Eine Musical-Uraufführung setzt die längst überfällige Aufarbeitung der Nazi- und Nachkriegskarriere von Hitlers „liebstem Zauberer“ in Szene.
Marcus Günzel als Kalanag, Sybille Lambrich als Gloria und Theodora Linz als Brigitte II. Foto: Lutz Michen
Sinn für Optik, Tempo und Rhythmus: „Simsalabim“ an der Staatsoperette Dresden
Ein Musical voller Magie! Schließlich geht es um das Leben eines Zauberers. Ein Musical aber auch um menschliche Abgründe, denn dieser Zauberer war einerseits Hitlers Lieblings-Magier und konnte andererseits seine Karriere nahezu unbescholten in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit fortsetzen. Welch dramatischer Stoff für Spiel- und Dokumentarfilme!
Es ist jedoch die Staatsoperette Dresden, die sich nun in ihrer Uraufführung „Simsalabim – das magische Leben des Dr. Schreiber“ mit einem Musical an diese heikle Biografie herangewagt hat. Über 80 Jahre nach Kriegsende und immerhin mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Tod dieses Helmut Schreiber, der seit 1916 als der „große“ Kalanag die Menschen be- und verzauberte. Erst das 2021 erschienene Buch „Der große Kalanag. Wie Hitlers Zauberer die Vergangenheit verschwinden ließ und die Welt eroberte“ von Malte Herwig holte dieses dunkle Kapitel deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte wieder ans Licht. Als Kathrin Kondaurow, Intendantin der Staatsoperette Dresden, darauf aufmerksam wurde, reifte in ihr sofort der Gedanke, daraus ein Musical für ihr Haus erstellen zu lassen. Mit der Komponistin Elena Kats-Chernin sowie den Autoren Dirk Laucke (Buch) und Martin G. Berger (Liedtexte) fand sie ein erfahrenes Kreativteam für die Realisierung dieses aufwendigen Vorhabens. Finanziert werden konnte es nur durch rechtzeitige und über drei Spielzeiten gestreckte Rücklagen für die Produktionskosten.
„Ich brauch’ die Magie“
Musical geht natürlich nicht ohne Magie. An der Staatsoperette soll Abend für Abend verzaubert, mit jeder Operette und jedem Musical betört werden. Nun aber mit einem wahrhaftigen Zauberstück, das zudem auf reale Hintergründe verweist. Kathrin Kondaurow verrät, wie es dazu gekommen ist: „Ich habe schon seit Jahren nach dem Stoff für eine Uraufführung gesucht, wollte etwas finden, das es so noch nie gab. Aber das ist gar nicht so einfach, weil wir als auf Unterhaltungstheater spezialisiertes Haus dieses Genre natürlich auch bedienen wollen. Und so war ich sehr froh, als ich auf diesen Stoff rund um den Magier Helmut Schreiber gestoßen bin, der ja als der ‚Große Kalanag‘ in die Geschichte der Magierpersönlichkeiten eingegangen ist.“
Diese historische Figur steht im Mittelpunkt der knapp dreistündigen Produktion; eine schillernde Figur, die sich auf der Bühne ebenso wie im Propagandafilm dem Hitler-Regime angedient hat und ihre Karriere trotz Präsidentschaft des Magischen Zirkels, der 1936 nicht etwa aufgelöst, sondern der „Reichskulturkammer“ angegliedert wurde und jüdische Mitglieder „entfernte“, in der jungen Bundesrepublik nahezu unbescholten fortsetzen konnte. „Als wir uns diesem Stoff genähert haben“, so Kathrin Kondaurow, „war es von Anfang an wichtig, auch dieser politischen Ebene und diesem chamäleonhaften Durchschlingern durch die Zeiten und Welten von Helmut Schreiber Raum zu geben.“
Schreiber, eben noch Hitlers „liebster Zauberer“, hatte seine Nazivergangenheit einfach weggezaubert. Der U.S.-Amerikaner Michael Ellis Ingram, Chefdirigent des Staatsoperetten-Orchesters, bringt es so auf den Punkt: „Ein großer Künstler, aber eine richtig fiese Persönlichkeit auf moralischer Ebene.“
Ein Antiheld
Das Auftragswerk buchstabiert sich geschickt durch die Biografie dieses Dr. Helmut Schreiber (der übrigens nie einen Doktortitel gehabt hat), lebt von dessen Suggestionskraft und seinem Vermögen, andere Menschen zu faszinieren. Bei den Eltern in der schwäbischen Provinz gelingt das noch nicht, der Junge soll halt was Anständiges lernen. Doch schon als Halbwüchsiger tritt er vor verwundeten Weltkriegs-Kämpfern auf und sucht wenig später die Nähe zum Magischen Zirkel.
Das wird auf der Bühne in kurzen Situationen gezeigt, wobei anfangs durch die Zeitebenen gesprungen wird und ein Chor von Trümmerfrauen schon mal die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg besingt, in der es sich vermeintlich „ausgehitlert“ hat. Nach einem musikalisch eher zähen Start reflektieren biografische Stationen aus Privat- und Berufsleben Schreibers dessen bezwingenden, zunehmend egomanen Charakter. Die erste Frau wird mit einem unehelichen Kind sitzengelassen, der beste Freund und Geschäftspartner Max aufgrund seiner jüdischen Herkunft eiskalt ausgebootet.
Bis dahin wird dem Ensemble musikalisch zunehmend Schwung verliehen, kommt schmissiger Sound aus dem Graben und werden Charleston-Aklänge geliefert. Der immer wieder mal anklingende „Simsalabim“-Titelsong gerät zum Ohrwurm und kurz vor der Pause bekommt das Spektakel ergreifende Tiefe: Dr. Schreiber alias Kalanag hat sich dem Nazi-Regime angedienert, posiert vor einem roten Fahnenmeer, während Klezmer-Zitate in einem kakofonischen Klangmix untergehen.
Wirtschaftswunder, blind und blendend
Voller Elan geht es in die Nachkriegszeit der Wirtschaftswunder, schert sich kaum noch wer um die Tausendjährige Vergangenheit. Die aufgrund der hingeschlachteten Massen von Männern auf sich gestellten Frauen besingen ihre neue Freiheit – was für die Fünfzigerjahre eine fatale Fehleinschätzung darstellt, wie wenig später mit trauriger Einsicht klargestellt wird. Zuvor gibt es Tanz auf einem knallgelben Austin-Healey „Frogeye“, knüpft Schreiber als großer Magier mit gewaltigem Pomp an früheres Blendwerk an, geht auf Tournee nach Übersee, bis ihn das Fernsehen ruft. Dort hat er nicht lange Erfolg, die Zeit verlangt nach einem anderen Takt. Bevor er sein Lebenswerk zerbröseln sieht, lässt er die Täuschungskünste noch einmal zu Hochform auflaufen. Die antisemitischen Filme? – Man musste doch von irgendwas leben! Der um seine Anteile geprellte Max? – Soll sich mal nicht so haben! Sein Parteiabzeichen der N.S.D.A.P.? – War nur das Emblem des Magischen Zirkels!
„Was hätten Sie getan?“
Auch im engsten Umfeld der Familie wird klar, wie rücksichtslos Helmut Schreiber seine Karriere aufgebaut und sich auf Kosten anderer bereichert hat. Die Ehefrau und langjährige Bühnenpartnerin, der er so viel zu verdanken hätte, wird mit der nie zuvor erwähnten und inzwischen erwachsenen Tochter konfrontiert. Zum Schluss kündigt sogar die jahrelang treu dienende Sekretärin. Der Kalanag bleibt als Häufchen Elend zurück. Und selbst in solch auswegloser Situation gelingt diesem Ver-Führer noch ein Coup, indem er sich zum großen Finale ans Publikum wendet: „Was hätten Sie getan?“ und zynisch antwortet: „Sie würden’s nie tun.“
Da ist dieses Musical längst im Hier und Heute angelangt. Magie mit Abgründen also, die an „Ich bin doch nur ein Künstler“ aus Klaus Manns „Mephisto“ erinnern, von István Szabó 1981 so kongenial verfilmt. „Simsalabim – das magische Leben des Dr. Schreiber“ hat andere Potentiale, lebt von farbenreicher Musik, die das Orchester der Staatsoperette kongenial umsetzt, verkraftet die teils dümmelnden Reime der Liedtexte, funktioniert aber sehr gut mit den rasanten, nie hektischen Szenen, für die Jelena Nagorni stimmige Bühnenbilder schuf, in denen Tanja Liebermanns Kostüme für reichlich Glimmer sorgten.
Der Schauspieler Matthias Reichwald, Chefregisseur der Staatsoperette, inszenierte mit Sinn für Optik, Tempo und Rhythmus, was Choreograf Gebriel Pitoni bestens ergänzte. Doch kein Musical funktioniert ohne Solisten und Ensembles: Orchester, Chor, Kinderchor und Ballett gaben dem Ganzen Drive, während Marcus Günzel als Dr. Schreiber fast den ganzen Abend über im Mittelpunkt stand, energiegeladen dessen Ego ausstellte, Zaubertricks vorführte, sang, spielte und singend, spielend endlos Energie ausströmte – er durfte nach rund drei Stunden sichtlich erschöpft heftigen Beifall empfangen. Der galt natürlich auch seinen teils in Doppel- und Mehrfachpartien agierenden Kolleginnen und Kollegen, insbesondere Sybille Lambrich als Kalangs Ehe- und Bühnenpartnerin Anneliese (später Gloria) sowie Gero Wendorff als Freund und Ex-Freund Max.
- Termine: 16., 17., 23. und 24. Mai, 6., 7., 18., 19. und 27. Juni
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