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ACCABADORA by Francesco Filidei, world premiere. Conductor: Lucie Leguay — Stage director: Valentina Carrasco. Festival d’Aix-en-Provence 2026 © Jean-Louis Fernandez

ACCABADORA by Francesco Filidei, world premiere. Conductor: Lucie Leguay — Stage director: Valentina Carrasco. Festival d’Aix-en-Provence 2026 © Jean-Louis Fernandez

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Neues und Altes – Eine Uraufführung und ein Requiem beim Festival Aix-en-Provence

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Das Stadttheater in Aix-en-Provence hat nicht nur den schönen Namen Théâtre du Jeu de Paume. Es bietet in der Nachmittagshitze einen gut gekühlten Zuschauerraum und ist meist auch der Rahmen für eine der Uraufführungen, die seit langem zum Selbstverständnis des Festivals gehören. In diesem Jahr: Francesco Filedeis „Accabadora“. 

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Es hat sich auch eingebürgert, dass Produktionen, die in Aix-en-Provence ihre Premiere hatten, und in den Folgejahren bei den Koproduktionspartnern aufgeführt wurden, nach einigen Jahren an den Ort der Premiere zurückkehren. In diesem Jahr betraf das Romeo Castelluccis Mozart-Requiem aus dem Jahr 2019.

Auch wenn mit „El Cimarrón“ von Hans Werner Henze in der zweiten Hälfte des Festspielmonats Juli noch eine weitere Neuproduktion und mit Béla Bartóks „Blaubarts Burg“ und Giuseppe Verdis „Sizilianischer Vesper“ noch jeweils eine konzertante Opernaufführung auf dem Programm stehen, hinterlassen auch die in Frankreich wirkenden Einsparzwänge in der Kultur beim wichtigsten Musikfestival des Landes ihre Wirkungen. Ausflüge in besondere temporäre Spielstätten oder wie in den letzten Jahren nach Arles bietet der aktuelle Festspieljahrgang nicht mehr. Wo man früher noch eine Woche für die Neuproduktionen benötigte, ist man heute in drei Tagen durch. Dass es die Uraufführung im Théâtre du Jeu de Paume bereits am Nachmittag gab und die Wiederkehr des „Requiems“ erst 22:00 Uhr unter freiem Himmel im Hof des erzbischöflichen Palais begann, bot aber nicht nur Zeitökonomie, sondern passte dieses Mal sogar inhaltlich zusammen, ging es doch in beiden Fällen ganz grundsätzlich um Leben und Tod. Im ersten Fall, wenn man so will, ganz praktisch, im zweiten eher in einem geistig-religiösen Sinne.

Uraufführung:  „Accabadora“ von  Francesco Filidei

Für seine vierte Oper hat der Komponist Francesco Filidei (* 1973) zusammen mit Manuelle Mereddu den Roman „Accabadora“ von Michela Murgia aus dem Jahr 2009 zu einem Libretto verdichtet. Eine Accabadora ist in der Tradition Sardiniens eine sogenannte „letzte Mutter“, die Sterbenden den Tod spendet, um ihr Leiden zu beenden. Im Klartext geht es um Sterbehilfe im Rahmen einer Tradition außerhalb staatlicher Regelungen. Offen angesprochen: eines der wenigen Tabus in unserer durchregulierten Gesellschaft, bei dem sich das Pro und Contra schnell zum Glaubenskrieg weiten kann. In der Oper ist Tzia Bonaria Urrai diese Frau. Neben ihrer geheimnisumwitterten (meist) nächtlichen Rolle, ist sie auch die Ziehmutter für Maria Listru, die sie als Sechsjährige bei sich aufgenommen hat. Marias Freund Andría beobachtet, wie ihre Ziehmutter dessen nach einem Unglück beinamputierten Bruder Nicola auf dessen Wunsch hin „erlöst“. Als Maria davon erfährt, flieht sie in die Stadt. Sie kehrt nach Jahren erst dann in ihr Dorf zurück, als die Bonaria selbst aus dem Leben gehen will, aber es allein nicht schafft. Eigentlich gegen ihren Willen, aber doch auch schicksalsergeben, übernimmt Maria die Rolle ihrer Ziehmutter. Über einer solchen Geschichte, in der die Menschen in einer Dorfgemeinschaft leben, ihr Brot selbst backen, Weinbau betreiben und weben, waltet per se ein Hauch von Archaik, von stillstehender Zeit. Wirklich beklemmend wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Geschichte in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts spielt …

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ACCABADORA by Francesco Filidei, world premiere. Conductor: Lucie Leguay — Stage director: Valentina Carrasco. Festival d’Aix-en-Provence 2026 © Jean-Louis Fernandez

ACCABADORA by Francesco Filidei, world premiere. Conductor: Lucie Leguay — Stage director: Valentina Carrasco. Festival d’Aix-en-Provence 2026 © Jean-Louis Fernandez

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Der Komponist lässt sich mit seiner einaktigen Kammeroper auf diese Archaik mit einer lakonischen, eskalierend dichten Geräusch- und Klangsprache ein, die auch traditionell Sardisches und einen quasi antiken Chor einbezieht. Für ihre handfest realistische Inszenierung hat Valentina Carrasco zusammen mit Mariangela Mazzeo eine sinnliche Bühne entworfen. Drei riesige metaphorische Webstühle im Hintergrund, Weinrebenprospekte aus dem Schnürboden und ein reichlicher Vorrat von Teig fürs Kneten von Brotlaiben. Das hat seinen eigenen Reiz, weil ein halbes Dutzend stumm backender, webender und traubenstampfender alter Frauen die Szene immer wieder mit mehr als nur einem Hauch von authentischem Landleben versieht.

Dazwischen stattet die auch stimmgewaltige Noa Frenkel die Bonaria mit der vollen Autorität ihres „geheimen“ Amtes aus, ohne ihr menschliches Mitgefühl vorzuenthalten.

Rachel Masclet ist die erst schüchterne, dann aufbegehrend fliehende, schließlich ihr Schicksal akzeptierende Maria. Lodovico Filippo Ravizza als Nicola und Hugo Brady als dessen Bruder Andría sind zugleich Teil des siebenköpfigen Chores. Lucie Leguay leitet die Kammerbesetzung des Orchestre de l’Opéra de Lyon mit Umsicht und trägt so dazu bei, dass aus dieser nur dem Anschein nach abwegigen Dorfgeschichte eine der ungelösten Grundfragen der Gegenwart durchscheint.

Romeo Castelluccis Mozart-Requiem 

Die szenische Bebilderung von Mozarts „Requiem“ beginnt in Romeo Castelluccis Version von 2019 mit dem Tod einer Frau. Ganz ruhig, nahezu beiläufig, versinkt sie in dem Bett, in das sie sich gelegt hat. Ob zum Sterben, weiß man nicht, könnte aber sein.

Der Abend selbst ist szenisch eine Reise durch die ganze Schöpfung (unter dem machen es Künstler unter Genieverdacht halt nicht); samt eines Abstechers ins Paradies und Reflexionen über alle möglichen Religionen auf die für Castellucci typische metaphorische Art. Auch die Produktion selbst hat eine Reise hinter sich mit Stationen in Australien, Valencia, Brüssel, Wien, Barcelona und Basel. Nicht die ganze Welt, aber ein hübscher Teil davon.

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REQUIEM by Mozart, production of the Festival d’Aix-en-Provence 2019. Conductor: Raphaël Pichon — Stage director: Romeo Castellucci. Festival d’Aix-en-Provence 2026 © Monika Rittershaus

REQUIEM by Mozart, production of the Festival d’Aix-en-Provence 2019. Conductor: Raphaël Pichon — Stage director: Romeo Castellucci. Festival d’Aix-en-Provence 2026 © Monika Rittershaus

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Wie 2019 sorgt auch jetzt bei seiner Rückkehr ein zum Finale bäuchlings in Rampennähe platziertes Baby für einen Rührungsmoment. Im Unterschied zum Dirigenten, muss es ein anderes Menschenkind sein – das propere Kleine von damals ist jetzt 7 Jahre und für diese Rolle schlicht zu alt. In der Zwischenzeit zweifelt man schon daran, ob Mensch oder Puppe, aber es ist ein Mensch. Zur Aktion der Tanzenden und Singenden kommt die assoziative Wort-Tonspur, die auf die Rückwand des Bühnenkastens projiziert wird und mit dem Datum der Aufführung endet. Was auch passt, denn eigentlich bebildert Castellucci  keine Totenmesse, sondern entfesselt ein ritualisiertes Welttheater, für das Raphaël Pichon dem titelgebenden Requiem Gregorianisches und Mozarts Meistermusik KV 477b und Miserere KV 90 hinzugefügt hat und mit seinem 2006 gegründeten Orchester Pygmalion so perfekt wie sensibel präsentiert. Die Gesangspartien sind mit Mélissa Petit (Sopran), Beth Taylor (Alt), Duke Kim (Tenor) und Alex Rosen (Bass) entsprechend besetzt. 

Die Haltbarkeit dieser Inszenierung – das ist ein Resümee des Abends – ist nach sieben Jahren noch nicht abgelaufen. Wenn Castellucci da gewesen wäre, dann hätte er sich am Votum des Publikums erfreuen können.

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