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v.l.n.r.: Anna Danik (La Sphinge), Paul Gay (Œdipe). © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

v.l.n.r.: Anna Danik (La Sphinge), Paul Gay (Œdipe).

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Töne für den blinden Geist – Die neue Intendantin eröffnet mit George Enescus „Œdipe“ im Bregenzer Festspielhaus

Vorspann / Teaser

Aus dem zahlreichen Zitatenschatz zu menschlicher Blindheit ragt eines heraus: „Sehr blind ist man, wenn man sich selbst nicht als voll von Dünkel, Ehrgeiz, Begierden, Schwäche, Elend und Ungerechtigkeit erkennt.“ Das stammt nicht etwa aus einem vernichtenden Kommentar zu unserem derzeitigen Politik-Personal weltweit. So schlicht und klar hat dies Blaise Pascal (1623–1662) formuliert. Viel davon trifft auch auf die klassisch exemplarischen Tragödien eines Sophokles, speziell seine Werke um Ödipus zu.

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Doch in Bregenz gab es zunächst andere Neuigkeiten. Die neue Festspielintendantin, die Finnin Lilli Paasikivi, vereint die Erfahrungen als erfolgreiche Mezzosopranistin mit Jahren der Operndirektion in Helsinki. Sie behält die Bregenzer Besonderheit bei: auf der Seebühne die Wiederholung der populären „Freischütz“-Umdeutung des Vorjahres (vgl. nmz online vom 18.07.2024), doch daneben im Festspielhaus eine Neuinszenierung, die Rarität, eine Art „Opern-Orchidee“.

„Wir sind mit sehenden Augen blind“ könnte über dem 1936 erfolgreich in Paris uraufgeführten Musikdrama George Enescus stehen. Parallel zum Sieg des Faschismus in Europa gestaltete er, den Tragödien Sophokles’ folgend, den blutigen Weg des dem Unrecht des Vaters und dem daraus folgenden Götterurteil nicht entkommenden Ödipus: Flucht vor dem Götterspruch; Erschlagen des eigenen Vaters; Bezwingen der furchtbaren Sphinx; Aufstieg zum glänzend selbstgefälligen König; unwissende Heirat der eigenen Mutter; einsetzender Verfall des Staates in Form der „Pest“; quälende Selbsterforschung bis zur Entlarvung eigener Schuld; Einsehen allen Unrechts – woraufhin sich Ödipus selbst blendet. 

Das hat Enescu parallel zur griechischen Überlieferung in drei Akten musikdramatisch gestaltet. Er wollte aber auch den Weg aus menschlicher „Blindheit“ zeigen: demütige Schuldanerkennung, Verzicht auf „Größe“, Annahme der eigenen Begrenztheit – und damit Möglichkeit eines erlöst friedlichen Lebensendes in der ewigen Natur, einem heiligen Wald – alles in einem ganz dem Stil der französischen „Tragédie lyrique“ verhafteten vierten Akt.

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mittig: Paul Gay (Œdipe). © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

mittig: Paul Gay (Œdipe). © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann 

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All das könnte ein kalt entlarvender Spiegel sein: mit dem Auftrumpfen unserer „Masters of the Universe“, dem Scheitern einer humanen Weltpolitik, einer noch möglichen Zurücknahme unserer Maßlosigkeiten … Maß und Bescheidenheit und Begrenzung ohne die verlogen beschworene „Rückkehr in die Höhle“.

Doch der inzwischen ja Opern-erfahrene, renommierte Schauspielregisseur Andreas Kriegenburg entschied sich mit Bühnenbildner Harald B. Thor für „künstlerische Überhöhung“. Beide ordneten den Akten „Elemente“ zu: rotes Feuer, weiß-blaues Wasser, schwarzgraue Asche, naturbraunes Holz. Leider blieb dies eher „künstlich“, ohne Erkenntnisgewinn. Einige gute Bildwirkungen gelangen: am stärksten beim tatsächlich undurchschaubar weißen Bühnennebel für Ödipus’ unwissentlichen Vatermord an der Wegkreuzung; dieser Nebel wandelte sich dann in utopisches Blau für den anfangs phantastisch ausgeleuchteten Auftritt einer Raubvogel-Sphinx – bedauerlich, dass hier nur Andreas Grüters Lichtregie beeindruckte, während die weltberühmte Bregenzer Akustik-Mannschaft nicht zauberte: vokal blieb Anna Daniks Sphinx zu kleinformatig. Hier, mit Ödipus‘ genießerischem Aufstieg zum Helden-König und auch weiter weitete sich Kriegenburgs Inszenierung insgesamt nicht zum großen Gleichnis. Der Satz „Vor lauter Alles sehen wir nichts mehr“ des Aphoristikers Walter Ludin wurde nicht visualisiert.

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hinten: Paul Gay (Œdipe), vorne: Iris Candelaria (Antigone). © Thomas Bruner

hinten: Paul Gay (Œdipe), vorne: Iris Candelaria (Antigone). © Thomas Bruner 

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Musikdramatisch konnte dagegen Hannu Lintu, der Chefdirigent der Helsinki-Oper, mit den groß besetzten Wiener Symphonikern beeindrucken. Er ließ hören, dass die oft etwas mit „parfümiert“ abqualifizierte Komposition Enescus sehr wohl dramatisch und aufschäumend heftig die Handlung stützt. Dem großen, mit differenzierten Einzelstimmen aufgewerteten „Volk“ kommt eine prägende Rolle zu – Bravo dem Prager Philharmonischen Chor, Einstudierung: Lukáš Vasilek. Im Kontrast setzen Saxophon, Flötenvielfalt, eine Singende Säge und umfangreiches Schlagwerk Akzente, so dass dann andererseits Streicher und warme Cello-Klänge selbst für Ödipus (in Scheitern und Blindheit dann groß: Bariton Paul Gay) und die liebende Gemahlin-Mutter (expressiv Marina Prudenskaja) anrührten. Auch die tapfer beim blinden Vater bleibende Antigone gewann Kontur (jugendlich prägnant Iris Candelaria). Aus der durchweg guten übrigen Besetzung mit vielen dunklen Stimmen ragte der beobachtende Zeuge Phorbas von Vazgan Gazaryan heraus. 

Doch insgesamt war ein Werk zu erleben, das nach „Kürzungen“ – etwa der Tänze - klingt und unbedingt einen entschiedeneren Regie-Zugriff braucht. Dennoch einhelliger Beifall für eine künftig womöglich beeindruckend zu aktualisierende Problematik. Denn es muss doch erschrecken, wenn der Satz „Wir sind mit sehenden Augen blind“ gilt – er stammt aus Hartmann von Aues „Iwein“ von etwa 1200 …

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