„Parsifal“ und Prag, das ist eine besondere Geschichte. Nicht, dass Richard Wagners Bühnenweihfestspiel hier entstanden wäre – vollendet wurde dieses letzte Musiktheater-Werk des Dichter-Komponisten 1882 in Palermo, einige Inspirationen dazu holte er sich zuvor im zauberhaften Garten der Villa Rufolo in Ravello hoch über der Küste von Amalfi. Aber sofort, nachdem die Ausschließlichkeitsrechte für Bayreuth Ende 1913 ausgelaufen sind, rissen sich die Bühnen um diese Komposition. In Prag gab es gleich am 1. Januar 1914 sogar eine doppelte Erstaufführung, eine im Nationaltheater an der Moldau und eine in der Neuen Deutschen Oper. Letztere wurde vom damaligen Musikdirektor Alexander Zemlinsky geleitet, der eben nicht nur als Komponist, sondern auch als programmatischer Dirigent von höchster Bedeutung war (und 1942 viel zu früh im erzwungenen U.S.-Exil verstorben ist).
Opera | Parsifal: State Opera Chorus and National Theatre Chorus – Foto: Serghei Gherciu
„Parsifal“ in Prag – ohne Kafka geht das nicht: Viele Türen, und kein einziger Ausweg
Am Prager Nationaltheater kam „Parsifal“ erst 2011 wieder heraus, fast einhundert Jahre nach der dortigen Erstaufführung. Die heutige Staatsoper aber wurde 1888 eben als Neue Deutsche Oper mit Wagners „Meistersingern“ eingeweiht und brachte nun zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele den „Parsifal“ in einer Neuinszenierung von Andreas Homoki heraus. Das Bühnenbild dazu entwarf Frank Philipp Schlößmann, der diese Oper erst kurz zuvor an Dresdens Semperoper (in einer Inszenierung des Niederländers Florian Vissler) ins toskanische San Galgano verlegte. Aus der gotischen Abtei wurde nun für Prag ein gewaltiger Bücherturm, dessen Rotunde zunächst erst mal an eine der imposanten Grabstätten an der römischen Via Appia Antice erinnert. Als Bibliothek ist er erst erkennbar, wenn sich die Bühne dreht und den Blick auf eine Art Weltarchiv freigibt. Dass die bühnenhohen Regale am Ende des Abends – also nach Parsifals jahrelanger Wanderschaft und dem beinahe bevorstehenden Ende der Gralsgemeinschaft – verwüstet und leer geräumt sind, scheint eine erschreckende Metapher auf unsere Gegenwart zu sein, könnte aber auch in Bezug auf historische Bücherverbrennungen und noch frühere Literaturvernichtung (die antike Bibliothek von Alexandria etwa) zu lesen sein.
Dieser Rundturm der Belesenheit ist von zahlreichen Türen umgeben, die aber alle keinen Ausweg aus den Dilemmata bieten. Weit offen sind und bleiben vielmehr die Fragen: Warum konnten Gurnemanz und Klingsor keine gewaltlose Versöhnung finden? Warum muss Kundry durch diese Männersysteme irren und sich bis fast zuletzt missbrauchen lassen? Wieso kommt die Errettung der Welt – zumindest in dieser Geschichte – erst durch einen tumben Tor?
Just eine solche Gestalt fehlt ja heute in der durch unheilige Allianzen von Putin, Trump, Netanjahu & Co. zuschandengerittenen Welt. Solche Bezugspunkte musste Homoki in seiner Regie aber gar nicht erst einflechten oder gar, wie in Dresden geschehen, mit Plakaten bebildern. Sie ergeben sich beim Betrachten dieses in Prag sehr psychologisch geschilderten Dramas von ganz allein.
Musikalisch liegt dieser „Parsifal“ in Händen von Markus Poschner, der mit dem Wagner-erfahrenen Klangkörper des Hauses forsche Tempi anlegt, ohne jedoch den immanenten Spannungsbögen zu enteilen. Den formidablen Opernchor sowie die stimmlich erstklassige Solistenriege hat er dabei stets auf seiner Seite. Schade nur, dass (in der besuchten Vorstellung am 3. April) zu Beginn des dritten Aufzugs die sonst so klaren Strukturen der Streicher ins Wanken gerieten und erst wieder zur finalen Enthüllung des Grals zum für Poschner so typischen Aufblühen gelangten.
Opera | Parsifal: Matthew Newlin (Parsifal), State Opera Chorus and National Theatre Chorus – Foto: Serghei Gherciu
Mit Matthew Newlin brilliert ein jugendlich heroischer Parsifal, der diesem Part stimmlich und spielerisch großes Format verleiht und insbesondere auch den Altersunterschied dieser Figur zwischen erstem und drittem Aufzug verdeutlicht. Er und die großartige Ester Pavlů als Kundry sind inniglich verbunden auch da, wo es noch um intrigante Verführungskunst geht. Die Sängerin verfügt über ein immenses Spektrum vokaler Ausdruckskraft, das sie impulsiv einzusetzen versteht und so ihr szenisches Betören noch potenziert. Timo Riihonen gibt einen finster bassigen Gurnemanz mit prägnanter Klangkultur, Jiří Hájek ist ein verzweifelter Amfortas, dessen Todessehnen glaubhaft hörbar wird. Klingsor aber – wir sind schließlich in Prag – ist von der Regie geradezu kafkaesk behandelt worden, ein bunter Verführer, der in die Glaskugel blickt, seinen verlorenen Kampf nicht aufgeben will und eine große Schar folkloristisch wirkender Blumenmädchen aufbietet. Kostümbildnerin Hannah Clark hat Martin Bárta gewiss nicht zufällig in Purpur gehüllt, so erzählt er visuell mehr als sein dunkler Bariton an Textverständlichkeit bietet.
Der Erlösungsgedanke wird ganz zum Schluss von einer zwar gründlich gebrochenen, aber glaubhaft geläuterten Kundry mit einem knospenden Blümchen ins Bild gesetzt. Der Gedanke an den Lindenbaum („und wenn wenn morgen die Welt untergeht …“) liegt da nicht fern, auch wenn er noch lange vom Wagnerschen Klangzauber überlagert ist.
- Wieder am 11. und 18. April 2026
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