Vom 18. Juni bis 5. Juli 2026 läuft das Festival Theater der Welt in Chemnitz. Neun internationale Kurator:innen aus Argentinien, Australien, China, Griechenland, Indien, Kanada, Saudi-Arabien, Senegal und Südafrika machten das Programm, 33 Stücke aus allen Kontinenten wurden eingeladen. Die Theaterformen sind zumal für Publikum der mitteleuropäischen Subventionstheater ungewöhnlich, viele Themen allerdings international und zeitlos: Unterdrückung, Machtverhältnisse, Auflehnung gegen Ausgrenzung und Vorurteile, aber auch Daseinsbejahung und die Suche nach einem guten Leben. – Mittendrin das Gastspiel mit dem Musiktheater „Nkoli: A Fierce & Fabulous Life“ des südafrikanischen Komponisten Philip Miller. Uraufgeführt wurde das Opus über den an Folgen von HIV verstorbenen Apartheid-Widerstandskämpfer und Pride-Aktivisten Simon Nkoli (1957 bis 1998) unter Mitwirkung von Zeitzeugen am 17. November 2023 im Market Theatre von Johannesburg und gelangte zu zwei Vorstellungen nach Chemnitz.
„Nkoli: A Fierce & Fabulous Life“. Foto: © Mark Lewis
Queerer Frontalangriff: „Nkoli: A Fierce & Fabulous Life“ aus Südafrika bei Theater der Welt in Chemnitz
Ist diese Show ein Ballroom-Theater, eine Revue, ein Biographical oder eine ‚echte‘ Oper? Die Frage wird unwesentlich. Ein Abend also, an dem sich die Frage nach Topf, Deckel und Schublade erledigt und die Definition von Sophistication contra Dirty Talk verbietet. „Oper“ wird zur Zustandsbeschreibung zwischen Körper, Klang und politischer Erinnerung. Simon Nkoli gerät hier gleichermaßen zur historischen Figur und zu einer in legendenhafte Ferne entrückenden Projektionsfläche. Das Stück verengt die biographische Chronik allerdings nicht zu einer linearen Biografie. Dafür schreitet, tanzt, singt und feiert sie einen riesigen Radius von politischer Befreiungsgeschichte, queerer Selbstbehauptung und apotheotischer Ikonisierung aus.
Diese Getriebenheit reizen Millers Komposition, die wilde und hymnische Choreographie sowie die wilde Motorik des Orchesters aus. Politische Sichtbarkeit bedeutet nicht nur Befreiung, sondern auch permanenten Druck. Da ähnelt Simon Nkolis Leben zwar nicht dem seiner Lieblingsautorin Danielle Steel, aber dem seiner weißen, nicht-queeren Antipodin Marilyn Monroe. Besonders deutlich wird das in den Szenen der Konflikte innerhalb der queeren Bewegung, insbesondere bei Nkolis Spannungsfeld zu lesbischen Aktivistinnen. Hier zeigt sich eine zentrale historische Verifizierbarkeit: Befreiungsbewegungen sind nie homogen. Das Stück lässt diese Reibungen zu und münzt sie um in dionysische Entgrenzung.
Die Lyrics von S’bo Gyre und Philip Miller, die Regie von Greg Karvellas und die Choreografie von Llewellyn Mnguni setzen mit Absicht auf eine Ästhetik der Präsenz statt der Klage, wie man das Projekt vielleicht in Deutschland behandelt hätte. Die energetischen Ensemble-Szenen, die performative Überhöhung von Queerness und die glamouröse Selbstfeier sind kein dekoratives Beiwerk, sondern als politische Körperpraxis ein unverzichtbarer Teil des Narrativs. Statt Musical-Routine erlebt man hier einen der mitteleuropäischen Sicherheits- und Angstgesellschaften längst abhanden gekommenen Willen zu Rausch und Selbstberauschung. Queerness erscheint nämlich nicht als Golgatha-Gang, „Pussy“ und „Schwuchtel“ werden von der Beleidigung in eine steile Selbstkomplimentierung umgefeiert. Musikalisch wächst die Produktion allerdings nicht bei weitem nicht derart über sich hinaus wie die Darsteller und ihre Performance. Alles bleibt in einer souveränen, aber eben doch funktional-routinierten Tonsprache. Auf die Komposition bezogen gilt auch hier wie bei früheren Klassenkämpfen, dass Subtilität und Agitation nur in Ausnahmefällen kompatibel sind. Aber es ist schade, dass die Besetzung der einzelnen Partien nicht genannt wurde. Noch großartiger als der Darsteller von Simon Nkoli war der Drag-Conferencier – ein Prachtkerl mit Prachtstimme und Prachtausdruck. Simons Lebensgefährte bleibt als Figur und Charakter im liebenswerten Mauerblümchen-Hintergrund. Die Kampfgefährt:innen gegen Apartheid fahren zu starken Mehr-als-Episoden-Figuren auf. Videoprojektionen mit dokumentarischem und virtuellem Material flankieren die glitzernde Roughness der Gegenwart.
Eine ganze Reihe von Szenen gilt dem Leid Nkolis, dass er als Schwuler in der Widerstandsbewegung seiner afrikanischen Landsleute gegen Apartheid nicht anerkannt wurde und seine affirmative Daseinsform als „nicht-afrikanisch“ und „von den Weißen eingeschleppt“ betrachtet wird. Diese Ebene trug neben der lauthals bekundeten Zuneigung zum Erfolg dieser Produktion bei Theater der Welt bei. In Martin G. Bergers Inszenierung von Lortzings „Zar und Zimmermann“ wurde letztes Wochenende an der Deutschen Oper Berlin eine breite queere Akzeptanz als repressive Toleranz im fortgeschrittenen Kapitalismus dargestellt. Das in der queeren Szene Südafrikas entstandene Totaltheater „Nkoli: A Fierce & Fabulous Life“ zeigt sich von dieser Entwicklung noch vollkommen unberührt. Und fast möchte man das Performance-Wunder aus Johannesburg über diese Unbefangenheit beneiden.
- Komposition, Konzept: Philip Miller – Lyrics: S’bo Gyre, Philip Mvon iller – Regie: Greg Karvellas – Choreografie: Llewellyn Mnguni – Producer: Harriet Perlman, Philip Miller – Kostüme: Sikelela Mr Allofit, Birrie Roux - Musikalische Leitung: Tshegofatso Moeng - Sound Design: Fried Wilsenach - Lighting Design: Oliver Hauser - Video Designer: Catherine Meyburgh - Motion Graphics: Marcos Martins - Technical Director: Michael Inglis - Stage Manager: Hayleigh Evans - Video Projectionist: Kimon Pienaar - Sänger:innen: Simbone Qonya, Ann Masina, Luthando Madikizela, Nokuthula Magubane, S’bo Gyre, Grant Towers, Leah Gunter, Mhlaba Buthelezi, Monde Masimini, Simphiwe Simelane, Cindy Manciya, Zolina Ngejane, Ayanda Eleki, Eric Van Rooyen - Tänzer:innen: Tshepo Zasekhaya, Tylor Spelman, Lebohang Otukile – Musiker:innen: Daphne Rudolph, Kenny Williams, Siyolise Nyondo, Justin Sasman, Ashlin Grobbelaar, Tsholofelo Tshikare
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