausgezeichnetes Haus wie die Oper Frankfurt hat sich dem natürlich gestellt…

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Die Aufzählung „Franco Alfano 1 – Toscanini – andere Musikwissenschaftler – Alfano 2 – andere Musikwissenschaftler – Luciano Berio – Musikwissenschaftler…“ ließe sich noch länger auswalzen – dennoch bleibt Puccinis letztes Musikdrama letztlich bislang unvollkommen. Derzeit muss die überragende Oper der Stadt Frankfurt wieder einmal um ihre künftige Finanzierung kämpfen – doch sie hat schon einige Zeit davor einen derzeit wohl nicht mehr honorierbaren, besonderen Auftrag vergeben: die renommierte italienische Komponistin Lucia Ronchetti (*1963) hat in mehreren Werken vernachlässigte Frauengestalten musikdramatisch gefeiert – also nahm sie die Herausforderung „Turandot-Problem“ gerne an. Auch sie scheint von der menschlich überragenden Figur beeindruckt: der Sklavin Liu, die den Prinzen Calaf liebt, seinen Namen verschweigt und dafür in den Tod geht. Ronchetti erkannte und zieht dabei eine Linie zu Gesulados Madrigalbuch IV von 1596 und dem Lamento „Io tacerò – Ich werde schweigen“ – speziell der Zeile „… wenn ich sterben werde, wird der Tod noch einmal für mich schreien.“ Ronchetti, Breth, GMD Guggeis und Intendant Loebe entschieden: „Kein neues Liebesduett Turandot-Calaf am Ende – vielmehr eine Einstimmung in die Turandot-Welt von Schrecken, Gewalt und Tod.“ Also hat Ronchetti einen etwa zehnminütigen Prolog für Kinderchor, gemischten Chor und Streichorchester komponiert: Im total dunklen Raum tönten vom weit verteilten, schattenhaft bleibenden Chor Vokalisen, Textfetzen und bis zum Schrei gesteigerte Klänge, dazu ähnliche Zuspielungen durch den geschlossenen Vorhang und von Guggeis energisch gesetzte Streicherakzente aus dem Graben – und diese verstörende bis erschreckende Klangwelt mündete direkt in die vier gleichfalls eher gewaltsamen Orchesterschläge von Puccinis Partitur. Damit war die „Ton-Art“ der Frankfurter Neuinterpretation gesetzt.

Dementsprechend fern aller Fernost-Exotismus, alle Chinoiserie: Johannes Leiackers Bühnenräume und Ursula Renzenbrinks Kostüme zeigen die kalt-weiße Sachlichkeit einer zeitgenössischen Diktatur – an Nordkorea und die Diktatoren-Schwester Kim Yo Yong darf gedacht werden. Viele Gitterräume für schwarz gekleidetes Volk und Gefangene, Schreibtisch-Todes-Bürokratie mit Telefon und Aktenordnern, das Minister-Trio nicht als halb gelungene Komik-Nummer, sondern geplagt-gejagte Handlanger mit Restsehnsüchten – szenisch-visuelles Ungeborgensein. Der Glücksfall von drei Asiaten als Timur, Liu und Calaf wurde als „Flüchtlinge“ von drei Shaolin-Kung-Fu-Kämpfern (Könner aus der in Frankfurt ansässigen Schule) gewaltsam vorgeführt und streng rituell in Schach gehalten. In diesem Ambiente trat eine zunächst schwarz verschleierte, dann in einem strahlend weißen Fast-Priesterinnen-Gewand mit halber weißer Gesichtsmaske befremdende Prinzessin auf – die gleichfalls in Ritual-Gestik sich selbst inszenierende und sich damit abhebende Turandot… durchaus auch Objekt des Begehrens für einen bullig kämpferisch auftretenden Calaf – fast stellt sich ein: Macht-Interessen. Diese menschliche Distanz war in Andrea Breths Regie-Feinzeichnung minutiös nachzuvollziehen. Ohne feminine Überzeichnung stach so die tiefe, reine Menschlichkeit der Sklavin Liu hervor – und ließ die Bühnenhandlung leise enden… „unerfüllt“ wie so vieles in dieser unserer Welt…

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v.l.n.r. Inho Jeong (Timur; sitzend), Guanqun Yu (Liù; auf den Stufen sitzend) und Alfred Kim (Calaf; auf dem Stuhl sitzend) sowie Ensemble. Foto: Bernd Uhlig

v.l.n.r. Inho Jeong (Timur; sitzend), Guanqun Yu (Liù; auf den Stufen sitzend) und Alfred Kim (Calaf; auf dem Stuhl sitzend) sowie Ensemble. Foto: Bernd Uhlig

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Umso mehr Erfüllung gab es von musikdramatischer Seite. Mal an „Schauprozess“, mal an Parteitagsritual erinnernd, aber eben auch klanggünstig war der schon mehrfach ausgezeichnete Frankfurter Chor aufgereiht – und toste entsprechend (Einstudierung der wohl kommende neue Direktor Manuel Pujol). Über die drei ebenfalls differenziert gezeichneten Minister von Liviu Holender, Magnus Dietrich und Michael Porter hinaus klangen auch die übrigen kleineren Partien mit den Puccini-Farbtönen – herausragend der schöne Bass von Inho Jeong als Timur. Der ehemalige Ensemble-Tenor Alfred Kim kehrte von den großen Bühnen zurück und war äußerlich genau der richtige für diesen „unedlen“ Fremden, dessen „Nessun dorma“ diesmal einen Hauch von „Trotzig-Spöttisch“ bekam. Von internationalen Erfolgen zwischen New Yorks Met und Salzburg kehrte das einstige „Haus-Gewächs“ Elza van den Heever als hochgewachsene, souverän distanzierte Turandot zurück – und ließ keinen vokalen Zweifel aufkommen, dass sie zu den ersten Hochdramatischen der Opernwelt gehört. Dennoch konnte sich Guanqun Yu mit warm strahlendem Sopran für das Liu-Schicksal neben ihr behaupten. All diese Vokal-Brillanz funkelte und strahlte, weil GMD Thomas Guggeis mit dem perfekt eingespielten Frankfurter Museumsorchester die klanglichen Raffinessen von Puccinis reifer Partitur ausdifferenziert hören ließ – und dann mit diesen Solisten und dem Chor „in die Vollen“ gehen konnte – eben auch als musikdramatischer „Diktatur-Protz“ zu verstehen. Insgesamt stellte sich eine geradezu „horizonterweiternde Turandot“ ein – ein einst unvollendeter Puccini mit Strahlkraft ins Heute.

In Gänze lautet der Text des Ursprungs-Madrigals: „Ich werde schweigen, aber in meiner Stille künden meine Tränen und Seufzer von meinen Qualen. Und wenn ich sterben werde, wird der Tod noch einmal für mich schreien. Vergebens, o Grausamer, wünschst du dir, dass meine Qual und deine Strenge verborgen bleiben, denn mein grausames Schicksal gibt der Stille und dem Tod seine Stimme. 

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