Für das Theater in Magdeburg ist der Domplatz der Stadt genauso eine sichere Nebenspielstätte wie es die Domstufen für die Oper in Erfurt sind. Eine OpenAir-Bühne vor Traumkulisse für die große sommerliche Show. Und für die Auslastungsbilanz eine sichere Bank. Zumindest, wenn das Wetter mitspielt. In Erfurt ist diese Spielstätte immer mal auch mit Opernehrgeiz programmiert, in Magdeburg fürs Musical reserviert. Seit 2008 hat man sich bei diesem Domplatz-OpenAir natürlich schon durch die populärsten Exemplare des Genres gearbeitet. „Cabaret“, „Jesus Christ Superstar“ und „Evita“, „Le Misérables“, die „Rock Horror Show“ und „Hair“, – auch einige nicht ganz so bekannte Vertreter des Genres gab es hier schon.
Nicky Wuchinger und Sabrina Weckerlin. Foto: © Andreas Lander
Magdeburgs Sommermusical „Oklahoma“ auf dem DomplatzOpenAir
Aktuell ist es „Oklahoma“. Das Broadway-Erfolgsduo aus dem Komponisten Richard Rodgers (1902–1979) und dem Texter Oscar Hammerstein II (1895–1960) ist ein kongeniales Gespann, das so etwas wie eine goldene Ära des Genres von Mitte der 40er bis Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts begründete und nach ihrem Oklahoma-Erfolg ab 1943 mit Nachschub versorgte.
Mit ihrem Ausflug in den sprichwörtlichen Wilden Westen der USA, in den Norden von Texas, nach Oklahoma, landeten sie mitten im Gründungsmythos der Vereinigten Staaten. Von heute aus betrachtet und nach der Premiere in Magdeburg wundert man sich überhaupt nicht, dass es bis nach Dodge City, jener durch den TV-Serie-Dauerbrenner „Rauchende Colts“ berühmten Stadt im Nachbarstaat Kansas, nicht allzu weit ist.
Bei Erik Petersen (Regie), Dirk Hofacker (Bühne) und Lukas Pirmin Wassmann (Kostüme) besteht das Bühnen-Arrangement aus zweistöckigen Wildwest-Holzhäusern aus dem Bilderbuch der Klischees (an denen ja meistens auch ein Fünkchen Wahrheit dran ist). Hübsch auftrittskompatibel für die Farmer (links) und die Cowboys (rechts). Allesamt geschniegelt und frisiert wie fürs Werbefoto.
Einen Gaul markieren zwei Statisten, für eine Kutsche tun’s auch Strohballen. Dazwischen gibt’s hinter den Schienen (soweit ist man schon) eine große Video-Leinwand für wogendes Korn, grandiose Sonnenuntergänge und klaren Sternenhimmel. Manchmal auch für die Magdeburger Philharmonie und ihren Dirigenten PaweÅ‚ PopÅ‚awski. In dieser Kulisse würden sich (zumindest ältere Zuschauer) nicht wundern, wenn jener Marshal Matt Dillon oder sein Gehilfe Festus um die Ecke kämen, und die imponierend lebensklug zupackende Kerstin Ibald nicht als Tante Eller, sondern als Miss Kitty ordnend auf den Plan treten würde. Aber Oklahoma ist nicht Kansas und zur Zeit der Handlung noch nicht mal Mitglied der Vereinigten Staaten. Die auf dem Boden projizierten, und am Ende wieder aus der US-Flagge purzelnden Sterne deuten darauf hin.
Als „Oklahoma“ herauskam, war die Art und Weise, wie Handlung und Musik miteinander verbunden waren, neu. Wobei man sich schon fragt, ob die historische Bedeutung fürs Genre ausreicht, um sich für dieses Stück als sommerliches OpenAir zu entscheiden. Zumal auch wirklich einprägsame Hits spärlich gesät sind. Vor allem der Plot reißt nicht wirklich vom Hocker.
Dass der smarte Cowboy Curly und die sich schnippisch abweisend gebende Laurey das Liebespaar sind, das sich am Ende kriegen wird, ist nicht nur Tante Eller von Anfang an klar. In Magdeburg schon deshalb, weil Sabrina Weckerlin und Nicky Wuchinger mit überzeugender vokaler Professionalität das Ensemble anführen und bei ihren Auftritten keinen Zweifel daran lassen, wer hier das erste Paar auf der Spielfläche ist.
Für die Nebenhandlung steigen Kara Kemeny als flotte Ado, Jan Ungar als nicht aufs Heiraten erpichter Händler Ali Hakim und Andrew Chadwick als nicht allzu heller Cowboy Will mit Spieleifer in den Ring.
Aber mit einem Happyend fürs Liebespaar ist es nicht so einfach, weil auch der angestellte Landarbeiter in Laurey verliebt ist, und die hat ihm leichtsinnigerweise versprochen, mit ihm zur großen Picknickkorbversteigerung zu fahren. Da es bei diesem gesellschaftlichen Großereignis in der kulturellen und geselligen Wüste nicht um die Körbe, sondern um die Frauen geht, die ihn gepackt haben, ist auch die Katastrophe vorprogrammiert. Bei der Versteigerung von Laurys Korb (bei der es in Wahrheit um sie selbst geht) setzen der auf den ersten Blick als Loser zu erkennende Jud und Curly ihr gesamtes, hart erarbeitetes Erspartes ein. Curly verkauft am Ende sogar noch Sattel, Pferd und Revolver (steht also in Cowboylogik nackt da). Nur so kann er Jud überbieten. Alexander Auler darf seinem immer wie ein geprügelter Hund schlurfenden Knecht wenigstens da mal den Rücken gerade machen. Doch der von der Angebeteten Verschmähte und bei der Auktion Unterlegene macht, was der Wildwest-Amerikaner so macht, und greift zum Messer.
Bereits vor der Pause brennt bei den singenden Cowboys albtraummäßig die Hütte. Beim großen (endlich auch mal mit einer mitreißenden Ensemblenummer aufwarteten) Fest scheint die Sache endlich geklärt, aber die Hochzeit von Laurey und Curley endet blutig. Erst geht Jud auf Curly los. Beim Kampf der beiden wird Jud tödlich verletzt und alle stehen plötzlich vor der Frage, was zu tun ist. Sie machen, was dem aktuellen Präsidenten gefallen dürfte. Einer wird als Richter bestimmt und der spricht Curley frei.
Wenn bei diesem „Nicht- bzw. Nur-halb-Happyend“ jenseits jeder Rechtsstaatlichkeit die Sterne aus der Flagge des Staates purzeln, dem das künftige Oklahoma beitreten will, dann ist es nach der vollen Dosis von Klischee-Folklore (ohne das Problem der Ureinwohner und eines „Washington ist weit“-Trotzes) zu spät, um dieses Bild für einen Anflug von Infragestellung zu halten. Eigentlich fehlte hier nur noch ein Käfig, um sich dem aktuellen Washington nahe zu fühlen. Näher jedenfalls, als sich ein Zuschauer hierzulande zumuten lassen sollte. Von diesem Musical ist das wahrscheinlich zu viel verlangt.
Das Publikum war dennoch zufrieden. Die Musik folgte ihrem Drive, die Darsteller mit Musicalroutine ins Kernland eines amerikanischen Selbstbildes, dem man ja nicht unbedingt rückhaltlos folgen muss (oder sollte), um sich an singenden Cowboys und Farmersfrauen zu erfreuen.
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