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„Il Barbiere di Siviglia“ am Oldenburgischen Staatstheater. Foto: Stephan Walzl.

„Il Barbiere di Siviglia“ am Oldenburgischen Staatstheater. Foto: Stephan Walzl.

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Kopf in der Schmiede – Krasser Spaß mit Gioachino Rossini „Il Barbiere di Siviglia“ in Oldenburg

Vorspann / Teaser

Der Mensch an sich ist komisch, in welcher Gesellschaftsform auch immer. Kein Opernkomponist konnte das witziger und punktgenauer ausdrücken als Gioachino Rossini, der 1822 für vier Monate nach Wien kam und dort das Musikleben jahrelang derart aufmischte, dass es in einen so genannten „Rossini-Taumel“ verfiel.

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Und 1819, zum Zeitpunkt der Wiener Aufführung seines berühmtesten Werkes „Il Barbiere di Siviglia“, war Wien mit der Metternichschen Diktatur ein Zentrum des Spitzelwesens. Das macht was mit den Menschen und die Komik resultiert aus deren Arrangements mit dem unvermeidbaren Leben. Ist die Geschichte doch vollkommen historisch veraltet – Adel, eingesperrte Mündel u.a. gibt es nicht mehr –, so ist doch der Umgang damit immer auch aktuell: Hier versucht jeder, sich durch Verstecken und Lügen seinen Vorteil zu verschaffen – also doch eine Gesellschaftskritik? Heinrich Heine sprach von „staatsgefährlichen Trillern und revolutionsnärrischen Koloraturen“. Hatte Mozart 1786 nach der gleichen Textvorlage von Beaumarchais 1775 noch den Aufstand gegen die Feudalherrschaft auf die Bühne bringen können, so ist das 1816 (Uraufführung in Rom) für Rossini keine Option mehr. Er zeigt uns den nackten Egoismus der Personen pur, die sich eingerichtet haben. 

Da setzt auch die Inszenierung des jungen Lars Marcel Braun an, der damit seine erste Regiearbeit in Oldenburg vorlegt. Ist die Regiegeschichte dieser Oper voll von auch politischen „Interpretationen“ jeglicher Art, so vermeidet Braun genau das. Jede/r der ProtagonistInnen ist unglaublich komisch auf dem Weg zu eigenem Vorteil: Gut, dass Braun mit dieser These nicht schon die Ouvertüre bebildert. Die nämlich erzählt uns das mit ihren sogwirkenden Crescendi und verzaubernden Melodieteilchen. An dieser Stelle ist auch schon die Leistung des Orchesters unter der Leitung von Eric Staiger zu loben: Die Musik blitzte und lachte, donnerte und karikierte, liebte und hasste. Dann Leilei Xie als Almaviva/Lindoro: mit weißen Locken und weißem Barockanzug von geradezu unverschämter Selbstsicherheit. Seungweon Lee als Basilio mit seiner unsterblichen Verleumdungsarie, die er aus einem kleinen Fläschchen Medizin entwickelt. Chanhee Cho als ziemlich beweglicher, tanzender Bartolo, auch eitel bis zum Gehtnichtmehr, am Ende dreht sich zu Hause ausweglos, in den Wahnsinn getrieben. Und dann Aksel Daveyan als Figaro: Er führt und dominiert alles in seinem grau-schwarz gestreiften Anzug, seinem mediterran ölig gelockten schwarzen Haar und einer großen, geradezu wilden Stimme, die es allerdings in keiner Weise an Präzision fehlen ließ: Das Publikum war begeistert. Nicht zu vergessen: Penelope Kendros als kämpferisch clevere, rothaarige Rosina und Marija Jokovic als über die Liebe philosophierende Berta. 

Braun verschafft jeder Arie –-und gesungen wird makellos und schön –, ohne je ins Rampentheater zu verfallen, ihre charakterisierende Position. Positionen, die im ersten Finale in einem verzweifelten Zustand landen, dass niemand mehr durchblickt. Jeder muss für sich sagen: Jetzt werde ich verrückt, ich kapiere nichts mehr. Figaro findet sich „am Rande des Deliriums“ und die anderen fühlen den „Kopf in der Schmiede“. Eine dreistündige, ungemein kurzweilige Aufführung, viel Beifall. Hcsimok tsi hcis na hscnem red. Egal, wie man’s dreht, es stimmt immer. In diesem Sinne in jeder Hinsicht bestens zu erleben am Staatstheater Oldenburg. 

  • Die nächsten Aufführungen: Do 23. und 29.4.,16., 16., 22. und .25.5., 16.6., 1. und 3. 7. 2026

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