Auf den Gazevorhängen der Bayreuther Szene nur wenig anderes – all dies ließ den Fragenkatalog an „Kurator“ Marcus Lobbes wachsen: Hat seine KI-Fütterung auch verschiedene markante Ring-Dirigenten, etwa Knappertsbusch-Furtwängler-Böhm-Karajan-Sawallisch-Boulez umfasst? Wie wurde mit unterschiedlichen Tempi für verschiedene Szenen digital umgegangen? Wie reagieren seine digitalen Rechner auf die ganze Bandbreite zwischen Forte und Piano?
Ring 10010110: Siegfried. Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Vom Gesamtkunstwerk zum Sängerfest – Die Solisten übertrumpfen die Bilderflut im Bayreuther „Siegfried“
Nachdem keine Antworten auf diese Fragen in der Bilderflut erkennbar und verstehbar wurden, gab es eher enttäuschende Verdoppelungen durch Bilder zum Text – etwa mit Siegfrieds Bären im 1. Aufzug, mit bunten Vögelchen parallel zum Gesang im 2. Aufzug. Außerdem waren alte Szenenfotos aus zurückliegenden Bayreuther „Siegfried“-Inszenierungen eingefügt – dazu aber auch die Nürnberger Kriegsverbrecher-Bank und ein verfremdetes Jalta-Konferenz-Foto. Günther Grass und Willy Brandt wurden gezeigt, das Poster „Sorry, no gas today“ aus den 1970ern, auch J. F. Kennedy im Dallas-Auto kurz vor dem tödlichen Schuss… u. a.… Wieder stellte sich nur ein: visuell nicht innovativ, musikdramatisch beliebig und interpretatorisch sinnentleert.
Lohnt da eine weitere Berichterstattung über den Bayreuther „Ring“? Eben doch: Da gibt es diesen besonderen Orchestergraben. Als „mystischer Abgrund“ verklärt, verdeckt er zwar übliche Musizier-Einblicke, aber in dieser daraus aufsteigenden, eben singulären Akustik lässt Dirigent Christian Thielemann mit dem fein einstudierten Festspielorchester Mimes Sorgen-Gebrabbel (überzeugend Gerhard Siegel) zu Jung-Siegfrieds forschem Ungestüm musikdramatisch kontrastieren. Die Tuba formt den Riesenwurm Fafner (zu wenig voluminös: Peter Rose) klang-träge und hör-sichtbar wälzend. Wagners grandiose Dramatik zur Streit-Trennung der beiden „Weltmächte“ Wotan und Erda (klangschön, aber wenig textverständlich Christa Mayer) kann zwar offen noch mehr tosen – Erinnerungen aus der Münchner Nationaltheater-Konkurrenz werden da präsent –, dafür überforderte Thielemann seine meist nur aufgereihten Solisten nicht. Wagners generelle Forderung über alles Opern-Star-Übliche hinaus „Nie dem Publikum etwas sagen, immer dem Anderen!“ hat Kurator Lobbes beiseite gefegt: Die Sänger sollen in den weiterhin exquisit hässlichen Fantasy-Kostümen uniform aussehen, damit sie im Bühnenbild eher untergehen und fast durchweg frontal dahinsingen. Soll das ein neues Verständnis von „Gesamtkunstwerk“ signalisieren?
Diese Eindimensionalität verhinderte aber nicht, dass über das Waldvöglein von Victoria Randem (zu wenig textverständlich) und Jochen Schmeckenbachers Alberich (zu wenig finster) hinaus sehr gut gesungen wurde. Michael Volle machte Wotans Rätsel-Spiel mit Mime zum herrlich tönenden Rückblicksdrama in Feinzeichnung, trumpfte final gegenüber Erda und dem kecken Jüngling Siegfried nochmals auf und ging auch ohne zerschlagenen Speer stimmdarstellerisch klang-fahl ab. Das überzeugte geradezu „total“ durch kontrastierende Dramatik: Denn nach Loge und Siegmund steigerte sich Klaus Florian Vogt nun in seiner Parade-Rolle als Jung-Siegfried konkurrenzlos an die Spitze heutiger Heldentenöre. Kräftesparend hatte er schon kein Schwertschmieden und keine weitere Aktion spielen müssen – jetzt konnte er stimmlich prunken. Als dann noch die ja ausgeruhte Brünnhilde von Camilla Nylund dazutrat, entzündete sich unter Thielemanns perfekter Steigerung zwischen ihnen das vokale Klangfeuer einer jener Sternstunden, in denen singende Menschen mehr über uns und die Liebe ausdrücken können als andere Kunstformen… eben: Festspielklangzauber.
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