Nach oben hin buckeln, nach unten treten – oft ein gängiges Rezept jener, die zu kurz gekommen sind, aber immerhin noch auf Menschen herabblicken, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst. Auf die kann man nämlich draufhauen. Bei Georg Büchners Woyzeck und in Alban Bergs Wozzeck ist die zentrale Figur aber ein Mensch auf der untersten Sprosse der Leiter, der eigentlich nur noch „Jawohl, Herr Hauptmann“ sagt. Unter ihm? Nichts mehr!
Martin Homrich, Susanne Serfling, Mitglied des MiR Kinderchores. Foto: Björn Hickmann
Kein Rat im mörderischen Rad der Geschichte: Alban Bergs Wozzeck am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
Bei Ilaria Lanzino hat Bergs Wozzeck eine etwas andere Position: Die Regisseurin lässt Wozzeck seinen Vorgesetzten gegenüber natürlich gehorsam buckeln – aber da sind noch Andere, die weit übler dran sind als er, der einfache Soldat auf unterster Karriereleiter. Es sind die verfolgten, drangsalierten, brutalst behandelten Juden in einer Zeit, da sich das Ende der Naziherrschaft im Deutschen Reich schon abzeichnet. Also: Wir sind in Ilaria Lanzinos Lesart irgendwann vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Todesmaschinerie läuft nach wie vor, kistenweise wird Zyklon B an Ort und Stelle geschleppt, ein Mensch in Arztkittel spielt den „Gott in Weiß“, macht Experimente an lebenden Objekten; selbstbewusst feiern Nazis ein Fest, das Volk schwingt begeistert Hakenkreuz-Fahnen und jubelt.
Wozzeck ist also nicht der absolute Loser. Es gibt ja noch die Juden. Und hier eröffnet sich eine interessante zusätzliche Perspektive, die über den Wozzeck, den wir kennen, hinausgeht. Wozzeck ist nicht (mehr) nur einer der „armen Leut’“, dessen Schicksal uns berührt und mit dem wir Mitleid haben können und müssen. Wozzeck, dieses klitzekleine Rädchen im Nazi-Getriebe, steht auf einmal vor den Fragen von Gehorsam und Verantwortung: Gehorsam gegenüber den Befehlen von oben – etwa, einen inhaftierten Juden zu erschießen. Und individuelle Verantwortung für sein Handeln, die Vereinbarkeit mit seinem Gewissen, also der Frage nach Schuld. Eine Zerreißprobe. Zumal für jemanden wie ihn, der permanent unter Minderwertigkeitskomplexen leidet – was schließlich auch dazu führt, dass er seiner Frau Marie unterstellt, sie betrüge ihn mit dem so virilen Tambourmajor. Was durchaus sein kann, denn Marie, so scheint es, profitiert ganz gern von der „neuen Zeit“ und lässt sich Koffer deportierter Gefangener ins Haus kommen.
Wozzeck ist überfordert. Schlimmer noch: In seinen Wahnvorstellungen sieht er von Anfang an den völligen Untergang der Nazi-Herrschaft voraus, fühlt sich aber buchstäblich machtlos, etwas dagegen zu tun. Die letzte Konsequenz: Er nimmt sich das Leben, ebenso wie die von Gewissensbissen geplagte Marie.
Ilaria Lanzino legt mit ihrem Regie-Debüt am Gelsenkirchener Haus eine bemerkenswerte Interpretation vor, die in jedem Augenblick berührt, in jedem Moment absolut stimmig ist und einen hochsensiblen Umgang mit dem so heiklen Nazi-Sujet pflegt. Martin Hickmann entwirft eine praktikable Bühne, die Requisiten konzentrieren sich aufs Wesentliche, Melchior Silbersack zitiert die Garderobe der Zeit.
Simon Stricker, Statisterie. Foto: Björn Hickmann
Musiziert wird auf höchstem Niveau. John Warner, seit Beginn dieser Spielzeit 1. Kapellmeister am MiR in Gelsenkirchen, entwickelt aus Bergs Partitur ungeheure Sogkraft und bringt große Lyrismen ebenso wie dramatische Ausbrüche voll zur Geltung. Sängerisch bleiben keine Wünsche offen: Susanne Serfling ist eine zwischen Verzweiflung und klarem Kalkül changierende Marie mit ausdrucksstarkem Sopran; Simon Strecker lässt Wozzecks Angst und Gewissensplage unmittelbar spüren, während Matthew Peña als Hauptmann seine oft fürchterlich hoch liegende Partie mit unerschöpflicher Kraft und Ausdauer meistert. Martin Hombrichs Tambourmajor hat die angemessene Statur eines von sich überzeugten Nazi-Granden; auch Constanze Jader (Margret), Adam Temple-Smith (Andres) und Philipp Kranjc (Doktor) gehen voll und ganz in ihren Rollen auf.
Fazit: eine spannende, von vorn bis hinten gelungen umgesetzte neue Sicht auf Alban Bergs hundert Jahre „altes“ Meisterwerk.
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