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Marilyn Monroe (Veronika Schäfer) mit der Pillendose, die das Beruhigungsmittel enthält, das ihr unwiderrufliches Ende herbeiführen soll.  © Thomas M. Jauk/Stage Picture

Marilyn Monroe (Veronika Schäfer) mit der Pillendose, die das Beruhigungsmittel enthält, das ihr unwiderrufliches Ende herbeiführen soll.  © Thomas M. Jauk/Stage Picture

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„Marilyn Forever“ von Gavin Bryars am Staatstheater Braunschweig im zu engen goldenen Käfig

Vorspann / Teaser

Gleichberechtigung unter den Geschlechtern ist ein Traum, der wohl noch lange brauchen wird, bis er Wirklichkeit werden wird. Die kürzlich verstorbene Rita Süssmuth war zuversichtlich: „Die Frauen werden schon hinreichend lästig werden!“ – Es macht Sinn, genau hinzuschauen, wie Frauen in der Vergangenheit bis in die heutigen Tage von Männern behandelt worden sind und wie sie darauf reagiert haben. Marilyn Monroe, die Stilikone der 40er und 50er Jahre, ist ein gutes Beispiel, wie eine Frau hochgejubelt wurde und dabei innerlich tief abstürzte. In Braunschweig nimmt Gavin Bryars’ Kammeroper dieses Phänomen in den Blick.

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Äußere Schönheit und innere Verzweiflung und Zerrissenheit sind nicht etwa zwei Seiten einer Medaille. Kann man eine Medaille einfach umdrehen und die andere Seite betrachten, so handelt es sich hier um zwei Dinge, die in zwei Welten existieren, im Äußeren und im Inneren, im Sichtbaren und im Unsichtbaren. Hier darf man also eher an Bertold Brecht denken: „Denn die einen sind im Dunkeln. Und die anderen sind im Licht. Und man siehet die im Licht. Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Für die Umwelt sind diese unsichtbaren Dinge, Herausforderung oder Glück. Die einen wollen helfen, schauen, fragen nach und sind zur Stelle. Die anderen befinden sich in der glücklichen Lage, dass das, was man nicht sieht, auch nicht existiert, man davon nichts wissen kann und muss – und sie können einfach darüber hinwegsehen; nicht einmal diese Mühe müssten sie sich machen, denn um darüber hinwegzusehen, müsste es ja existent und sichtbar sein.

Die kleine Äußerlichkeit des Namens lässt sich schnell erklären. Denn mal ehrlich: Wer kennt schon Norma Jeane Mortensons? Vielleicht noch die Jäger aus der Quizshow „Gefragt – Gejagt“. Was man nicht kennt, darum muss man sich auch nicht bemühen, kümmern. In dem Moment aber, wo aus Norma Jeane Mortensons Marilyn Monroe wird, die gefeierte Ikone einer ganzen Generation, da wird es spannend. Da wird gejubelt, geschaut und gegafft, die ganz Frechen wollen wohl auch mal anfassen. Marilyn Monroe – das ist ein Künstlername, das ist eine Kunstfigur. Das ist nicht echt, das ist eine Fiktion – darum muss man sich auch nicht bemühen! Ein gefährlicher Teufelskreis!

„Ein Sexsymbol zu sein ist eine schwere Last, besonders wenn man müde, verletzt und verwirrt ist“, sieht Marilyn Monroe ihre eigene Rolle. Sie wirkt zufrieden, wenn sie sagt: „Eines der besten Dinge, die mir je passiert sind, ist, dass ich eine Frau bin.“ Oder: „Es macht mir nichts aus, in einer Männerwelt zu leben, solange ich darin eine Frau sein kann.“ Aber sie weiß auch von ihrer eigenen Spaltung und der ihrer Umwelt: „Hollywood ist ein Ort, an dem man die tausend Dollar für einen Kuss und fünfzig Cent für deine Seele zahlt.“

Eine Hommage an eine Stilikone

Gavin Bryars Chamber Opera, die am Wochenende in Braunschweig Premiere feierte, untersucht das innere Leben von Marilyn Monroe und ihre intellektuelle und emotionale Beziehung zu Tod und Liebe. Die Handlung der Kammeroper setzt in jener Nacht des 4. August 1962 an, in der Marilyn Monroe im Alter von nur 36 Jahren mit einer Überdosis an Beruhigungsmitteln ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hat.

Gemeinsam mit Marylin schauen wir zurück auf ihr Leben: auf die Waise Norma Jeane, junge Schauspielerin, die den (männlichen) Blicken ausgesetzt wird, ohne dabei als Darstellerin ernsthaft respektiert zu werden, und auf eine der meistfotografierten Frauen ihrer Zeit, die sich aber nie gesehen fühlte. 

Anlass der Inszenierung in Braunschweig scheint der 100. Geburtstag von Marilyn Monroe am 1. Juni zu sein. Gleichzeitig fand die Premiere, dieser hauptsächlich von Frauen verantworteten Inszenierung, am Vorabend des Weltfrauentages statt. Eingebunden ist die Premiere in ein kleines Extraprogramm vom 1. bis zum 21. März unter dem Titel „Feministischer Kampftag“ mit dem Schauspiel „Das kunstseidene Mädchen. 1931. 2026“, einem Liederabend „Mother’s Earth“, einem Antipatriarchalen Wunschkonzert und dem Schauspiel „Prima Facie“.

Frauen inszenieren eine Frau

„Unsere Inszenierung versteht sich als Versuch einer Verschiebung: weg von der Ikone, hin zu einer Frau, die vom Patriarchat nicht nur betrachtet, sondern hervorgebracht wurde – und deren Geschichte seit ihrem frühen Tod von anderen erzählt wird“, beschreibt die Regisseurin Marie Gedicke.

Die für Bühne und Kostüme zuständige Melanie Slabon beschreibt ihr Konzept so: „‚Marilyn Forever‘ versucht, uns einen Einblick in ihre private Persönlichkeit, ihre Träume, ihre Ängste und die Herausforderungen ihres Lebens zu verschaffen. Die ständige Unterdrückung in der patriarchalen Gesellschaft bei permanentem Fokus auf ihre Weiblichkeit und Sexualität setzte die junge Frau enorm unter Druck. Sexappeal und Eleganz gehörten unverzichtbar zu ihrer Garderobe, was ich im Kostümbild vermitteln möchte. Durch die Drehbühne werden ihr Leben im Mittelpunkt und die dadurch erzeugte ununterbrochene Aufmerksamkeit unterstrichen.

Wie eine Spielfigur in den Händen einflussreicher Männer steht Marilyn in ihrem goldenen Käfig. Die glattgekämmten Vorzeige-Männer in ihrem Leben entpuppen sich als übergriffig und missbrauchen ihre Macht, um die aufstrebende Schauspielerin kleinzuhalten. Wie fühlt sie sich dabei und was war der wahre Preis für ihren Ruhm?“

Wem gehört Marilyn?

In Marilyn Monroe kulminiert in gewisser Weise ein altes patriarchal geprägtes Rollenbild. Nach außen hin hat sie selbst dieses aber wohl nie wirklich lautstark infragegestellt. Ob es wirklich legitim ist, sie nun umgekehrt als Galionsfigur für eine feministische Kampagne zu „gebrauchen“ – das muss man zumindest als Frage aufwerfen dürfen. Wem „gehören“ die vielen (bedeutenden) Frauen wie Komponistinnen und Stilikonen der Geschichte? Dürfen nun und nur Frauen Frauen (selbstverständlich in bestem Sinn und ohne Hintergedanken) für ihre Zwecke „benutzen“? Das zumindest scheinen Praxisbeispiele nahezulegen.

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Marilyn Forever | ©Thomas M. Jauk/Stage Picture

Marilyn Forever | © Thomas M. Jauk/Stage Picture

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Wie auch immer: Das Leben und die Erfahrungen Marilyn Monroes – gerade auch vor dem Hintergrund ihres Suizids – zu beleuchten, macht Sinn, ist wichtig, ist eine gute Idee! Die Inszenierung in Braunschweig hat über weite Strecken etwas von räumlicher Enge – das mag an der kleinen Bühne im Kleinen Haus liegen, es mag auch von der Dramaturgin Sarah Grahnneis und der Regisseurin gewollt sein, um die Enge in Monroes Leben zu visualisieren. Das immerhin auch kleine Orchester ist auf der Bühne einfach zu viel! Die mit klarer aber weitausschwingender Gestik agierende Dirigentin Christine Strubel dominiert die Bühne an vielen Stellen. Die Beleuchtung, die diese Gestik auch noch in den Glasscheiben des zentralen „Käfigs“ sich spiegeln lässt, verstört intime Momente Marilyns im Käfig.

Wenig unterhaltsam

Gavin Bryars’ „Musik zu ‚Marilyn Forever‘ begleitet keine Geschichte oder Handlung, sondern erzählt Daseinszustände wie Herzflattern, Zweifel, untergründige Bedrohung, Flüchtigkeit oder Zerrissenheit. Sie verläuft oft unter der Schicht des Bewussten, im Bereich zwischen Leben und Tod. Mit dem ständig brechenden Puls entzieht sie sich einer stabilen Form“, beschreibt es die Dirigentin. Das mag der Grund dafür sein, dass man sich von der Musik streckenweise nicht ausreichend unterhalten und mitgenommen fühlt.

„Das Saxophon“, so Stubel, „ist die versöhnliche ‚Stimme aus dem Leben‘. Wenn es auftaucht, fällt die Anspannung ab. Im Jazztrio ist Marilyn unbeschwert und ‚zu Hause‘.“ – Durch die Clubszenen (mit Saxophon) wird die Kammeroper streckenweise erheblich gefälliger und mitreißender – das tut dem Zuhörer gut. Andererseits darf man von der Beschreibung eines letzten Tages auf Erden und einem bevorstehenden Suizid auch nicht zu viel Freude erwarten. „Marilyn Forever“ ist kein einfaches Stück, kein Stück für frenetischen Applaus (wenn man es denn verstanden hat), es ist ein nachdenkliches Erlebnis, das man in Gedanken mit nach Hause nimmt.

Die Entdeckung des Abends ist Veronika Schäfer, die Hauptdarstellerin. Ihre gesamte Darstellung in Gesang und vor allem Spiel und Mimik ist getragen von hoher Emotionalität und Verständnis der schwierigen und diametral verschiedenen Zustände von Marilyn Monroe. Selbst sagt Schäfer: „Diese anhaltende Verehrung [Anm.: vieler Menschen an Marilyn] macht die Annäherung an ihre Person ebenso faszinierend wie verantwortungsvoll. Für die Vorbereitung beschäftigte ich mich intensiv mit [….] ihren zwei Seiten: der des Stars im Rampenlicht und die der privaten, verletzlichen Frau.“ Mit dieser Vorbereitung ist Schäfer eine glaubhafte Darstellung einer durch und durch zerrissenen Persönlichkeit gelungen. Chapeau!

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