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Malina: Malina (Valer Sabadus), Ich (Larisa Akbari). Foto: Annemone Taake

Malina: Malina (Valer Sabadus), Ich (Larisa Akbari). Foto: Annemone Taake

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Kein Wohlfühlabend: Kontrollierte Unruhe mit Karola Obermüllers und Peter Gilberts „Malina“ im Theater Aachen

Vorspann / Teaser

Kaum in Schwetzingen uraufgeführt, hatte „Malina“ von Karola Obermüller und Peter Gilbert nun am Theater Aachen Premiere. Wie Schwetzingen hat Aachen hat damit keinen Abend für Beifall aus dem Bauch heraus bekommen, sondern einen jener seltenen Opernfälle, bei denen das Publikum erst einmal merkt, dass es arbeiten muss. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Denn Karola Obermüller und Peter Gilbert haben Ingeborg Bachmanns Roman nicht in leichtbekömmliche Opernromantik verwandelt, sondern in ein Musiktheater der inneren Zumutungen: mit Rissen statt Bögen, mit Nerv statt Nummer, mit Sprachkunst statt Arie.

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Das Stück macht es einem nicht bequem, und genau darin liegt seine Qualität. Wer hier eine gefällige Literaturveredelung erwartet, bekommt stattdessen ein verschachtelt gebautes, psychologisch aufgeladenes Kammerspiel, das sich weigert, aus dem Material bloß eine hübsch inszenierte Geschichte zu machen. „Malina“ bleibt unerquicklich, fragil, manchmal sogar bewusst spröde — aber eben nie beliebig. Der Abend will nicht gefallen, er will treffen.

Dass die Uraufführung in Schwetzingen bereits auf dieses Konzept eingeschworen hat, ist nun auch in Aachen spürbar: Die Oper interessiert sich weniger für Handlung als für Zustände. Für das Flirren zwischen Erinnerung und Gegenwart, für das Zerfasern von Identität, für die Macht der Sprache und für ihr Versagen. Das ist kein Stoff für Opernkonfekt, sondern für schweren seelischen Großwetterlagen. Und genau so wird er behandelt.

Der Abend will nicht gefallen, er will treffen

Besonders reizvoll ist die Figur des „Ich“, die hier nicht als dramatisch sattes Zentrum daherkommt, sondern als verletzlicher Resonanzraum. Sie trägt den Abend nicht mit Heldinnenpose, sondern mit brüchiger Intensität. Das hat Wirkung, weil die Figur nicht gespielt wird, als wisse sie schon, woran sie leidet. Sie leidet eben gerade daran, es nicht zu wissen. Malina wiederum erscheint nicht als klassischer Widerpart, sondern als kühler Fixpunkt, als Figur der Distanz, vielleicht auch der Verweigerung. Man könnte böse sagen: ein Individuum, das mehr Projektionsfläche als Mensch ist. Aber genau diese Unschärfe macht es spannend.

Musikalisch lebt der Abend von seiner kontrollierten Unruhe. Die Partitur hat wenig Interesse an Opernpathos, dafür umso mehr an Reibung, Verdichtung und feinen Verschiebungen. Es gibt kein bequemes Ohrensofa, auf dem man sich zurücklehnen könnte. Stattdessen wird der Hörer immer wieder in jene Zonen geführt, in denen Klang, Text und psychischer Druck ineinandergreifen. Das ist nicht immer angenehm, aber meistens produktiv. Und wenn eine zeitgenössische Oper nicht gelegentlich unbequem ist, wozu dann überhaupt?

Die Inszenierung von Franziska Angerer vermeidet den Fehler, aus Bachmanns Roman ein symbolisches Schaubild zu machen. Keine demonstrative Tiefsinnsdekoration, kein Museum der Deutungen, keine literarische Vitrinenästhetik. Stattdessen ein Zugriff, der auf Konzentration setzt und dem Material die nötige Luft zum Atmen lässt. Hinzu kommt die musikalische Seite. Das Sinfonieorchester Aachen spielt unter der ebenso unaufgeregten wie präzisen Leitung von Chanmin Chung die gemeinschaftlich entstandene Partitur von Obermüller und Gilbert. Im Detail ist nicht nachzuvollziehen, was nun von wem stammt, und auch das Programmheft bleibt nebulös. Doch das Kontinuum aus fragmentierten Texten und Klängen, das beide geschaffen haben, fesselt durchaus. In vokaler Hinsicht ist der Abend stark besetzt: Valer Sabadus (Malina) wandelt querbeet durch Zuschauerraum und das spartanische Bühnenbild und singt berückend, Larisa Akbari (Ich), Micah Schröder (Ivan), Jelena Rakič (Prinzessin) und Angel Macías (Prinz) tun es ihm gleich, ebenso der von Band zu hörende Opernchor Wuppertal.

Am stärksten ist „Malina“ dort, wo sie nicht auf große Effekte schielt. Die Oper gewinnt aus dem Ungeglätteten, aus der Spannung zwischen Nähe und Entzug, aus der Frage, wie viel Innerlichkeit auf einer Bühne überhaupt darstellbar ist, ohne peinlich zu werden. Die Antwort lautet hier: mehr, als man denkt — wenn man nicht auf Psychorealismus, sondern auf musikalische Form setzt. Genau das ist die eigentliche Leistung dieses Abends. Unterm Strich bleibt eine Premiere, die sich nicht als Triumphgeheul verkauft, sondern als ernsthafte künstlerische Setzung. „Malina“ ist kein Opernfeuerwerk, es lodert nicht breit, aber es brennt nach. Und das ist im besten Sinn mehr, als man von vielen Premieren behaupten kann.

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