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Titelbild: Wohin geht die Reise für das Ensemble Aventure? Über das Abschiedskonzert für Wolfgang Rüdiger und die Zukunft des von ihm mitgegründeten Ensembles erfahren Sie mehr auf Seite 6. Foto: Elza Loginova

Titelbild: Wohin geht die Reise für das Ensemble Aventure? Über das Abschiedskonzert für Wolfgang Rüdiger und die Zukunft des von ihm mitgegründeten Ensembles erfahren Sie mehr auf Seite 6. Foto: Elza Loginova

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Kulturelle Offenheit, internationale Ausrichtung

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Abschiedskonzert des Ensemble Aventure für Wolfgang Rüdiger in Freiburg
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Gerade hat er noch Gäste persönlich begrüßt und sich um zusätzliche Stühle gekümmert in der übervollen Freiburger Elisabeth-Schneider-Stiftung – dann sitzt Wolfgang Rüdiger bei seinem „Adieu“ genannten Abschiedskonzert genau in der Mitte des von ihm gegründeten Ensemble Aventure, um Samir Odeh-Tamimis „Ostrakon“ (2023) am Fagott mitzugestalten. Das Werk des palästinensisch-israelischen Komponisten lässt den Ausführenden viel Freiheit. Wolfgang Rüdiger dirigiert fast unmerklich mit dem Kopf, spielt schön-scheppernde Multiphonics und hält durch Zirkularatmung einzelne Töne eine halbe Ewigkeit. Er spielt, so wie er spricht – deutlich artikuliert, theatralisch, mit wachen, funkelnden Augen und beseeltem, oft begeistertem Ausdruck. Dem emeritierten Professor für Musik, Musikpädagogik und Instrumentaldidaktik geht es nicht um l’art pour l‘art, sondern immer ums große Ganze – um Teilhabe, Demokratie und Offenheit für das Fremde.

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Vor vierzig Jahren hat Wolfgang Rüdiger (Jahrgang 1957) gemeinsam mit dem Oboisten Christian Hommel und dem Kontrabassisten Johannes Nied das Ensemble Aventure gegründet. Kennengelernt hatten sich die Musiker an der Freiburger Musikhochschule. Sie wirkten dort regelmäßig bei Konzerten der Horizonte-Reihe am von Klaus Huber geleiteten Institut für Neue Musik mit.

„Wir fanden als junge Wilde die damalige Arbeitsweise und Programmatik nicht so spannend und wollten etwas Eigenes machen. Wir haben versucht, stimmige Konzeptionen zu erfinden, in denen wir Werke der klassischen Moderne von Arnold Schönberg und Edgard Varèse mit ganz neuen Stücken zusammenbrachten. Oder auch den Blick gerichtet auf Musik aus anderen Kulturen – um sie mit europäischen Kompositionen zu verbinden, was diese wiederum ganz anders beleuchtete“, sagt Rüdiger. Das Ensemble Aventure machte im Laufe seines vierzigjährigen Bestehens seinem Namen alle Ehre. Jedes Konzert ist ein kleines oder größeres Abenteuer für die Ausführenden und das Publikum. Da können auch mal Schüsse fallen wie in Alan Hilarios’ „Ang Pagdadalamhati“ – oder man wird selbst aktiver Teil der Aufführung bei einer kollektiven Improvisationsübung. Die offene Ensemblestruktur sorgte dafür, dass die Mitglieder ihre Erfahrungen auf anderen Gebieten in die Ensemblearbeit einbrachten und wieder nach außen trugen. Außerdem ermöglichte sie Unabhängigkeit in der Programmgestaltung. Früh setzte man sich ein für im Nationalsozialismus verfemte Komponisten wie Gideon Klein, Hans Krása, Pavel Haas und Erwin Schulhoff. Im breit gefächerten Repertoire bildete sich ein Südamerika-Schwerpunkt mit Namen wie Graciela Paraskevaídis, Coriún Aharonián und Mariano Etkin – mit Leben gefüllt durch zahlreiche Konzertreisen nach Argentinien, Uruguay, Brasilien und Mexiko sowie 35 Auftragskompositionen von diesem Kontinent. Von Beginn an stand auch Vermittlungsarbeit im Zentrum des künstlerischen Interesses. Dass beim Abschiedskonzert auch einige obdachlose Jugendliche der Freiburger Straßenschule dabei sind, die Rüdiger für ein Musikprojekt begeistern konnte, freut den Musiker besonders.

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Eindrücke vom Abschiedskonzert am 5. März 2026: das Ensemble Aventure mit Wolfgang Rüdiger. Foto: Phoebe Bognár

Eindrücke vom Abschiedskonzert am 5. März 2026: das Ensemble Aventure mit Wolfgang Rüdiger. Foto: Phoebe Bognár

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Die künstlerische Leitung des Ensemble Aventure hat er bereits vor drei Jahren an Nicholas Reed (Schlagzeug), Andrea Nagy (Klarinette), Katharina Schmauder (Viola) und Akiko Okabe (Klavier) übertragen. Nach Tobias Schick übernahm Beltrán González als Dramaturg und Manager die Arbeit, die Wolfgang Rüdiger jahrzehntelang ehrenamtlich bewerkstelligte – eine erhöhte Förderung durch die Stadt Freiburg macht dies möglich.

Die für das Ensemble wesentliche kulturelle Offenheit und internationale Ausrichtung lässt sich beim Abschiedskonzert erleben. Das Konzertprogramm umfasst Klänge aus Argentinien, Japan und dem Iran. „Octandre“ von Edgard Varèse, das das Ensemble Aventure 1986 in seinem allerersten Konzert im historischen Kaufhaus spielte, wurde 1923 in den USA komponiert. Hierfür kommt Gründungsmitglied Johannes Nied am Kontrabass dazu. Von Nostalgie aber keine Spur – „Octandre“ bleibt in der gut ausbalancierten Interpretation frisch und lebendig. Wolfgang Rüdiger schaut auch beim Abschied nach vorne. Und freut sich darüber, dass er auch in Zukunft beim Ensemble Aventure „noch ein bisschen mitmachen darf.“ Auch mit Soloprogrammen bleibt Wolfgang Rüdiger weiterhin aktiv. Und warum ist Neue Musik notwendig? „Weil sie Ausdruck unserer Welt ist und zugleich über das Bestehende hinausweist, eine Schönheit und Utopie eigener Art. Und weil sie jeder Mensch in sich trägt. Indem er ihr lauscht, weckt er sein Hören, Fühlen, Denken, verändert sich mit ihr und entdeckt sich neu. Und: Weil sie das Leben bewusst macht und erhellt.“

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