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Alternativ-Foto. © Hufner

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Kreative Exzellenz … – Aviel Cahn stellt seine erste Spielzeit an der Deutschen Oper Berlin vor

Vorspann / Teaser

Vielleicht ist es sehr schwer, als neuer Intendant eines von gleich drei Opernhäusern der Stadt das eigene neu profilieren zu müssen, das bestehende Kräftedreieck auf sich auszurichten, andere Akzente zu setzen, Schwerpunkte zu verschieben und dergleichen mehr. Vielleicht ist es aber auch nicht sehr schwer, wenn die beiden anderen, die Komische Oper und die Staatsoper Unter den Linden, in der Regel auf jeweils ihrem hohen Niveau und zuweilen überraschend, letztlich aber eben doch die Komische Oper und die Staatsoper bleiben. Das ist gut so und da ist Platz genug, nicht zuletzt 500 Jahre Musiktheatergeschichte, die größte Bühne der Stadt sowie das „Alleinstellungsmerkmal“ der Deutschen Oper: „ihre architektonische Offenheit und Modernität“, so Aviel Cahn, der Nachfolger des dezent beharrlichen Dietmar Schwarz.

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Den in den kommenden Jahren zu bespielenden Raum beschrieben jener nun und seine Chefdramaturgin Beate Breidenbach – Elisa Erkelenz, die Leiterin der neuen Querschittssparte „Unlimited“ war krankheitshalber abwesend – bei der Vorstellung der Saison 2026/27 als „neu“, „spannend“, „inspirierend“, „Grenzen sprengend“, sprachen von „Herausforderungen“, „Erkundungen“ und „Assoziationsräumen“. Und von der neuen Sparte heißt es: „Wir feiern das Musiktheater als Raum für transformative, experimentelle Kunst. Für Geschichten, die warm sind und trotzdem Grenzen verschieben.“

Eher kalt dagegen waren die Rückfragen der hauptstädtischen Musikkritik, was einerseits der wenig überraschenden Abkehr vom gewohnten geschuldet war: Was mit Publikumsliebling Jonathan Tetelman sei – kommt irgendwann mal wieder; was mit der Ring-Tetralogie von Stefan Herheim – macht erstmal Pause; was mit der Strauss-Trilogie von Tobias Kratzer – „Arabella“ eher nicht, „Intermezzo“ und „Frau ohne Schatten“ vielleicht; was mit Glanerts Kinderchoroper „Drei Rätsel“ – mal sehen. Dass es statt eines musikalischen Chefs nun drei ambulant residierende Dirigenten geben wird, daran hatte man sich bereits gewöhnen müssen.

Unlimited Exzellenz

Andererseits fühlte man sich womöglich zu arg zugetextet von dem zeitgeistigen Jargon kreativer Exzellenz, zumal wenn, darüber hinaus, Marker hochgehandelter Kulturbetriebsamkeit üppig gesetzt wurden: Biennale (Venedig) und Triennale (Ruhr), Berlinale, BE, HdW, Berghain und Hamburger Bahnhof (Berlin), Wolfgang Tillmans, Diehl-Hoss-Ofczarek … und Christian Boros, der die zweifellos hochpreisige neue CI der Deutschen Oper beisteuerte, das Schriftlogo, die Website, die Gestaltung des 200-seitigen Programmbuchs mit Zeichnungen und animierten Gimmicks der Illustratorin Olga Prader (u.a. Hermès). Alles unter dem saisonübergreifenden Motto „Make Love …“, bei welchem die drei Punkte premierenweise ausgefüllt werden.

Das alles ist viel, mutet nach viel Druck an, sich rechtfertigen und beweisen zu müssen, mit schier grenzenlosem kuratorischen Druck in der Reihe „Unlimited“ mit ihrer schwer übersehbaren Menge von An-, Bei-, Über-, Film- und so weiter -Veranstaltungsreihen: Cantadores, Residenzen, Nachtmusiken, Salons, Late Nights, Glam Nights … Natürlich muss das Genre aus sich heraus, aber man wird mit der Zeit gespannt zusehen, wie das neue Team der Gefahr begegnet, die Sache, um die es geht, mithin Oper und Musiktheater, nicht zum bloßen Anhängsel dessen geraten zu lassen, was alles mit ihr so angestellt werden kann. Politisch, siehe Hamburg, zurzeit gern gesehen. Denn damit springt man nicht nur über jedes Stöckchen, das einem cultural studies hinhalten. Man apportiert auch brav jene Knüppel, die einem die Kulturpolitik so hinwirft im Hinblick auf Relevanz, Vermittlung und Zugangsgerechtigkeit. Mithin selber Politikversagen epochaler Ausmaße, für welche immer mehr andere Gesellschaftsbereiche in Haftung genommen werden.

Mehr Licht

Als Sache selbst gibt’s dann 2026/27, nach einem markanten 30-stündigen Auftakt im und ums Haus herum mit allen und jeden (29.+30.08., kuratiert von Rirkrit Tiravanija), spektakulär Stockhausens MITTWOCH aus LICHT (19.09.), wozu Regisseurin Susanne Kennedy eine „kosmische Messe“ vorschwebt, mit, natürlich, dem Luzikamel, Trombonut und nur voraufgenommenem Helikopter-Streichquartett. Sind für dieses lediglich vier Musiker aus dem Orchester der Deutschen Oper vorgesehen – andere Szenen wie „Orchester-Finalisten“ spielt das Ensemble Le Balcon –, bekommt zumindest der Chor der Deutschen Oper seinen großen Stockhausen-Moment und bestreitet allein die Eröffnungsszene „Welt-Parlament“. Tiefer in die Kollektive dringt auch die übrige Stockhausen-Cage-Programmatik der Saison nicht. Stimmen indes die Bedingungen, so kann das Orchester der Deutschen Oper alles, und also in den kommenden Saisons sicher auch Großformatigeres von Stockhausen. Warum eigentlich nicht? Es sei denn, dass Stockhausen auch bloß als Exzellenz-Marker dient. Immerhin bekommt das Orchester endlich eine ernstzunehmende Konzertreihe, um sich auch außerhalb des Grabens zu präsentieren: mit den drei Hausdirigenten und einmal mit Jonathan Nott.

Weiterhin moderne Akzente setzen Jonathan Doves Familienoper „In 80 Tagen um die Welt“ (15.11.), „Good Vibes Only“ der isländischen Composer in Residence Bára Gíslladóttir (22.01.) sowie szenische Realisierung von Brittens „War Requiem“ (18.06.) im Bühnenbild von Wolfgang Tillmans, zu der Donald Runnicles an sein ehemaliges Haus zurückkehren wird. Bei dem vielen mottomäßigen Liebemachen indes fällt die Beliebigkeit à la Allerweltsstadttheater bei der Auswahl der übrigen Premieren dann doch sehr auf. „Fliegender Holländer“ (24.10), „Così fan tutte“ (28.02.) und Verdis „Otello“ (16.04.), allesamt mit regieführenden Protagonisten aus Aviel Cahns Zeiten in Flandern und Genf: als da wären Milo Rau für Wagner, das belgische Kollektiv FC Bergman für Mozart sowie Kornél Mundruczó. Was auf dem Papier zumindest sich wieder „spannend“ ausnimmt.

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