Musiktheater darf und muss aktuelle Themen ansprechen und zum Diskurs anregen! Auch wenn die allermeisten Zuschauer der grandiosen Premiere von Benjamin Brittens „Peter Grimes“ wohl keine Fischer gewesen sind, so durften sie gut unterhalten und dennoch nachdenklich nach Hause gehen. Ist Peter Grimes ein Täter oder ein Opfer? Sind gar wir selbst – Du und ich – die Bewohner seines Fischerdorfes? Können wir gegen die „schlechten“ Gefühle in unserem Körper angehen und sie zum Guten wenden? Wen opfern wir?
Die Lehrerin hat ein besonderes Auge auf Peter Grimes zweiten Lehrjungen. Die Mitbürger sehen das sehr skeptisch. © Thomas M. Jauk
Komplex wie ein Telefonbuch – Benjamin Brittens „Peter Grimes“ am Staatstheater Braunschweig
„‚Peter Grimes‘ ist eine Zumutung. Und zwar eine ganz bewusste. Brittens Oper mutet dem Publikum eine zentrale Leerstelle zu: Ihm wird niemals explizit gesagt, worum es geht, und doch ist es deutlich aufgefordert, emotional Stellung zu beziehen. Wie eine Naturgewalt bricht die Geschichte über den Außenseiter und das Kollektiv in die Komfortzone des Publikums ein“, schreibt die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr in der ersten ihrer neun Thesen anlässlich ihrer Braunschweiger Neuinszenierung von Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“.
Tatsächlich weiß man über den Hergang der Geschichte nicht nur anfangs wenig, auch in der Folge ist die Handlung ähnlich komplex wie die eines Telefonbuches. Andererseits ist die Besetzung der großangelegten Choroper „Peter Grimes“ mengenmäßig und in der personell aufgefächerten Besetzung dem Inhalt des Telefonbuches sehr ähnlich. Im Zentrum der etwa dreistündigen Oper stehen teils heftige Emotionen und Naturgewalten, psychische menschliche Niederungen und das Meer.
Und doch gibt es einen thematischen Kern: Die Geschichte spielt um 1830 in einem Fischerdorf an der Ostküste Englands. Der Lehrjunge des Fischer Peter Grimes (Marius Pallesen) ist während eines Fischzuges zu Tode gekommen. Grimes wird keine Schuld nachgewiesen, er wird freigesprochen. Allerdings wird ihm – letztlich völlig grundlos – nahegelegt, in der Zukunft keinen weiteren Lehrjungen zu beschäftigen. Er solle lieber heiraten oder einen erwachsenen Fischer beschäftigen.
Die Geschichte wiederholt sich. Die Lehrerin Ellen Oxford (Ekaterina Kudryavtseva), die Grimes gern ehelichen und mir eine neue Zukunft aufbauen möchte, erkennt die Verletzungen am neuen Lehrjungen. Es wird nicht klar, ob diese zufällig entstanden sind, typische Verletzungen bei einem Fischer, oder durch Misshandlungen von Grimes. Grimes flüchtet mit dem Jungen – dabei stürzt dieser von einem Felsen und stirbt. Grimes weiß, dass man ihm seine Unschuld nicht glauben wird.
Auf der anderen Seite stehen die Bewohner des Dorfes, die schon beim ersten Freispruch nicht an die Unschuld von Grimes glauben wollten. Die Bewohner des Dorfes sind alle keine bemerkenswert moralischen Menschen, jeder hat seine kleine oder größere Leiche im Keller. Immer wieder wird Grimes beschuldigt und diffamiert. Im I. Akt hört man die Drohung, dass man Kinder mit der Drohung, sie würden sonst an Peter Grimes verkauft, zum Gehorsam zwingt. Peter Grimes wird zunehmend zu einer Bezeichnung für namenlosen und unerklärlichen Schrecken.
Standards
Das Dorf und seine Bewohner selbst scheinen auf den ersten Blick idyllisch: Man geht seiner Arbeit nach, trifft sich abends im Pub und geht sonntags zur Kirche. Das Programmheft nennt es: „Der Ort erhält seine Standards aufrecht!“ Unter der Oberfläche aber erinnern die Bewohner des Dorfes an eine Mischung aus Udo Jürgens „Ein ehrenwertes Haus“ und Morton Rhues Buch „Die Welle“. Da gibt es Gestalten wie Bob Bole (Matthew Peña), der Wasser predigt und Wein säuft, Mrs. Sedley (Isabel Stüber Malagamba), die opiumsüchtige Hobbydetektivin und den angesehenen Bürgermeister Swallow (Rainer Mesecke), der außer Dienst Prostituierte besucht.
Am Ende der Oper wird Peter Grimes aufgefordert, mit seinem Boot weit hinauszufahren, so weit dass man ihn nicht mehr retten kann, und dort sein Boot selbst zu versenken. Ob man hier – wie im Programmheft geschehen – gleich den Begriff „Sündenbock“, die hebräische Thora und den jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur bemühen muss, ist fraglich und sehr akademisch, wenn auch sicher eine Erklärungsvariante der Vorgänge: Einmal im Jahr wird symbolisch ein Ziegenbock, der mit den Sünden des Volkes beladen ist, geopfert.
Für Britten selbst war es von zentraler Bedeutung, die sozialen Aspekte des Stoffes zu beleuchten: der Kampf des Individuums gegen die Masse, der vermeintlich schuldbeladene Einzelgänger gegen eine selbstgerechte Clique – quasi „ein ehrenwertes Dorf“. Aber eben auch die gegenseitige Aufstachelung der Bürger, die Uneinsichtigkeit – all das beruht sicher auch auf der Angst vor etwas Fremden. Wenn, wie es ein Sprichwort sagt, „Fremde Freunde sind, die man noch nicht kennt“, so ist der Hass der Bürger in dieser Oper vielleicht auch nur „Angst, die man noch nicht angenommen hat“.
Naturgewalten
In ihrer zweiten These schreibt Höckmayr: „‚Peter Grimes‘ spielt am Meer […], wo Britten selbst zu Hause war. ‚Peter Grimes‘ entstand an einem Schreibtisch, mit Blick auf ein konkretes Meer, das Britten […] vermutlich besser kannte als sich selbst. Doch zugleich ist dieses konkrete Meer, dieser konkrete Küstenort mit seiner differenziert gezeichneten, vom Meer geprägten Bevölkerung eine universelle Metapher für die Machtlosigkeit des Menschen gegenüber den Naturgewalten in und um ihn.“
Hass, das könnte man nach der Aufführung mit nach Hause nehmen, ist eine dem Menschen innewohnende Naturgewalt, die aber oft von außen angestachelt wird. Auch wenn auch die Menschen in dem moralisch verrotteten kleinen Fischerort weiterleben wie zuvor, vielleicht schon den nächsten Sündenbock suchen, so können wir – ganz konkret: Du und ich – aus dieser Spirale aussteigen, nicht zuletzt, weil wir jetzt wissen, wie sie funktioniert.
Die Inszenierung setzt auf ganz einfache Bühnenelemente. Damit ist das Publikum von den vielen kleinen und feinsten Nuancen in den Stimmungen und Emotionen, die Britten in seine Musik einarbeitet, nicht abgelenkt. Das ist gut, entlastet ein wenig die Sinne, denn die musikalische Atmosphäre ist dicht, emotional, gelegentlich eruptiv. Die symphonischen Zwischenspiele und die Chöre sind von hoher Emotionalität und vermögen das Publikum in Bann zu ziehen und zu halten. Das Staatsorchester Braunschweig unter der Leitung von Alexander Sinan Binder vermag diese Farbigkeit in der Musik absolut kongenial darzustellen. Eine Oper, die man sich auf jeden Fall ansehen sollte, eine Oper, eine Inszenierung, die von und über uns spricht!
Weitere Informationen:
- Homepage des Staatstheaters Braunschweig mit den weiteren Terminen von Peter Grimes: https://staatstheater-braunschweig.de/produktion/peter-grimes-8374
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