Wie Berlin war Madrid in den Goldenen 1920ern ein begehrter Hotspot des Nachtlebens und queeres Mekka. Am Abend des 12. Mai 1923 gab es dort neben der Uraufführung von Pablo Lunas Zarzuela „Benamor“ um die Gran Via an die 80 Musiktheater-, Unterhaltungs- und Kino-Veranstaltungen. „Die Grenze zwischen Anstand und Tabubruch verschwamm“, schwärmt der Dramaturg und Zarzuela-Forscher Enrique Majias García im Programmheft. Ein Idol dieser Zeit war Esperanza Iris, die „Königin der Operette“ aus Mexiko, welche für sich die Titelpartie von „Banamor“ bei Antonio Paso und Ricardo González del Toro beauftragte. Der Erfolg brachte sofort eine Erfolgskette in Madrid, auf Tournee und in Spanien bis heute. Jetzt auch im Theater an der Wien. Die Liebe des Regisseurs Christof Loy zur Gattung, Zarzuela-Legende Milagros Martin und das bis in die kleinsten Aufgaben wunderbare Ensemble produzieren Musiktheater-Viagra für alle!
Eine Gruppe von jungen Frauen in langen Kleidern und Kopfbedeckung aus weißen Federn formiert sich vor einem Hintergrund aus Palmen und Säulen. © Monika Rittershaus
Theater an der Wien feiert bravourös Pablo Lunas Zarzuela „Benamor“
Dank sei Christof Loy, der auf seiner Suche nach markant-relevantem Repertoire endlich auf die Zarzuela kam! „El barberillo de Lavapiés“ in Basel in seiner Inszenierung war Nummer eins, „Benamor“ im Theater an der Wien seit 23. Januar ist Nummer Zwei und „ El Gato Montés“ am Teatro de la Zarzuela in Madrid folgt bald. Also analoge Stücke zu den Standardmustern Singspiel, Revueoperette und Verismo-Drama. Aber die Zarzuela ist weit mehr mehr als eine Gattung: Sie vereint alle Genres und spricht zu allen Herzen. Nicht umsonst heißt in „Benamor“ der Sklaven- und Drogenhändler Babilon. Er ist hier durch Joselu Lopez ein unwiderstehlich drahtiges Energiebündel mit blitzenden Augen und Zähnen.
Im deutschsprachigen Mitteleuropa herrscht da dringlichster Informations- und Nachholbedarf. Es gab in den letzten Jahrzehnten vereinzelte Zarzuela-Erfolge wie „La generala“ mit Edith Lienbacher und Elisabeth Kulman an der Volksoper Wien (2002) oder „Luisa Fernanda“ am Theater Nordhausen (2016). Die Beifallsrufe aber blieben ungehört, die Zarzuela hierzulande also ein Exot. Sträflich!
Auch im Theater an der Wien gibt es jauchzende Begeisterung, Glücksgefühle und lautes Lachen bis stilles Schmunzeln. „Benamor“ ist burlesk bis zum Äußersten: Um das Leben ihrer Kinder zu retten, musste Sultanin Pantea von Isfahan deren geschlechtliche Identität ummodeln und öffentlich verbergen. Demzufolge ist der junge Sultan Dario in Wahrheit eine Frau und umgekehrt Prinzessin Benamor ein Mann. Beiden dämmert als jungen Erwachsenen, dass etwas nicht stimmt. Dario hat unterm schmucken Federturban eine unerklärlich mädchenhafte Scheu, Banamor trägt unterm Rock Husarenstiefel. Schließlich klärt sich alles auf und alle werden glücklich – egal ob straight oder queer. Mit iberischer Lockerheit und sonniger Musik, nach der sich Mitteleuropäer sehnen.
Zwei junge Frauen tanzen miteinander. Eine der beiden lehnt sich nach hinten und wird von der anderen Frau gehalten. © Monika Rittershaus
Premiumqualität gelingt in Wien rundum. José Miguel Pérez-Sierra lehrte dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien die passgenaue Lockerheit. Der szenisch immer raffiniertere Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner) setzt als Odalisken und die für erotische Hilfeleistungen willfährige Wachmannschaft frivole bis verschmitzt chauvinistische Glanzlichter. Das Tanzensemble (Choreografie: Javier Pérez) ist erstklassig, die Spiellaune aller sowieso. Nur eine Mogelpackung bleibt: Im Prolog fordern Milagros Martin, seit 40 Jahren eine Zarzuela-Legende Spaniens, als Sultana Pantea und Francisco J. Sanchez als Wachhauptmann Alifafe zu Beifall und Da-Capo-Rufen auf. Wenn dann aber die Wiederholungsforderungen aus dem Saal sprühen, hört auf der Bühne leider niemand darauf. Dabei ist die Hit-Dichte in diesem Teil von Pablo Lunas „Orientalischer Trilogie“ besonders hoch.
Hier zischt der „Paso del Camello“ (Kamel-Tanz) mit Babilon und seiner zur Domina präparierten Handelsware Nitetis (Sofia Esparza) zündender ab als Eduard Künnekes Batavia-Fox. Die chevalereske Frauenhymne des ibero-sizilianischen Hasardeurs Juan de Leon kommt weitaus respektierender daher als Lehárs „sogenannter „Weibermarsch“. Sogar wer schon im Teatro de la Zarzuela Madrid war, fällt im mit der „Fledermaus“ zum Strauß-Jubiläum nur halb erfolgreichen Theater an der Wien von einem bewundernden Staunen ins nächste: Loy übernimmt originäre Spiel- und Spaßtraditionen, hat enorm an den Dialogen geschliffen und insgesamt auf seine einmalig feine Art geputzt – mit Respekt vor den Frivolen, dem Queeren und Allzu-Menschlichen. Auf der Bühne liefern Zarzuela-Routiniers und -Noviz*innen ein hedonistisches wie liebevolles Feuerwerk von brillanten Pointen, nachsichtigem Leichtsinn und echtem Gefühl. An solchen Spielformen übte sich sogar der junge Pedro Almodóvar.
Die karnevalisierende Kunst schlägt damit der katholischen Moral mehr als ein Schnippchen
In einem geht die österreichische Erstaufführung sogar noch einen Schritt weiter als die Premierennacht 1923. Marina Mónzo, die in Wien mit veritablen Carmen- und Macho-Attitüden einen Traumkerl im Rock modelliert, ist binärer Mezzosopran. Die Partie seiner Schwester in der Funktion des Sultans Darío (in der Uraufführung dargestellt von der mexikanischen Stummfilm-Aktrice Mimí Derba), verkörpert der Sopranist Federico Fiorio mit Idealdisposition wie für den „Rosenkavalier“. Denn wer nicht in die Besetzung schaut, braucht idealerweise ziemlich lange zum Identitätencheck. Ein Blick auf frühere „Benamor“-Inszenierungen wie die des Teatro de la Zarzuela 2023 belegt, dass „parfümierte Partien“ mit Attraktivitätsmagnetismus unter Männern seit Langem eine Zarzuela-Spezialität sind. Vor und nach dem Franco-Regime gehörten solche gesellschaftsfähigen Schwuchteleien zur Zarzuela wie das Theater auf dem Theater in „El duo de la africana“ und Travestien wie „La corte de Faráon“. Die karnevalisierende Kunst schlägt damit der katholischen Moral mehr als ein Schnippchen. Etwas ist bei Loy freilich anders als in der regionalen Zarzuela-Tradition – nicht nur, dass der Blumenprinz Jacinto de Florella (wunderbar: César Arrieta) und der afghanische Schlächter Rajah-Tabla (sympathisch: Alejandro Baliñas Vieites) sich gegenseitig Knutschflecken setzen.
Zwei junge Frauen und zwei jungen Männer sitzen am Boden eng beieinander. Im Hintergrund sitzen und liegen weitere Personen am Boden. © Monika Rittershaus
Loys mit erlesener Ironie bis realistisch arbeitender Bühnenbildner Herbert Murauer und die Kostüme von Barbara Drosihn entblättern Pablo Lunas erotische Satire sehr frei nach „1001 Nacht“ von Akt zu Akt mehr. Auf den Chaos-Tag im Sultanspalast von Isfahan folgt Straßenleben mit Wohnwagen, aber ohne Basar. Zuletzt sind alle in schwarzen Trikots – Tabula rasa also bei der Partnerwahl ohne geschlechtliche Normierung. Über alles triumphiert Juan de Leons Frauenpreislied: David Oller singt es mit Degen und viriler Verve. Ein Wiedersehen gibt es mit David Alegret als Großwesir Abedul, vor 20 Jahren war er in Loys Inszenierung von „Der Türke in Italien“ für Hamburg und München der umschwärmte Narciso. Hier wird der Großwesir nach intimen Frauenkontakten immer kurzzeitig taub. Und Abedul hat viele Frauenkontakte … Nur die bildschöne Odaliske Calchemira (Nuria Perez) muss unverständlicherweise lange warten.
Es gäbe noch mehr lebenswahre Details. Nach Wien fahren und anschauen sollte frau/mann das schon selbst. Möglich bis 7. Februar.
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