Die Musical-Uraufführung „Das Buschgespenst“ wurde an einer der spektakulären Naturbühnen Greifensteine zum umjubelten Erfolg. Karl May hatte 1884 bis 1886 in seinem Kolportageroman „Der verlorne Sohn oder Der Fürst des Elends“ und in dessen Fortsetzung „Die Sklaven der Arbeit“ nicht an schauerlichen Begebenheiten in seiner erzgebirgischen Heimat gespart. Ben Toth komponierte für die Greifenstein-Festspiele eine intelligente Musik. Birgit Simmler schärfte mit Gegenwartsbezug und das starke Ensemble des Erzgebirgischen Theaters setzte eine starke Leistung.
Das Buschgespenst-Ensemble. Foto: Photoron - Ronny Küttner
Maroder Bergstollen, boomende Weberei: „Das Buschgespenst“ nach Karl May als Musical im Erzgebirge
Zur Uraufführung auf der Naturbühne Greifensteine zerfloss der Applaus im riesigen Areal bei Ehrenfriedersdorf etwas, war allerdings groß und ausdauernd. Nach Anbruch der Nacht bleibt es auch auf der riesigen Bühne, deren Podium mit dem Aufbau eines einstöckigen Hauses (Ausstattung: Martin Scherm) der kleinste sichtbare Teil ist, oft dunkel. Ausnahme sind die Strahler auf die Felsenreliefs (Licht: Enrico Beck, Philip Schulze) und die Spots auf die erzgebirgischen Holzfiguren in oft ähnlichen Kostümen.
Diese Naturromantik mit Folklore-Idyll trügt. Birgit Simmler setzte in ihrer Einrichtung des regionalen Sujets einen bemerkenswerten Coup. Im Bergstollen und in der Weberei presst die ausbeuterische Industriellenfamilie Seidelmann die Bevölkerung aus, deren Leben aus „Armut, Hunger, Krankheit“ besteht. Der Bergstollen wirft nach einem Todesunfall kaum noch etwas ab, sichert aber zahlreiche Arbeitsplätze … Durch die finanzstarke Weberei hält der Eigentümer Martin Seidelmann diesen am Laufen – und durch die Schmuggelaktionen nach Böhmen. Erste dramatische Zuspitzung: Bei Simmler gibt sich der in der Sache „Buschgespenst“ ermittelnde Privatdetektiv Franz Arndt selbst als frühere Frau des Manufakturinhabers Martin Seidelmann zu erkennen. Franziska/Franz wurde von Seidelmanns zweiter Frau Sophie brutal entfernt. Sigalit Feig spielt diese komplexe und gegen Ende überraschende Partie mit der Intensität eines psychologischen Kammerspiels. Einen leeren Sarg ließ Sophie beerdigen und gab danach den kleinen Sohn der abgetauchten Franziska als den ihren aus. Fast zu distinguiert mimt Bettina Grothkopf die schwarze Seele Sophie mit dem trügend leuchtkräftigen Namen an Martins Seite – bis zur Entdeckung ihrer nachtschwarzen Vergangenheit! Wie bei „Miss Marple“ gerät Sophie als unauffälligste Figur zu der mit dem höchsten kriminellen Potenzial.
Annika Steinkamp ist als „Engelchen“ Angelika das keineswegs passiv blonde Wesen unter blütenweißer Arbeitsschürze, sondern bietet allen kräftig Paroli. Als eindimensionale Figur wirkt eher ihr Lover Eduard Hauser. Marc Trojan spielt die holzgeschnitzte Starre Eduards, der dann unter die Schmuggler geht und von der Polizei entdeckt wird, entsprechend aus. Chris Green gibt Fritz als einen in die Industriediaspora verschlagenen Salon-Melancholiker mit fast zu dominierendem Sympathiepotenzial. Eher zurückhaltend zeigt sich das auch am Vater Martin Seidelmann, der durch den sonoren Dialog-Duktus von Laszló Varga ebenso wenig ein typisch kapitalistischer Finanzmogul ist. Zsófia Szabó gestaltet die Mühlenbesitzerin Wilhelmine in koboldartiger Leichtigkeit. Und es geht ein Raunen durchs Publikum, wenn die langjährige Ensemblegranate Leander de Marel als Schachtmeister Laube das Wort ergreift. Das Bewegungsensemble, die Komparserie (Susi Žanić) und der Opernchor (Leitung: Kristina Pernat Ščančar) durchlaufen eine Vielzahl von Aufgaben. Äußerst gelungen bewältigt Jan Holtappels in seiner Personenregie den heiklen Spagat zwischen prägnanter Stärke der Bewegungen und dem gelungenen Feinschliff an den Texten.
Als Einpeitscher und Rausschmeißer lässt der musikdramatisch versierte Komponist Ben Toth die Steigerhymne „Glück auf!“ mit trügerischer Helle schmettern – ohne Echo von den Felsritzen und erfüllt von ungebrochener Grobheit. Dazwischen ziehen sein Arrangeur Markus Syperek und Toth mehr an den Farben-, subtilen Rhythmus- und andeutenden Melodieregistern als an Eingängigkeit. Aber die Komposition zeigt unter der musikalischen Leitung von Markus Teichler noch größere Meriten. Eindeutig bekennt sich Toth mehr zu Sondheim und „The Black Rider“ als zu den Konfektionsstücken Frank Wildhorns. Das setzt für die weiten Entfernungen zwischen Felsspitze, Waldweg, Schachteingang und Podium sogar Spannungsakzente frei. Synkopen, prägnant eingesetzte Soloinstrumente und dann immer wieder scharfe Kontraste zwischen Sprechgesang und sinnfälligen Melodien machen neugierig darauf, wie dieses Musical in einem geschlossenen Saal klingen wird. Das Hauptkriterium erfüllt Toth bestens: Seine Komposition antwortet nicht, sondern stellt Fragen und macht die Figuren vielschichtiger. Bei diesem Plot ein hoher und geglückter Anspruch.
Vor der Premiere zeichneten Intendant Moritz Gogg und Anke Hamann, Kulturbeigeordnete des Erzgebirgskreises, eine für das Erzgebirgische Theater wesentliche Person mit der Theater-Ehrenmitgliedschaft aus. In den Nachwendejahren hatte sich Rolf-Jürgen Schubert, heute Vorstandsvorsitzender des Fördervereins des Eduard-von-Winterstein-Theaters, maßgeblich für das kleine Haus in Südsachsen in der Grenzregion zu Tschechien eingesetzt. Der gegenwärtige Erfolgskurs des Erzgebirgischen Theaters lässt sich zum Beispiel an der regelmäßigen Auszeichnung mit dem Operettenfrosch des Bayerischen Rundfunks und der Nominierung des Ensemble-Tenors Richard Glöckner für den Theaterpreis „Der Faust“ bestätigen.
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