Als langjähriger, erfolgreicher Intendant von Lucerne Festival in der Schweiz hinterlässt Michael Haefliger ein übergroßes Erbe. Wie geht man als Nachfolger damit um? Man kann mit allem brechen oder den Ist-Zustand verwalten. Sebastian Nordmann wählt einen Mittelweg. „Ich wollte einen sanften Übergang und gleichzeitig weiterdenken, weiterentwickeln“, so der gebürtige Kieler auf Nachfrage. Wie äußerte sich das in Nordmanns erster Sommer-Edition in Luzern, und ging das auf?
Sanfter Übergang mit eigenen Akzenten
Der Schlachtruf war nicht zu überhören. Mit Inbrunst blies Marco Blaauw in das riesige Carnyx-Rohr. Dahinter verbirgt sich eine Art keltisches Alpenhorn aus der Eisenzeit mit einem Wildschweinkopf als Schalltrichter, mit dem vermutlich zur Schlacht gerufen wurde. Für die Uraufführung von Liza Lims „Tongue of the Land“ mit dem Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) unter Peter Rundel wurde eigens ein Nachbau des Instruments entworfen. Wie so oft in Lims Schaffen werden auch in diesem Stück kulturelle Herkünfte und Identitäten eruiert.
Das Werk arbeitet mit ritualisierten Gesten. Gleichzeitig stößt der ungezähmte Carnyx-Klang auf einen gezähmten Orchesterklang. Diese Uraufführung passte perfekt zum diesjährigen Lucerne Festival in der Schweiz. Immerhin war es die erste Sommer-Edition des neuen Intendanten Sebastian Nordmann, und da kann ein solcher Schlachtruf nicht schaden. Zudem wurde das neue Werk Lims stilistisch überaus divers gekoppelt mit „über“ des diesjährigen Residenz-Komponisten Mark Andre für Klarinette, Orchester und Live-Elektronik von 2014/15 mit Jörg Widmann als Solisten sowie der „Doctor Atomic Symphony“ von John Adams.
Dieser LFCO-Abend mit Rundel am Pult schlug eine sinnstiftende Brücke zum großen Eröffnungswochenende von Lucerne Festival, und dies in mehrfacher Hinsicht. Da ist das Ritualhafte Lims: Es bildete eine Reibung mit der geradezu epochalen Aufführung von Wolfgang Rihms „Tutuguri“ von 1980/82 mit Jörg Widmann am LFCO-Pult. Bei Rihm hatte Widmann einst Komposition studiert. Nach dem Tod von Rihm wurde er dessen Nachfolger als Leiter der Lucerne Festival Academy.
Mit „Tutuguri“ ist dem damals knapp 30-jährigen Rihm ein Schlüsselwerk des späten 20. Jahrhunderts geglückt. Dieses „Poème dansé“ ist ein riesenhaftes Ritual für großes Orchester, Schlagwerk, Chor vom Tonband und Sprecher. Der Werktitel geht auf ein Gedicht des 1948 verstorbenen französischen Autors Antonin Artaud zurück. Es reflektiert eine Reise zu den indigenen Kulturen in Mexiko. In Luzern hat Michael Engelhardt eine Neuübersetzung des Textes rezitiert.
Die Musik ist ein Urknall, rhythmisch eruptiv und archaisch. Von den jungen LFCO-Musikern wurde das geradezu exemplarisch gelebt. Das Orchester wurde zum Riesenwesen, das atmete und zuckte, keuchte und brüllte. Mit Rihms „Tutuguri“ gastierten Widmann und die LFCO-Truppe Anfang September auch beim Musikfest in Berlin sowie bei der „musica viva“ in München. Dagegen bereicherte die Adams-Sinfonie den besonderen Schwerpunkt der amerikanischen Moderne, der im ersten Jahr von Nordmann in Luzern geboten wurde.
Am Lucerne Festival hat man die amerikanische Moderne noch nie derart komprimiert erlebt wie in diesem Jahr, und dies bereits am Eröffnungs-Wochenende. Bislang gestaltete das Lucerne Festival Orchestra (LFO) in diesem Rahmen vor allem große Werke der Spätromantik. Diesmal leitete Riccardo Chailly als LFO-Chefdirigent die „Cuban Overture“ und das „Concerto in F“ von George Gershwin sowie die frühe Sinfonie Nr. 1 von Charles Ives. Dies wie auch Rihms indirekte Reflexion indigener Kulturen aus Mexiko passte zum diesjährigen Motto „American Dreams“.
Denn es drehte sich nicht einfach alles um den US-amerikanischen Traum, sondern um Träume aller Amerikas. Während Gershwin kubanischen Rumba-Kapellen lauscht oder das klassische Erbe mit Jazz konfrontiert, arbeitet sich der junge Ives in seiner „Ersten“ an der Spätromantik Europas ab. Ein vielfältiges Beziehungsgeflecht wurde da entworfen, wie es sich aktueller und gleichzeitig brisanter nicht denken lässt.
Die USA pflegen gegenwärtig bekanntlich nicht die besten Beziehungen zu ihren Nachbarn wie auch zu ihren Verbündeten in Europa. Rein künstlerisch klafften am ersten Lucerne-Wochenende beim Lucerne Festival Orchestra einige Fragezeichen. Unter Chailly klang das sonst so wunderbare LFO irritierend grob und dynamisch übersteuert. Von den raffinierten Latino-Rhythmen in der „Cuban Overture“ blieb wenig übrig, und im „Concerto in F“ konnte der hellhörige Pianist Frank Dupree nur im Mittelsatz durchdringen.
Hier hatte Klaus Mäkelä beim zweiten Abend am LFO-Pult insgesamt eine glücklichere Hand. Im Violinkonzert op. 14 von Samuel Barber von 1939 gelang es dem diesjährigen Residenz-Künstler Augustin Hadelich, einen packenden Verismus herauszustellen. Die Gestaltung Hadelichs machte hörbar, wie sehr Barber die kommende Kriegskatastrophe vorausahnte. Im „Feuervogel“ von Igor Strawinsky gelangen Mäkelä wiederum einzelne Momente wirkungsvoll. Ein dramaturgisch großer Bogen wollte sich jedoch nicht einstellen. Sein „Feuervogel“ schien überdies vielfach einer spätromantischen Wagner-Welt verpflichtet, was er nicht ist.
Das Fazit: Am großen Eröffnungswochenende hat das LFCO dem LFO buchstäblich die Schau gestohlen. Generell zeigte sich in diesem Jahr die Moderne von ihrer allerbesten Seite. Das galt nicht nur für den stilistisch diversen LFCO-Abend mit Lim, Andre und Adams unter Rundel, sondern auch für eine fesselnde Andre-Matinee mit dem ehemaligen BR-Kontrabassisten Frank Reinecke („iv 18 – Sie fürchteten sich nämlich“) sowie mit Widmann („...selig sind...“). Beim LFO steht hingegen viel auf dem Spiel, nicht zuletzt die Nachfolge von Chailly, der das LFO Ende 2028 verlässt. Der diesjährige Sommer hat offenbart, wie delikat und fragil diese Position ist. Für Nordmann wird diese Personalie die erste große Feuerprobe in Luzern sein.
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