Am Ende des Programmheft-Interviews mit dem Dramaturgen Christian Longchamp stürzt Romeo Castellucci in seinem aufregenden Negativ-Entwurf die 1983 in Paris uraufgeführte Opern-Hagiographie „Saint François d’Assise“ vom Mysterien-Podest. Da holte er aus zu dem im März von der Intendanz der Salzburger Festspiele demissionierten Markus Hinterhäuser und nennt diesen „Opfer der Arroganz einer kleinkarierten Politik, welche der Kultur die Flügel stutzen will, ohne über die entsprechende Kultur zu verfügen, um zu verstehen, was sie damit anrichtet“. Das erweckt Zweifel, obwohl die zum 800. Todestag des Heiligen aus Assisi und parallel zur Ausstellung „LebensKunst“ im Salzburg Museum angesetzte Produktion nach einer reinen Spieldauer von 250 Minuten in 6,25 Stunden vom begeisterten Publikum derart beklatscht wurde, als gehöre der Komponist Messiaen nach der Salzburger Erstaufführung in der Inszenierung von Peter Sellars (1992 und 1998) längst zu den Hausgöttern – etwa wie der vor der zweiten „François“-Vorstellung am 9. August mit der Aufführung des „Schrattenbach-Requiem“ in Sankt Peter zum seinem 220. Todestag geehrte Michael Haydn.
Saint François d’Assise 2026 (Regie/Bühne/Kostüme/Licht, Romeo Castellucci): Philippe Sly (Saint François), Ensemble. © SF/Monika Rittershaus
Opfer oder innige Nähe zu Gott? Messiaens auratische Sakraloper „Saint François d’Assise“ bei den Salzburger Festspielen
Frage zur Parallele des Gottsuchers Franz von Assisi und des entlassenen Festspielintendanten: Hat Markus Hinterhäuser wirklich in brauner Erde gewühlt wie Santo Francesco in der teils orthodox, teils provokant und stellenweise ironisch wirkenden Vision des Performance-Gurus Romeo Castellucci für die Felsenreitschule? Hat Hinterhäuser mit einem Wolf gemeinsame Sache gemacht wie Francesco in der sehr knapp erfundenen Szene, welche die Legende des Wolfs von Gubbio aufgriff und von Castelluccis Hommage an Joseph Beuys’ Performance mit dem Schakal legitimiert wurde? Das erinnert daran, dass Castellucci sich in seiner Performance „Dante – Inferno“ selbst von Hunden anfallen ließ. Im exegetischen Überbau des unweit von Francescos Heiligtum geborenen Performance-Meisters geht es mit Anspielungen auf Kunst des 20. Jahrhunderts intensiv um die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers. Das macht diese dunkle und mit nur wenigen Bühnenelementen auskommende Inszenierung rasant trotz Slow Motion – aber auch vieldeutig durch Widerstreit aus Neigung und Abneigung gegen die Institution Kirche oder ihre Dogmen.
Mit dem Wechsel der Festspielleitung könnte möglicherweise auch die durchaus kontrovers aufgenommene Serie der Salzburger Castellucci-Inszenierungen gestutzt werden. Da reihten sich eine spannende „Salome“ und Gags wie in „Don Giovanni“, in dem bei Castellucci ein Konzertflügel vom Schnürboden stürzte und zu jeder Vorstellung zerdepperte, oder eine von Pasolini-naher Poesie durchtränkte „Intolleranza“. Das Publikum war verblüfft vom Un-Opernhaften, mit dem Castellucci immer wieder überraschende, suggestive oder rätselhafte Leistungen setzte.
In „Saint François d’Assise“ ist es das Dreckige und ein von der beschönigenden Hagiographie befreiter Gottsucher, Vogelprediger und Hymniker, dessen „Tristan“-lange Monsterpartie der phänomenale Philippe Sly mit Ausdauer, Stimm- und Deklamationsgold, aber auch Blut und Wunden am mehrfach nackten Körper zeigt. Da griffen mehrere Damen – wie gern beim nackten „Jedermann“ auf dem Domplatz – zum Operngucker, um noch mehr theatrale und spirituelle Klarsicht zu erhalten. Castellucci zeigt den Abschied des sich von Reichtum und Prestige befreienden Francesco mit einem Double, die Leidensgesten seines Protagonisten und seiner Gefolgsschar wie bei einem Laienspiel (künstlerische Mitarbeit: Giulia Giammona) und die Triade von Bruder Léon (gereifte Lyrik: Russell Braun), dem Engel und dem Leprakranken mit Affinität zur anthroposophischen Eurhythmie (Choreographie: Yasmine Hugonnet).
Saint François d’Assise 2026 (Regie/Bühne/Kostüme/Licht, Romeo Castellucci): Engel. © SF/Monika Rittershaus
Wie Pasolini ist Castellucci ein Magier, der durch Flirts mit dem Laienhaften affektive Erdrutsche und Erkenntnisschübe auslöst. Er macht einiges in Messiaens Haupt- und Bekenntniswerk verständlich, wo etwa die Oper Stuttgart mit der Publikumsexkursion zur Freilichtbühne Killesberg und die Oper Genf unverbindlich blieben. Man hört und sieht also, was für ein zwingender Zusammenhang von der Umarmung mit dem Leprakranken (bezwingend: Sean Panikkar) zum rätselhaften Erscheinen des reisenden Engels (suggestiv wärmend: Lauranne Oliva) und dem als letztes entstandenen sechsten Bild „Die Vogelpredigt“ besteht. Castellucci zeigt die bittere Grausamkeit von Gottes Forderung, dass jede Person ihr eigenes Kreuz tragen solle und nur dadurch des ewigen Glücks teilhaftig werden könne. Dass am Ende der Leichnam des Heiligen nicht in der langen Erdgrube auf der Vorderbühne, sondern daneben liegt und auf der anderen Bühnenseite sieben ausgewachsene Schafe weiden, bannt die Tröstlichkeit des Glaubens mit der Gleichgültigkeit natürlicher Prozesse. Den Schafen und der Evolution ist Francescos erkenntnisreicher, wie selbstzerstörerischer Kampf gegen sich und gegen die Welt – alles für Gott – schlichtweg egal. Alle Versuche, in Castelluccis langen, langen Bühnenvisionen das milde Francesco-Bild aus der Wirkungsgeschichte des rebellischen Ordensgründers zu finden, sind aussichtslos.
Schroffes Musik-Totaltheater bieten ebenso die Wiener Philharmoniker und die mit seraphischer Personenfülle antretende Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Jozef ChabroĊ). Der Dirigent Maxime Pascal schilderte, wie er Einzelproben für „Klangblöcke“ statt für die konventionellen Instrumentalgruppen anordnete. Damit eröffnete er den Zugang zur Partitur nicht nur durch architektonisch wirkende Setzungen von elementarer Intensität, sondern auch profunde Aha-Entdeckungen. Pascal fächert Messiaens Minimalismus auf, der aus den gleichen Entstehungsjahren stammt wie der von Philip Glass und Steve Reich und trotzdem ganz andere Wurzeln hat. Bis in die hier nicht als melodische Einlage verstandene Vogelpredigt hört man mit bedrohlicher und sogar unnachgiebiger Härte, wie Messiaen Ton- und Klangblock-Folgen in Zeitlupe zu einer ganz eigenen Ritual-Struktur entwickelte. Pascal lässt bei den faszinierend konturierenden Philharmonikern keine Weichzeichnung zu. Er zügelt sich selbst zu schroffer Verdichtung und atmosphärischer Kantenschärfe, die Castelluccis rüder Trostlosigkeit in nichts nachstehen. Die Besetzung ist bis in die kleineren Partien luxuriös – mit Léo Vermot-Desroches (Frère Massée), Aaron-Casey Gould (Frère Élie), Edel-Veteran Willard White (Frère Bernard), Marius Aron (Frère Sylvestre) und Ivan Lyvch (Frère Rufin).
Nach der Vogelpredigt fallen die schwarzen Vögel vom Himmel, im Verenden mit den Flügeln schlagend. Die Franziskaner-Brüder haben blutrote Flecken auf ihren schwanenweißen Habits – deutlicher geht’s nicht: Castellucci deutet Messiaens Trostappelle um in Menetekel- und Kassandra-Rufe. Salon-Katholizismus wird man Castellucci nach dieser karg-grausamen Umdeutung des beliebten Legendenreigens nicht unterstellen können. Zugleich sind die Salzburger Festspiele ganz und gar bei sich, wenn Applaus-Glanz und Ovationen-Gloria über den mit rigider Selbstzerfleischung in die Glaubensgewissheit aufbrechenden François losdonnern. In dieser Spannweite also doch ein ganz großer Abend zwischen Kunst-Himmel und bipolar camouflierter Erkenntnis-Hölle.
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