Eine „Erinnerungsarbeit der besonderen Art“ sieht unser Kritiker Joachim Lange in David Hermanns Inszenierung von Korngolds Jugendwerk. Die Musik macht süchtig.
„Violanta“ von Erich Wolfgang Korngold, Regie: David Hermann, Premiere am 25.1.2026. Foto: © Marcus Lieberenz
Süchtigmachende Ausgrabung: Erich Wolfgang Korngolds „Violanta“ an der Deutschen Oper Berlin
Die Musik von Erich Wolfgang Korngold macht süchtig. Mehr noch als die von Richard Strauss, wobei deren Kenntnis einen guten Zugang eröffnet. Die Rezeptionsgeschichte hat es gefügt, dass vor allem die Opern von Strauss und ihre Raffinesse zum Referenzmaßstab geworden sind, an dem auch Korngold gemessen wird. Ein Das-klingt-wie-Strauss geht einem leichter über die Lippen, als ein Das-klingt-wie-Korngold (bezogen auf Strauss). Der Rassenwahn der Nazis, der jüdische Komponisten und ihre Werke aus dem Land und dem Gedächtnis vertrieb, hatte auch nach dem Ende des braunen Spuks seine Nachwirkungen. Strauss machte, wenn auch mit wachsender Hinwendung zum politisch Unverbindlichen, in Deutschland einfach weiter. Während für Korngold mit seiner Flucht in die USA sozusagen die Opernkarriere erledigt war. Dass er bei der Filmmusik in seiner Exilheimat Erfolg hatte, ist nicht wirklich verwunderlich, wenn man das melodisch Einschmeichelnde bedenkt, das in seinen Kompositionen immer wieder aufblitzt und sofort, quasi voraussetzungslos, aufgesogen werden kann.
Auf jeden Fall ist es per se ein Verdienst der Deutschen Oper Berlin und ihres bald scheidenden GMD Sir Donald Runnicles , dass sie jetzt „Violanta“ ausgegraben haben. In dem vom Weißen-Rössl-Librettisten Hans Müller-Einingen verfassten Text geht es (wie später auch bei „Heliane“) um das Gefühlsleben einer Frau. Verortet ist die Geschichte im Venedig der Renaissance zur Zeit des Karnevals. Das Gefühlsleben der Frau wird von einer Verbindung aus tiefem Hass und erotischer Anziehung zu einem Mann blockiert, der für den Selbstmord ihrer Schwester verantwortlich ist. Sie löst sich aus dieser Erstarrung, als sie während des Karnevals diesem Prinzen Alfonso begegnet und in ihr Haus lockt. Dort soll ihr Ehemann ihn ermorden, wenn die beiden ein bestimmtes Lied anstimmen. Als es zu der Begegnung kommt, wird im Gespräch der beiden eine Schicht der belastenden Erinnerung nach der anderen abgetragen. Als sich Violanta eingesteht, dass sie den Mann nicht nur hasst, sondern auch liebt, und versucht, den Mord zu verhindern, wird sie selbst das Opfer ihrer Intrigen. Jedenfalls in der Vorlage.
David Hermann (Regie), Jo Schramm (Bühne und Video) und Sybille Wallum (Kostüme) verlegen die Geschichte von Venedig auf eine abstrakte Bühnenscheibe. Aus der Mitte dieser Scheibe schrauben sich bei der Erinnerungsarbeit der besonderen Art verschiedene Räume nach oben, durch die die beiden gehen. Das Therapiegespräch wird damit nicht nur in eine räumliche Gestalt übersetzt. In der Logik dieses Ansatzes wird Prinz Alfonso zu einem äußerlich eher nüchternen Therapeuten. Das Ergebnis dieser Zimmerwanderung bzw. Sitzung ist auch nicht tödlich, sondern die Trennung Violantas von ihrem Mann Simone und die Besinnung auf sich selbst.
Die Musik ist auch in diesem Jugendwerk schon als ein echter Korngold erkennbar, mit Bezügen, auf das, was von ihm noch folgte, aber auch mit diversen Anspielungen auf seine inspirierenden Vorgänger und Zeitgenossen.
Die fordernde Tenorpartie des Alfonso bewältigt der Lette Mihail Culpajevs souverän und mit Kondition. Laura Wilde steigert sich mit wachsender Emphase in die Gefühlsaufwallungen der Violanta hinein, auch wenn sich das noch volumenreicher denken ließe. Ólafur Sigurdarson charakterisiert Simone, als Verlierer dieser Traumabewältigung, mit einnehmender Empathie. Neben diesen Hauptpartien profilieren sich vor allem Stephanie Wake-Edwards mit Mezzowärme als Violantas Amme Barbara sowie der Tenor Andrei Danilov als der in Violanta verliebte Matteo.
Nach dem Geniestreich mit der Inszenierung des „Wunders der Helinane“ von Christof Loy glänzt das Haus an der Bismarckstraße jetzt auch mit der Ausgrabung dieser frühen Korngold-Oper!
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