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Gero Wendorff, Antje Kahn, Johannes Wollrab, Marie-Audrey Schatz (v. l.). Foto: René Jungnickel

Gero Wendorff, Antje Kahn, Johannes Wollrab, Marie-Audrey Schatz (v. l.). Foto: René Jungnickel

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Knallbuntes Musical-Event: Gerd Natschinskis „Mein Freund Bunbury“ an den Sächsischen Landesbühnen

Vorspann / Teaser

Der dritte und letzte Beitrag zur Natschinski-Reihe dieser Spielzeit – leider nur in den neuen Bundesländern: Nach „Messeschlager Gisela“ in Cottbus folgte „Mein Freund Bunbury“, das Vorzeige-Musical der DDR aus dem Jahre 1964, in Annaberg-Buchholz unter Mitwirkung der Komponisten-Witwe Gundula und dem jüngsten Sohn Lukas. Jetzt ziehen die Landesbühnen Sachsen nach. Intendant Manuel Schöbel setzt in seiner Inszenierung zur für die zukünftige Wirkungskraft wichtigen „Ent-Ostung“ an. Das Ensemble zeigt starke Meriten und flotten Spielwitz.


 

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Für die jüngere Generation ist „Mein Freund Bunbury“ neben vielleicht noch „Messeschlager Gisela“ die einzige wirkliche Bühnenrakete vom Musical-Planeten DDR. Durch grobe Vernachlässigung seit der Wiedervereinigung betreffend Bewahrung und Überprüfung der Repertoiretauglichkeit nimmt das heitere Musiktheater Ostdeutschlands mit über 200 Werken einen bald nicht wiedergutzumachenden Schaden. Da finden sich noch viele andere Titel neben „Mein Freund Bunbury“, die wie Gerd Natschinskis Musical nach Oscar Wildes Komödie „The Importance of Being Earnest“ Analogien zur DDR-Vergangenheit mit bühnenwirksamen Spaßfaktoren überpinselten. Zum Teil mit Relevanz in der Gegenwart 2026 ff.: „Alle bunburisieren“, behauptete das epochale Textdichter-Tandem Helmut Bez und Jürgen Degenhardt. Damit meinte es das Vorschieben einer fiktiven Person, um sich vor allem Möglichen drücken zu können. Man bezog sich auf das viktorianische Kolorit in Wildes Komödie wie auf die 1920er Jahre in London für die eigene Adaption zwischen Heilsarmee und Music Hall. So doppelzüngig gerieten die Seitenhiebe auf das Fadenkreuz von Stasi und Alltag, dass die stellenweise zum Schreien komische Adaption unbeschadet an den Kritikinstanzen vorbei flatterte und zum Mega-Erfolg mit über 100 Inszenierungen wurde. 

Manuel Schöbel setzte mit einer für alle Jahrzehnte seit der Uraufführung 1964 im Ostberliner Metropoltheater funktionierenden Inszenierung an. Deren praktikables wie freches Design verantworteten Iris Nadler in einem mit Plastikboxen und Fahrplandisplays die Gegenwart meinenden Bühnenbild und Sabina Moncys. Für deren Kostüme waren die kessesten Schnitte und knalligsten Farben gerade gut genug. Das Wechseln von Identitäten und die Plausibilisierung von Ausflüchten, für die überall und jederzeit Bunbury herhält, wird so zum boulevardesken Zeitbild. Eine Bibliothek mit den Fachsignaturen B-U-N-B-U-R-Y und eine weiße Wand mit allerhand freigebenden Schiebetüren signalisiert: Nichts ist so flüchtig wie der Wechsel von literarischen Moden und textilen Maskeraden. Alles vergeht, aber die unsterblichen Melodien Natschinskis bleiben: Der Titelsong, „Piccadilly“, das Trinklied und manches andere. Natschinski ist also doch der Beständigste aus der Riege der Operetten- und Musicalkomponisten der DDR, selbst wenn Guido Masanetz durch seine von den Landesbühnen an der Felsenbühne Rathen uraufgeführten sozialistischen Volksoper „Sprengstoff für Santa Ines“ 1973 noch einen marginalen Standort-Vorteil hatte. 

Kleines Paradox in dieser spielfreudigen „Bunbury“-Show. Obwohl alle Geschlechter über Galakleidung, Uniformen und Livrees knallbunte Korsagen tragen, nivellierte diese Aufführung den queeren Schneid, der dem Originaltextbuch als DDR-legitime Dekadenz-Kritik eine pikante und damals durchaus doppelzüngige Note gibt. Im berüchtigten Song „Ein bisschen Horror und ein bisschen Sex“ macht sich in Radebeul-Weintraube so etwas wie beliebige Normalität breit, wenn es der smart-eleganten Lady Bracknell von Antje Kahn nur noch um die „Konjunktur“ und damit die „banale Tour“ geht. In großen Plastikboxen türmt sich Wäsche für den nächsten Kleidungs- und Szenenwechsel. Das Besäufnis bei der Heilsarmee mit einer fast damenhaften Miss Prism (Iris Stefanie Maier) ist eher eine Verköstigung aus Fingerhüten – dabei wird in DDR-Musicals meistens noch mehr geschluckspechtet als in der „Fledermaus“. Die nach „entzückenden Skandalen“ lechzenden Upper Ten waren schon mal delikater und distinguierter. Generell ist der Ausstattungslack eher grell als verführerisch. 

Was man vom Klang nicht sagen kann: Die Elbland Philharmonie Sachsen zelebriert einen sinfonisch dichten Sound. Hans-Peter Preu genießt offenkundig, dass Musical in der DDR nur selten eine Gattung für Band oder Combo, dafür meistens für sattes Orchester war. Dieses raumgreifende Schwelgen tut Natschinskis Hits und Evergreens gut, die durch den üppigen Touch hier und die smarten Arrangements der Komischen Oper Berlin erfreuliche akustische Vielgestaltigkeit zeigen. Gero Wendorff kommt als souveräner Gast für die Partie des Schließlich-doch-High-Society-Sprösslings Jack Worthing von der sich um einen größeren Produktionsbeitrag zum Heiteren DDR-Musiktheater kräftig drückenden Staatsoperette Dresden. Sonst werden er und sein Freund Algernon Moncrieff gern als Luxuskumpanen-Duo dargestellt. Hier nicht: Johannes Wollrab hat eine weiße Frisur wie der zum Katholizismus konvertierte Franz Liszt und ist – warum nur ... - das schwarze Loch im sonst so farbenfrohen Spielbetrieb. Marie-Audrey Schatz als Gwendolen und Franziska Abram als Cecily verstehen, dass sanfte Frivolität und fraulicher Optimismus unter den dargestellten Umständen nicht schaden. Als Butler Jeremias mit Zwillingsbruder John zeigt Andreas Petzoldt, wie aus Haltung, Trockenheit und pfeilscharf gesetzten Pointen prachtvolle Akzente werden. 

Mit dieser Besetzung kann die Vorstellungsserie über die Landesbühnen-Abstecherorte von Bad Elster bis Meißen eine Promotion-Tour für den längst als nachhaltige DDR-Musical-Ikone etablierten Gerd Natschinski werden, vielleicht sogar für einige sträflich vernachlässigte Werke von Conny Odd oder Herbert Kawan. Wer weiß …

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