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In Partystimmung: Belshazzar (Robert Murray), Chor der Babylonier Foto: Jan Windszus Photography

In Partystimmung: Belshazzar (Robert Murray), Chor der Babylonier Foto: Jan Windszus Photography

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Sie tanzten und sie schlugen sich. Amen – An der Komischen Oper Berlin spielt Herbert Fritsch mit Händels „Belshazzar“

Vorspann / Teaser

Das hätte alles gehörig schiefgehen können mit diesem Stück zu dieser Zeit, obwohl es angesetzt wurde, als laufende Ereignisse in ihrer ganzen Härte nicht unbedingt so absehbar waren, wie sie sich heute manifestieren. Perser, Juden, Mesopotamier, zerstörte Städte, Glaubensgewissheit, Kriegsgetöse: blutige Spiele von Masse und Macht, ob in alttestamentlichen Zeiten, dem England Mitte des 18. Jahrhunderts oder später. Dass es jüngst an der Komischen Oper nicht schiefging, ist ein Kunstereignis, wenn auch nicht allerersten Ranges, dann aber doch theatralisch überzeugend.

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Frei nach Becketts „Endspiel“ wäre den hie und da regieführenden Nells und Naggs des Musiktheaters Herbert Fritsch so etwas wie ihr Clov, deren gedankliche Tonnenschwere mit linkischem Laufen konterkarierend: Ein ebenso komischer wie wehmütiger Akteur unbeherrschbarer Körperenergien, ein begnadeter Theaterdarsteller, der, wie sein jüngeres Double Wolfram Koch oder einst Dario Fo, ein ganzes Theater notfalls ganz allein darstellen könnte. Daher ist sein Konzept die Probe, freilich nicht ohne zahlreiche Hintergedanken, und seine Inszenierungen, O-Ton: „Anrufungen von Orakeln“, um womöglich den Werken niegehörte Sprüche zu entlocken. Jedenfalls nicht die Sprüche, die immer schon zu vernehmen sein sollten. Wobei wir beim Kernthema von Händels „Belshazzar“ wären: dem Spruch an der Wand mit dem Menetekel für den König und das Land.

Den Sieg der tüchtigen Perser über die lasterhaften Babylonier mit dem Effekt der Befreiung der Juden aus der dortigen Gefangenschaft. Das interpretiert der Prophet Daniel dem König Belshazzar aus der geheimnisvollen Wandschrift nach den Heiligen Schriften, auf die alle sich berufen, Händel wie sein Librettist Jennens, Daniel wie der tüchtige Cyrus. Es steht geschrieben, dass dort geschrieben steht, und so steht es auch in Händels Oratorium geschrieben. Bliebe nur die Frage, wer ist wer, wer gut, wer böse, fürs Ideologische nützlich, fürs Theatralische völlig nutzlos. Das gebiert Kulturkämpfe, die wir auch zur Genüge haben, und genau diese verhindert Fritsch, der hier auch sein eigener Bühnen- und Kostümgestalter ist, mit seinem freien und spielerischen Zugriff auf das eingekürzte Werk, auf die Geschichte, die Zeichen und die Symbole.

Beinahe entscheidend beim Chor der Juden, wo man angesichts des überall anschwellenden Diskursgestanks vor Schreck die Luft anhalten möchte beim Anblick des Dutzend orthodoxer Chassidim, mit Kippa, Hut und herrlich großen Schreitel (Vocalconsort Berlin). Karikaturen, Hetze gar, mag mancher befürchten. Aber nein, es ist Theater, es sind fragende, verschreckte und auch lustige Gestalten, wie sie da im wiegenden Sicilliano Händels ihrem Propheten Daniel spielend folgen, der nicht nur ein Schriftkundiger ist, sondern auch ein ausgefuchster Demagoge und ein trotziges Kind zugleich. Solcherlei spielerische Vielschichtigkeit befreit den Atem.

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Im Wiegeschritt: der Prophet Daniel (Ray Chenez), vom Chor der Juden geschaukelt Foto: Jan Windszus Photography

Im Wiegeschritt: der Prophet Daniel (Ray Chenez), vom Chor der Juden geschaukelt Foto: Jan Windszus Photography

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Wie überhaupt die Inszenierung sich auf keine Seite schlägt, keiner der Gruppen, weder den Persern in ihrem blauen Mao-Drillich, noch den Juden, noch der quietschbunten babylonischen Partytruppe ihre uneingeschränkte Ab- oder Zuneigung oder gar Exzeptionalität gewährt. Allesamt tänzeln sie beinahe unentwegt die gewaltige Treppe auf und ab, wirken zuweilen ratlos, blicken sich öfter slapstickhaft verschreckt über die Schulter oder nach oben, von wo sie alle nichts Gutes befürchten, um dann in trügerischer Erleichterung ihren gewohnten Zuständlichkeiten anheimzufallen: die Perser dem tüchtigen Marschieren, die Babylonier dem tüchtigen Zechen, die Juden dem Zeichendeuten. Statt volkstümlicher Stereotype präsentiert Fritsch indessen mit ungeteilter Sympathie spielerisch parallele Lebensentwürfe, und logischerweise dürfen die geschlagenen und betrauerten Babylonier wieder auferstehen und ins abschließende Amen miteinstimmen. Ein Akt von kultureller Integration und selten zu vernehmen bei Händel-Oratorien.

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Der neue Zar: Cyrus (Susan Zarrabi) wechselt Mao-Drillich gegen das Ornat Foto: Jan Windszus Photography

Der neue Zar: Cyrus (Susan Zarrabi) wechselt Mao-Drillich gegen das Ornat Foto: Jan Windszus Photography

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Der wie gewohnt außerordentlich spielfreudige Chor der Komischen Oper, der sich ab nun wohl die „Chorsolisten“ (?!) institutionell nennen darf, ist dabei mit dem Vocalconsort auch musikalisch ein wirkmächtiger Akteur (Einstudierung: David Cavelius), ein bis ins Individuelle auschoreographierter vielstimmiger Klangkörper. Eindrucksvoller jedenfalls als der andere, das Orchester der Komischen Oper, das einen sehr ordentlichen Händel spielt, wobei bei einer inspirierteren Leitung durch den versierten George Petrou es durchaus auch mehr Außerordentliches hätte sein dürfen, weniger historisch-aufführungspraktische Routine.

Dass all das keine Barockmusik gewesen wäre, wie ein Experte anlässlich der Premiere zu vernehmen war, verschlägt wenig. Deren ganze Spezifika, Koloraturen, Rhetorik, Chorpolyphonie, waren hier nicht das Wichtigste, wofür man mit einem, es muss ja nicht jeder mögen, mitreißenden Spiel entschädigt wurde. Stimmen überschlugen sich zuweilen, verfielen ins Sprechen oder gar wie Daniel beim Prophezeien mal vom Alt ins baritonale Register. Allesamt musikalisch ausgereizte Mittel zum theatralischen Zweck.

Dafür legten auch die Solisten sich nicht schonend ins Zeug, vorneweg Mutter und Sohn, Nitocris und Belshazzar, Soraya Mafi ebenso einnehmend wie zickig, und Robert Murphy mit komödiantischem Schwung. Die angekündigte Erkrankung war dem Cyrus von Susan Zarrabi, auch sonst eine Stütze des Hauses, koloratur- wie spielsicher nicht anzumerken. Ray Chenez’ Daniel strahlte die ganze Verführungskraft eines Infantilerotikers aus. – Wenn das alles keine Barockmusik gewesen sein sollte, dann aber doch Theater mit barockem Drive.

  • „Belshazzar“, Komische Oper Berlin: 03., 05., 19., 25. April und 01., 08. Mai 2026

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