In eine Bilddatenbank über das Musiktheater der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, derjeniger Jahre mithin, denen die großzügig bürgerliche, heute städtebaulich übelst vernachlässigte Architektur der Deutschen Oper Berlin einen ästhetischen Modernitätsschub verpasste, in eine solche gehört der Vollständigkeit halber die deutsche Spieloper, vor allem Lortzings „Zar und Zimmermann“, als Akt und Ausweis der wiedererrungenen Gemütlichkeit:
ZAR UND ZIMMERMANN, Regie: Martin Berger, Premiere 20. Juni 2026 Deutsche Oper Berlin. Foto: © Thomas Aurin
In transkaukasischen Gefilden zwischen Nord- und Ostsee – Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Deutschen Oper Berlin
Wirtschaftswunderland-Biedermeier mit Allongeperücken, Goudameisjes und Holzschuhen sowie dem Wunsch nach einem, dem problematischen Viermächtestatus sei’s gedankt, „aufgeklärten“ Russenherrscher. All das nebst Lufthansa-Cocktail, Opel Kapitän, Handelsgold Fehlfarben-Zigarren und dergleichen. Womöglich also wenig überraschend, dass in unübersichtlicheren Zeiten der künstlerische Blick gelegentlich zurückwandert zu vermeintlich überschaubaren Zeitläuften und so entdeckt, was auch einmal war. Mitunter die deutsche Spieloper und eben „Zar und Zimmermann“, an deren letzte Aufführung an der Deutschen Oper sich die letzte Generation gar nicht und die vorletzte nur sehr schwach erinnern können. Ein Fall vorderhand wie geschaffen für den dem Schweren eher abholden Martin G. Berger, der als spielerischer Regisseur seine Vorlagen immer wieder gerne aktuell umdeutet und -dichtet. Vorderhand.
Des aufgeklärten Zaren Peter des Großen Aufenthalt in Holland zwecks Einsicht ins holländische Schiffsbauhandwerk, inklusive intermittierender Verwechslungskomödie und Tändelei, verlegt Berger ins Heute sowie dessen Zarenreich ins „Volkszarentum Tchirikistan“, zu verorten in strategisch hochbrisantem Gelände irgendwo am Suwałki-Korridor zwischen Polen und Litauen, Belarus und Kaliningrad. Hohe Schneegipfel, üppige Kirschblüte und prächtige Schnurrbärte suggerieren im aufwendigen Videovorspiel (Vincent Stefan) des weiteren Kaukasisches, sodass wir uns den Zaren-Peter und sein aalglattes Zimmermann-Alias als eine gelungene Mischung aus dem Sohn von Ramsan Kadyrow und dem Schwiegersohn von Donald Trump leicht vorstellen können. Da Schiffe zu in Tschirikistan mythisch verehrten Kanus mutierten, welche Letztere handwerklich bauen, die Holländer allerdings vermittels Hightech, artet das ganze zu veritabler Industriespionage aus ‑ mit Ausblicken auf gegenwärtige weltpolitische Kalamitäten. So weit, so gut. Vorderhand. Jedenfalls eine gewagt bissige Vorlage, um so richtig böse und gut ans Werk gehen zu können. Was letztlich weder richtig böse noch gut ward.
Weil letztlich alles in einem behäbigen Humor à la 50er Jahre versank: „Holt mich hier raus, ich bin ein Zar!“ Selten so gelacht… Weil Martin G. Berger seine Vorlage darüber hinaus zu einem übervollen Kessel Buntes aus Gender-, Flüchtlings-, Stasi-, Beziehungs- usf. -problematik aufmontierte, was zwar reihum Stichworte lieferte, die aber, selten so gelacht, in ihrer Fülle und Beliebigkeit reihum verpufften. Wäre er bloß bei seinem Einstieg à la Borat geblieben, der Denunzierung kaukasischer Diktatoren, politisch gänzlich unkorrekt, aber legitim und vielversprechend, so hätte daraus womöglich eine scharfe Geschichte werden können. So aber wurden es ihrer Dutzende, so beliebig unentschieden wie das Bühnenbild (Sarah-Katharina Karl) zwischen Videoästhetik, technoiden Gerüsten und gigantischer Sahnetorte zur Hochzeit des Werftbesitzer-Sohns – oder sollte die eine Anspielung auf Trump-Hochzeiten sein?
Und ein letztes Weil: Weil die Aufführung spielerisch insgesamt so oberflächlich, unkonzentriert und unterprobt wirkte. Wenn nämlich Gesang, Sprache, Tanz, Orchester und Szene, und so war es ja wohl angestrebt, kolportagehaft zusammenkommen und zusammenwirken sollen, dann ist Timing alles und höchste Konzentration vonnöten. Und dass es nicht so kam, lag nicht nur daran, dass bei der Premiere beide Zarensänger krankheitshalber die Flagge streichen mussten, indessen Daniel Schmutzhard von der Seite sehr einnehmend sang, der Regisseur selber aber sehr beiläufig spielte. Ähnlich, Einnehmendes versus Beiläufiges, erging es auch den nicht gedoubleten Patrick Zielke als Bürgermeister van Bett und Philipp Kapeller als ‚Peter der Kleine‘. Lortzings Hits von der Art musikalischer Ewigkeitsmaterialien wie die Chorprobe oder „Mein flandrisch Mädchen“, trotz fulminantem Chor oder dem ausgesprochen lyrischen Kieran Carrel, man muss es so sagen: standen da nur so auf der Bühne herum. Die Holzschuhtänzer*innen allerdings steppten in, wie die anderen auch, quietschblauen, -rosa oder -grünen Kostümen (Esther Bialas).
Musikalisch hochkompetent, zündend und flüssig begleitete das Orchester der Deutschen Oper unter dem animierenden Antonello Manacorda, was aber der Szene auch nicht Auftrieb geben konnte bei einer Produktion, mit der sich die Deutsche Oper mutig, aber leider schlecht vorbereitet in Seegebiete des musikalischen Unterhaltungstheaters vorwagte, die befahren und beherrscht werden vom verwegenen Barrie Kosky, Freibeuter und Perfektionist zugleich. Schade drum. Denn es stehen an der Bismarckstraße humorlose Cahn-Zeiten an sowie eine weitere Generation, die sich an die deutsche Spieloper nicht wird erinnern können.
- Lortzing „Zar und Zimmermann“, Deutsche Oper Berlin: 25., 27., Juni und 02., 09., 11. Juli 2026
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