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Foto: © Bernd Uhlig
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Uraufführung von Detlev Glanerts „Oceane“ an der Deutschen Oper Berlin

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Detlev Glanerts Veroperung eines Fragments des vor 200 Jahren geborenen Dichters Theodor Fontane wurde an der Deutschen Oper Berlin als ein einhelliger Erfolg gefeiert. Auf den 22 Seiten seines Novellen-Fragments „Oceane von Parceval“ hat Theodor Fontane den zahlreichen Undinen- und Melusinen-Geschichten, die auch auf der Opernbühne von E. T. A. Hoffmann bis Aribert Reimann vielfältige Verkörperungen gefunden haben, eine weitere Version hinzugefügt.

Seine „Oceane“ hat der Dichter selbst als eine „moderne Melusine“ bezeichnet, denn die mythische Wasserfrau, die unter Menschen leben will, aber ins Wasserreich zurückkehren muss, hat er in seine Gegenwart transformiert. Statt eines bedrohlichen Wassermanns geifert nun gegen die Fremde der aufwiegelnde Pastor Baltzer und aus dem Ritter oder Prinz ist ein junger Unternehmer geworden.

Die wenigen Dialoge des Novellen-Fragments hat der Romancier Hans-Ulrich Treichel für die elfte Oper des 1960 geborenen Komponisten Detlev Glanert erweitert zu einem Libretto mit sechs Szenen in zwei Akten.

Regisseur Robert Carsen hat die Handlung weiter an unsere Gegenwart herangerückt, sie im Vorfeld des 1. Weltkriegs angesiedelt, mit feldgrau Uniformierten. Das Grau in Grau der Kostüme von Dorothea Kratzer und der Bühne von Luis F. Carvalho passt offenbar gut in die verbreitete Deutung des Grundtons von Fontanes Erzählungen; auch Rainer Werner Fassbinder hat seine Verfilmung von „Effi Briest“ in Schwarzweiß gedreht. Doch jener Skandal, den die ekstatischen Bewegungen der „Oceane“ beim Tanz auf dem Sommerball im Badehotel auszulösen vermögen, erscheint im Jahr 1914 kaum mehr glaubhaft.

In zwei der sechs Szenen verlässt sich das Regieteam ganz auf die Wirksamkeit des Videokünstlers Robert Pflanz. So ist gleich das erste Bild, die atmosphärische Naturszene rund um die musikalische Vokalisierung des Namens der Titelheldin, ausschließlich als Projektion auf der Courtine gelöst: aus der Unschärfe entsteht langsam das bisweilen gebrochen verdreifachte Gesicht der Hauptdarstellerin, und der Zoom auf deren Auge offenbart als Pupille ein Wellenpanorama. Dieses füllt in allen nachfolgenden Szenen anstelle eines klassischen Prospekts auf einer konkav geschwungenen Leinwand den Bühnenraum mit Videoprojektionen, bisweilen erweitert um vorbeiziehende Wolkenwände.

Sind Szene und Kostüme in Grautönen gehalten, so wartet die Musik mit um so mehr Farben auf. Glanert hat eine reich gefächerte Tonsprache gewählt, tonal und in keiner Weise verstörend. Dabei arbeitet er mit sattsam bekannten Opern-Topoi, mit fließenden Stimmungsübergängen und mit deutlichen Personen-Charakterisierungen, basierend auf motivischer Kleinarbeit. Geschickt nutzt der Komponist die Situationen und Personenkonstellationen, um unterschiedliche Musikstile in seine Partitur zu integrieren, vom Walzer über Polka und Galopp beim Ball im Strandhotel bis hin zu französischem Flair eines Musette-Walzers in den Erinnerungen der Besitzerin des heruntergekommenen Badehotels an ihre Jugend in Paris. Einmal, beim exzessiven Tanz der Titelfigur, nähert Glanert sich gar dem Tanz der sieben Schleier in Strauss’ „Salome“.

Dafür steht Detlev Glanert das große spätromantische Orchester zur Verfügung, welches er dezidiert und sehr sparsam einsetzt, um mit den wenigen Tutti-Ausbrüchen umso stärkere Wirkungen zu evozieren. In ihrer Knappheit sind die beiden Teile des Opernabends so komplex, dass subjektives Zeitempfinden und objektiver Zeitablauf merklich divergieren, wobei die vermeintliche längere Dauer nichts mit Langatmigkeit oder Redundanz zu tun hat, wohl aber doch mit jener typische breiten Erzählweise Fontanes. 

Mit viel Engagement hat die Deutsche Oper Berlin dieses Auftragswerk zum Fontane-Jahr vorbereitet. Das Orchester der Deutschen Oper musiziert in Hochform und Chefdirigent Donald Runnicles wird bereits vor Beginn des zweiten Teils mit Bravostürmen überschüttet – zu Recht, denn er erweist sich hier als ein optimaler Sachwalter, der die Klänge dieser Partitur aufblühen lässt. Auch der von Jeremy Bines einstudierte Chor ist (abgesehen von einem klappernden Breitwand-Piano-Einsatz) präzise aufeinander abgestimmt und leistet treffliche Arbeit. Die Rolle der Oceane hat Glanert Maria Bengtsson auf den Leib und stimmungsgerecht in den Hals geschrieben. Sie vermag die Sonderbarkeit dieser Figur, welche aufgrund der gesellschaftlichen Obstruktion zum Schweigen verdammt wird, sich aber in solistischen Momenten umso vielfältiger blühend entfaltet, stimmlich und darstellerisch bewegend zum Ausdruck zu bringen – gleichzeitig aber mit einer Kühle, die offenbar der Wasserfrau geschuldet ist. Auch für ihre Dienerin Kristina hat Glanert ein quirliges Soubretten-Psychogramm scheinbar bekannter Wendungen und Koloraturen geschaffen, welches die Sopranistin Nicole Haslett rollendeckend abspult. Mit satter Stimmgebung macht Doris Soffel aus der in Jugend-Amouren schwelgenden Wirtin ein stimmiges Psychogramm großen Formats. Albert Pesendorfer als Pastor Baltzer hat bruchlos die gesamte Tessitura aufzubieten. Der Tenor Nikolai Schukoff in der Partie des Natur ausbeutenden Grundbesitzers und tragischen Liebhabers mit einer viel zu schnellen Ankündigung seiner Verlobung und der Bariton Christoph Pohl als der von ihm ausgehaltene nordische Gelehrte Dr. Albert Felgentreu fügen sich in ein stimmiges Ensemble, in dem auch Stephen Bronk als alter Hoteldiener Georg mit einer Endloslitanei ungewöhnlicher Speisen einen besonderen Akzent setzt.

Nach den grauen Wellen des unbetretbaren Meeres durften alle Mitwirkenden am Ende ein Bad im Jubel des Premierepublikums nehmen: das „Sommerstück für Musik in zwei Akten“, wie Detlev Glanert und Hans-Ulrich Treichel die Oper hintergründig klassifiziert haben, wurde am Premierenabend als eine rundum gelungene neue Oper emphatisch gefeiert.

  • Weitere Aufführungen: 3., 15., 17. und 24. Mai 2019.

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