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Der Chronoplan - Tim-Lukas Reuter, Chor und Statisterie des Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Der Chronoplan - Tim-Lukas Reuter, Chor und Statisterie des Staatstheater Mainz © Andreas Etter

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Musikalisches Zeitdokument mit Science-Fiction-Bezug: Uraufführung von Julia Kerrs Oper „Der Chronoplan“ am Staatstheater Mainz

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Am letzten Januarwochenende brachte das Staatstheater Mainz Julia Kerrs Oper „Der Chronoplan“, komponiert auf ein Libretto ihres Ehemannes Alfred Kerr, zur Uraufführung. Die von Norbert Biermann vervollständigte und teils rekonstruierte Fassung erweist sich als einprägsames kulturgeschichtliches Zeitdokument aus den letzten Jahren der Weimarer Republik.

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Ende der 1920er Jahre gehörte Julia Kerr (1898–1965) zu den wenigen Komponistinnen, die sich in der absoluten Männerdomäne der zeitgenössischen Musikszene Deutschlands Gehör verschaffen konnten. Ihr Opern-Erstling „Die schöne Lau“, basierend auf einem Märchen von Eduard Mörike, war 1928 die erste Oper überhaupt, die im deutschen Rundfunk vollständig übertragen wurde, bevor sie 1929 in Schwerin eine erfolgreiche szenische Realisierung erlebte. Es folgte der Auftrag zur Oper „Der Chronoplan“ auf ein Libretto von Julia Kerrs Ehemann, des Schriftstellers und Literaturkritikers Alfred Kerr (1867–1948). Zu der für 1933 an der Hamburger Staatsoper geplanten Uraufführung kam es allerdings nicht mehr: Nach der Machterlangung der Nationalsozialisten floh die Familie über Frankreich und die Schweiz nach England. Mehrere Versuche des Ehepaars, das Bühnenwerk an diverse europäische Opernhäuser oder gar Filmgesellschaften zu vermitteln, erwiesen sich als vergeblich. Julia Kerrs Karriere als Komponistin kam daraufhin zum Erliegen, und auch die Radioausstrahlung einiger reduzierter Auszüge aus „Der Chronoplan“ in den Jahren 1949 und 1952 änderte an diesem Umstand nichts mehr.

Um das Stück, an dem die Komponistin 1930 bis 1932 gearbeitet hatte, nun im Staatstheater Mainz erstmals auf die Bühne zu bringen, waren aufwendige Recherchen und Vorarbeiten notwendig. Norbert Biermann, Professor für Gesangsrepertoire an der Universität der Künste Berlin, vervollständigte einzelne Passagen des Werkes und rekonstruierte die mittlerweile verlorenen, allerdings durch Aufzeichnungen aus dem deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Nachkriegszeit dokumentierten Teile. Dabei legte er viel Fingerspitzengefühl an den Tag, um den Intentionen und stilistischen Eigenheiten Julia Kerrs gerecht zu werden. Auch wenn dabei sicherlich nicht alle Probleme gelöst werden konnten, erweist sich „Der Chronoplan“ in seiner Gesamtheit als ganz besonderes Stück, das einen ständigen Platz auf den Opernbühnen verdient hat, zumal es – wohl eher unbeabsichtigt – einen dunklen Schatten auf die historischen Ereignisse vorauswirft.

Viel Prominenz und eine Zeitreise

Auch das einzigartige Sujet der Oper ist bedeutsam: Das Stück bringt die Konzeption einer Zeitoper – greifbar in einer Widerspiegelung der damaligen Gesellschaft samt dem herrschenden Interesse an technologischen Neuerungen – mit einer Idee in Verbindung, die seit Jahrzehnten durch H.G. Wells’ Roman „The Time Machine“ (in Buchform 1895 in englischer Sprache und 1904 in deutscher Übersetzung erschienen) dominiert wurde, bevor sie dann später in der Science-Fiction-Literatur zu einem bis heute bearbeiteten Topos wurde: die Idee einer Maschine, die es ermöglicht, in die Vergangenheit zu reisen – eine Art Luftschiff, das sich entlang der Zeit bewegen kann, eben ein „Chronoplan“. Damit handelt es sich bei Julia Kerrs Oper um die wohl früheste Komposition überhaupt, die sich ernsthaft mit einer für die Science Fiction zentralen Fragestellung befasst und sie in einer für die besten Beiträge des Genres charakteristischen gesellschaftskritischen Form behandelt: mit den Folgen ungehemmten Wissensdrangs.

Der erste Akt entfaltet sich an einem Sommerabend des Jahres 1929 im Haus des Physikers Albert Einstein an der Havel bei Berlin: Das Ehepaar Einstein (Tim-Lukas Reuter und Lusa Sagliano) hat zahlreiche Gäste geladen, darunter prominente Persönlichkeiten aus dem Kulturleben wie Richard Strauss (Collin André Schöning), Gerhart Hauptmann (Myungin Lee), Max Liebermann (Christoph Wendel) und George Bernard Shaw (Maurice Avitabile). Anlass ist die Präsentation von Einsteins neuester Erfindung: einer Zeitreisemaschine. Als der Physiker in die Runde fragt, wer ihn bei einer Spritztour in die Vergangenheit begleiten möchte, stößt er rundum auf Zögern. Während etwa Strauss lieber bei Bier und Skat verweilen möchte und sich auch die meisten anderen in der Gegenwart viel zu wohl fühlen, beschließen lediglich Shaw, eine wissensdurstige Journalistin (Margarita Vilsone), ein bekannter Kritiker (Alexander Spemann) und Einstein selbst (mit seiner geliebten Geige im Gepäck), sich auf den Weg ins alte Rom zu machen.

Der zweite Akt führt uns ins ländliche England des Jahres 1805, wo eine junge deutsche Dame namens Nikoline (Maren Schwier) zarte Liebesbekundungen mit einem überschwänglich poetisierenden jungen Mann (Daniel Schliewa) austauscht. In diese Idylle platzen unbeabsichtigt die vier Zeitreisenden, weil dem Chronoplan auf dem Weg in die Antike der Treibstoff ausgegangen ist und der Rest nun lediglich ausreicht, um wieder zum Ausgangspunkt der Reise zurückzugelangen. Die Enttäuschung darüber, das eigentliche Ziel verfehlt zu haben, weicht einer aufregenden Erkenntnis: Als es Einstein mithilfe von zarten Geigentönen gelingt, mit dem „Unter-Ich“ des jungen Mannes zu kommunizieren, stellt sich heraus, dass man es mit keinem Geringeren als Lord Byron zu tun hat, der zu dieser Zeit freilich noch nicht den Weg zum späteren Dichterruhm beschritten hat. Begeistert nehmen die Zeitreisenden das historische Fundstück mit, als sie sich wieder auf den Weg nach Hause machen.

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Der Chronoplan: Maren Schwier, Daniel Schliewa. Foto: © Andreas Etter

Der Chronoplan: Maren Schwier, Daniel Schliewa. Foto: © Andreas Etter

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Der dritte Akt, wieder im Berlin des Jahres 1929 angesiedelt, konfrontiert uns mit einer Gruppe satter und lethargischer Gäste, die vor dem abgegrasten Büffet eines Berliner Golfclub herumhängen. Hier trifft sich die geheimnisvolle Nikoline von Rendsdorf mit ihrem Geliebten, dem Waffenfabrikanten Basil von Strouve (Georg Schießl). In diesem Moment führt Einstein sein Mitbringsel aus dem 19. Jahrhundert ein: den Dichter Lord Byron, der sich kontaktfreudig unter die Anwesenden mischt und plötzlich in der selbstbewussten Nikoline seine Geliebte von 1805 (oder deren Reinkarnation) erkennt. Diese gibt freilich nichts mehr auf die zarten Liebesbande von einst und macht sich mit ihrem Liebhaber über Byron lustig. Die Stimmung kippt endgültig, als die Gesellschaft durch ein Bombenattentat aufgeschreckt wird. Dabei wird Nikoline getötet, und Byron wünscht sich am Boden zerstört aus den unseligen späten 1920er Jahren wieder zurück in seine eigene Zeit.

Einfallsreiche Musik und prägnante Einfälle

Alfred Kerrs pointiertes Libretto und die darin enthaltenen liebenswürdigen bis ironischen Charakterisierungen bekannter Persönlichkeiten dienten der Komponistin als willkommene Steilvorlage für ihre einfallsreiche Musik. Die Partitur bewegt sich ästhetisch auf der Höhe der Entstehungszeit bewegt und zeugt davon, dass die Komponistin mit dem Musiktheater von Ernst Krenek und Kurt Weill ebenso vertraut war wie mit Werken von Richard Strauss und Fritz Schreker oder mit den Ausdrucksmitteln zeitgenössischer Revüen und Unterhaltungsmusik. Dementsprechend bindet Julia Kerr vielerlei stilistische Wechsel in ihren Tonsatz eine, ohne allerdings die eigene Sprache aufzugeben: Mal klingen unterschwellig die Rhythmen von Gesellschaftstänzen an, mal lotet die Musik mit kantablen Phrasen innige Gefühle aus, manchmal gibt sie mit plastischen Klangballungen katastrophische Stimmungen Raum; doch immer wieder zeigt sich die Komponistin dazu bereit, in die Haltung ironischen Kommentierens umzuschwenken und an besonders prägnanten Stellen Allusionen an Bekanntes oder gar tatsächliche Zitate – so beim Auftritt von Richard Strauss das Propheten-Motiv aus dessen Oper „Salome“ – anklingen zu lassen.

Dass es sich bei aller Ironie um eine Geschichte mit ernstem Hintergrund handelt, macht spätestens der dritte Akt deutlich. Nicht zuletzt der Umstand, dass diese Geschichte am Ende unaufgelöst bleibt, trägt zur besonderen Wirkung von „Der Chronoplan“ bei: Ausgelöst durch das Geschehen um Einsteins Erfindung ersteht vor unseren Augen das Bild einer Wissenschaft, die das tut, was wissenschaftlich möglich ist, dabei aber achtlos über ethische oder moralische Fragen hinwegsieht. Die Konsequenz ist, wie Regisseur Lorenzo Fioroni im Programmheft betont, ein unlösbarer „Konflikt zwischen Machbarem und Wünschenswertem“, der – auf dem Rücken des entwurzelten Byron ausgetragen – die zunehmende Katastrophenstimmung des dritten Aktes noch verstärkt. So findet das Werk gerade dort zu einer kritischen Bestandsaufnahme der Gesellschaft, wo es die Auflösung verweigert.

Gelungene Produktion mit Startschwierigkeiten

Die aus heutiger Sicht dunkle Vorahnung, die sich angesichts der historischen Entwicklung nach 1933 über diese Wendung legt, hat Fioroni dazu veranlasst, genau auf diesen Zusammenhang immer wieder hinzuweisen. Wenn man beispielsweise während der Reise in die Vergangenheit kurzzeitig auch Jahreszahlen aus der Zukunft und einen mit Hakenkreuzen geschmückten Panzer zu sehen bekommt oder wenn im dritten Akt plötzlich Personen mit Judensternen auf der Brust auftreten, wirkt dies allerdings sehr bemüht und übermäßig didaktisch. Sieht man einmal von solchen Momenten ab, erweisen sich szenische Umsetzung und Personenchoreographie als rundum gelungen. Insbesondere die Idee, der Zeitreise ins 19. Jahrhundert durch Zuspielung einer elektronischen Komposition von Paul-Johannes Kirschner, begleitet von Projektionen auf dem durchsichtigen Bühnenvorhang und Aktionen auf der Bühne, Plastizität zu verleihen, erweist sich als glückliche Lösung.

Das Staatstheater Mainz hat für diese Neuproduktion enorm viele logistische und personelle Kraftreserven aufgeboten, von denen die bis in zahlreiche kleine Partien hinein verzweigte Gesangsbesetzung vielleicht die offensichtlichste ist. Musikalisch am überzeugendsten agierten an diesem Premierenabend die Interpretinnen der großen Frauenpartien: Mit großer stimmlicher und klangfarblicher Wandelbarkeit verkörperte Margarita Vilsone die neugierige Journalistin, während Maren Schwier die Partie der Nikoline äußert gekonnt zwischen schwärmerischen Kantilenen und selbstbewusster Häme anzusiedeln wusste. Daniel Schliewa wartete demgegenüber als Lord Byron mit einem strahlenden, durchdringenden Tenor auf, dessen viele Schattierungen sich den übrigen Männerstimmen überlegen zeigte. In Bezug auf die Koordination sämtlicher Mitwirkender ließ die Aufführung noch Luft nach oben erkennen: Es knirschte manchmal ein wenig im musikalischen Getriebe, wenn Gesangssolist:innen, Chor und Orchester nicht so recht zusammenfanden, und auch vom Philharmonischen Staatsorchester Mainz unter Leitung von Gabriel Vanzago hätte man sich an einigen Stellen eine differenziertere Zeichnung von Julia Kerrs orchestralen Texturen gewünscht. Aufgrund des aufregenden Stückes fiel dies alles jedoch eher selten ins Gewicht, zumal man erwarten darf, dass die Startschwierigkeiten während der kommenden Folgeaufführungen überwunden werden. Bleibt zu hoffen, dass sich in Zukunft auch andere Opernhäuser dieser wiederentdeckten Repertoireperle annehmen und Julia Kerrs Musik stärkere Beachtung findet.

  • Weitere Aufführungen am 27.01., 21.02., 06.03., 23.03. 29.03. und 04.04.

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