Jemand musste Lydia Steier ein Buch geschenkt haben. Im Laufe der Zeiten wurden es dann immer mehr und mehr, und als sie beschlossen zu haben schien, das Gelesene auf der Bühne nachzustellen, da konnte wegen der unüberschaubaren Fülle der Lesefrüchte anscheinend wohl nur noch Google helfen. Einfach die Suchbegriffe eingeben, und dann, es findet sich immer etwas, die Trefferlisten nach Bildern und Texten durchgehen, die was hergeben. Etwa zu Faschismus, Jungfräulichkeitskult, Androkratie, Rom undsoweiter. Zusammen mit dann noch einem letzten Buch, Margaret Atwoods „Der Report der Magd“, ergibt sich das dann frauenverachtende und -vernichtende Panoptikum, als welches wir die Welt der letzten Jahrtausende kennenlernen konnten. Ganz richtig alles. Ganz schlechtes Musiktheater aber auch. Für PowerPoint-Präsentationen in Times New Roman mit Videoeinspielern und eingewobenem Enacting braucht es nämlich kein Opernhaus. Was genau aber zu sehen war an der Berliner Lindenoper anlässlich der Premiere von Gaspare Spontinis „La Vestale“, dieser 1807 uraufgeführten Festoper für Kaiserin Joséphine und ihren Napoleon, die, während in Cherubinis „Medée“ die Revolution ihre Kinder noch fraß, sie nunmehr im klassizistischen Faltenwurf miteinander verheiratet.
Zur rechten Zeit um einen guten Spruch nicht verlegen. Foto: Stephan Rabold
Times New Roman ‑ Spontinis „La Vestale“ an der Staatsoper Unter den Linden
Nach Umwegen oder Prüfungen nämlich die Vesta-Priesterin Julia und ihren Licinus: Gegen das Keuschheitsgelübde verstoßend, liebt sie den siegreich zurückkehrenden Feldherrn, beide versündigen sich somit am Staatskult, worauf dessen ewige Flamme im Tempel erlischt und beide, der die Reproduktion bedürftige Staat und der die Reproduktion steuernde Kult, die Liebenden zum Tode verdammen. Die Staats- und/oder Theatergötter entfachen allerdings mit Donner und Blitz die Flamme abermals, und das Feuer der Liebe darf im kultlos profanen Ehehimmel des Code Napoléon fortpflanzungstechnisch weiterglimmen. Roma aeterna à la France profonde. Ganz richtig alles. Ganz schlechtes Musiktheater aber auch, denn Lydia Steier hat sich leider nicht auf einen Google-Treffer konzentriert und ihn mit dem ganzen Aufwand der Staatsoper musiktheatralisch herausgearbeitet. So etwa, was ihr einer der besseren Texte im Programmbuch auch riet, die geschiedene Gräfin Joséphine Beauharnais, Spontinis Patronin und Napoleons 1809 verstoßene Kaiserin; den ersehnten Thronfolger, Napoleon Franz, „schenkte“ ihm dann 1811 Marie-Louise von Österreich. Sein Titel: König von Rom.
Führer- und Mädchenkult im alten wie im neuen Rom: Sonya Yoncheva (Julia), Siyabonga Maqungo (Cinna), David Butt Philip (Licinus), Adrian Sâmpetrean (Pontifex), Marina Prudenskaya (Oberpriesterin) Foto: Stephan Rabold
Aber nein, Lydia Steier wollte augenscheinlich die ganze Trefferliste abarbeiten und alles präsentieren, was diese an Bildern und Texten hergab. Imperiale Lorbeerkränze, puritanische Mädchenorden, italofaschistischen Pomp, klerikale Kapuzenknechte, Breeches und Maschinenpistolen… Alles jedoch nur hochgehaltene Zeichen und Symbole, damit man zu verstehen hat, was man sieht, was sich aber aufgrund der Abwesenheit von Personenregie und authentischer musikteatralischer Aktion schlechterdings nicht einstellt. Und so müssen MG-Salven, Schläge, Peitschenhiebe, die ständigen Püffe und Knüffe für die inflationären Seufzer, das Stöhnen und die Schreie sorgen, mit denen Glaubwürdigkeit erzeugt werden soll. Bodenlos allerdings der Triumphzug des Licinus im ersten Akt, an dem neben den gefallenen Helden vorbeidefiliert werden Bücher, die verbrannt werden, Männer, die gehäutet werden und Mädchen, die vergast werden. Beschämend, mit was für einem Opfer die schiere Einfallslosigkeit erkauft wurde.
Und so lief es auch auf Rampensingen, Händeringen und die üblichen Auf- und Abgänge hinaus, inmitten derer sich das gesangsstilistisch geforderte Paar seinem Renommee entsprechend beachtlich schlug: Sonya Yoncheva als Julia und David Butt Philip als Licinus. Trotz ihrer klischeehaften Zeichnung als Oberpriesterin, imponierte Marina Prudenskaya diesmal allein durch stimmliche Präsenz und Persönlichkeit. Siyabonga Maqungo war ein lichter Cinna, Adrian Sâmpetrean ein finsterer Pontifex.
Zu allem dekorativen Überfluss kam jedoch noch, dass die Staatskapelle, im neuerdings abermals beschworenen Exzellenzcluster Unter den Linden quasi die edle Tontraube, diesmal leicht sauer aufstieß. Unter dem wenig inspirierten Routinier Carlo Rizzi, ansonsten jedoch stets eine sichere Bank, begleitete das Orchester brav bis fad, mit – hat es das jemals gegeben? – verblüffend unsicheren Hörnern, und ohnehin zu dünn besetzt für den ebenso zum Klangfarblichen wie zum Muskulösen neigenden Empire-Sound Spontinis. Coups wie die Banda, das Finale I, Blitz- und Donnerschläge, Chortableaus, sie verpufften, wie auch überhaupt kein Schwung, keine Spannung, die nicht überaus komplexen, aber sorgfältig differenzierten Finali zusammenhielt. Zwischen den einzelnen Teilen, Arioso, Accompagnato, Duett, Ensemble, Chor, gähnte es kraftlos. Dabei war Spontini einst berüchtigt für den nahezu militärischen Overdrive seiner Aktschlüsse.
In den nun drei Spielzeiten von Intendantin Elisabeth Sobotka, die auch bisher inhaltlich-programmatisch nicht wirklich exzellierte, ist diese Vestalin eine absolute Minderleistung – auch und vor allem im Vergleich zu den ambitionierten Eröffnungspremieren der beiden anderen, angeblich nicht ganz so exzellenten Berliner Opernhäuser jüngstens. Aber dennoch, so steht es zu befürchten, sind Unter den Linden weitere Lesarten von Lydia Steier zu erwarten.
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