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Die Nacht vor Weihnachten | Premiere am 29. November 2025. T.Akzeybek, E.Semenchuk. Foto: © Geoffroy Schied

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Vom Teufelspakt zum Liebesflug – Rimsky-Korsakows „Die Nacht vor Weihnachten“ an der Bayerischen Staatsoper

Vorspann / Teaser

Da wird die Dorfschönheit im Gesang der Burschen über die Zarin in St. Petersburg gestellt. Da besuchen drei Ortshonoratioren die allen sinnlichen Freuden zugetane „Hexe“, betrinken und verstecken sich voreinander in Kohlensäcken … Da hat sich Rimsky-Korsakow an der kleingeistigen zaristischen Zensur gerächt – indem er alles in ein beliebtes Weihnachtsmärchen gepackt hat…

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… denn um das 1835 fertiggestellte Werk gab es noch viel mehr Turbulenzen: Zunächst Verbot durch die Zensur, weil russische Herrscher nicht in Opern dargestellt werden durften; Rimskys gute Bekanntschaft mit einem hohen Würdenträger führte 1837 zur Aufhebung des Verbots; in der Hauptprobe erkannten zwei Fürsten in der Zarin ihre Großmutter Katharina II. – erneutes Verbot; Rettung der Uraufführung durch Transponierung der Mezzosopran-Zarin auf einen Bariton-Großfürsten… in der höfischen Garderobe einer Zarin, der seine „goldenen Schuhe“ verschenkt…

Daraus ließe sich eine bös entlarvende Inszenierung filtern, doch Rimsky-Korsakow hat mit Blick auf die Wintersonnenwende und den Weihnachtsvorabend noch viel mehr geschaffen – einen turbulenten Mix aus slawischen Mythen, Teufel, Hexe, heidnischen Sonnenkulten und ukrainischer Folklore in der lebensechten kleinrussischen Dorfgemeinde Dikana. Also hat der Komponist als sein eigener Textdichter die zugrundeliegende Erzählung Nikolai Gogols, in der der Handlungskern „mit goldener Feder aufgeschrieben und zu jeder Weihnacht erzählt“ wird, farbig ausgestaltet. Geblieben ist die zunächst unerfüllte Liebe Wakulas, einem Mannsbild an Schmied, zur reichen, schönen, sich eitel spreizenden Oksana: Heirat nur, wenn er ihr ein Paar Schuhe der Zarin aus dem fast weltenfernen St. Petersburg bringt. Da kann in der wilden Sturmnacht der Wintersonnenwende nur der Teufel helfen…

Regisseur Barrie Kosky hat ja ein Faible für turbulente Aktion und Bühnen-Zauber. Doch die offene Bühne zeigt eine eher ärmliche Dorfgesellschaft von Heute (Kostüme: Klaus Bruns), die wartend plaudert und dann den Dirigenten mit Beifall empfängt. Später gruppiert sich dieser in voller Stärke antretende Staatsopernchor klanglich glänzend (Einstudierung: Christoph Hell) auch auf den zwei Etagen des braun-roten, konstruktivistischen Halbrunds – befremdlich modernes Theaterhalbrund mit Leitern oder abstrakte Häuserfront um einen Markplatz? Klaus Grünbergs Bühne erweist sich nur bald auch als Korsett, das der Weite der Handlung nicht genügt und in seiner Ausleuchtung – „Lichtregie“ wäre unangemessen – blass bleibt. 

Zu dieser Schwäche der Neuinszenierung kommt eine dramaturgische: Regisseur Kosky lässt gleich die musikalische Einleitung von einem sich ironisch mit seinen Hörnchen entlarvenden Teufel dirigieren, der dann auch aus einer großen Schachtel auf dem Souffleurkasten das glitzernde Schuhpaar präsentiert, es durch die staunende Dorfgesellschaft und alle Etagen wandern lässt – nur wird dieser Teufel nicht die gleichsam alles inszenierende, also alles tragende Figur. Er taucht halt immer wieder mal auf, doch auch die selbstbewusste Oksana dirigiert eben mal den Chor.

Inhaltlich ließe sich vieles im Werk nur mit Zauber und Mut und Fliegen lösen. Denn die „Hexe“, die durchaus allerlei sinnlichen Freuden geneigte Witwe Solocha fliegt gerne mal zusammen mit dem gleichfalls durch die vorweihnachtliche Sturmnacht rauschenden Teufel. Dann fliegt der liebende Wakula mit dem Teufel in den Thronsaal des zaristischen St. Petersburg. Da verzichtet Kosky auf Videos auf dem gleichfalls braun-roten Zwischenvorhang. Er lässt die Zarin inmitten eines russischen Doppeladlers herabschweben. Ihre überlangen Waden mit den Glitzerschuhen an den Füßen werden ihr groteskerweise abgeschraubt und Wakula fliegt mit dem Teufel wieder davon. All das hat Kosky zusammen mit Choreograph Otto Pichler gelöst, indem sechs Tänzer und sechs Akrobaten in Gespenstermasken mal um den Teufel und die Hauptfiguren, dann in befremdlichen Unisex-Kostümen Mazurka und Rituale tanzen, schließlich mit einer beeindruckend großen Akrobatik-Schleuder-Seil-Nummer „unterhalten“. Bis auf Teufel und Liebespaar sind alle Hauptfiguren in Michelin-Männchen-Manier in grotesk-bunten Fat-Suits kostümiert. Als final die Liebe triumphiert, stürmen Oksana und Wakula als „Brautpaar in Weiß“ zum volltönenden Schlussjubel herein – allerlei Vorweihnachtstheater?! 

Musikalisch kennt GMD Vladimir Jurowski all das aus seiner Kindheit, aus Reisen vor Ort und: Vater Michael hat die erste Einspielung des Werkes dirigiert. Prompt war mit dem vielfältigst aufspielenden Staatsorchester „alles“ aus dem Reichtum der Partitur zu hören: die Bläser-Trink-Linien für Wodka-Einschenken und -Runterschütten, die Solo-Violine für das Edelstein-Geglitzer um die Schuhe, deutliche Cello-Trauer bei Oksanas Ängsten, dass Wakula umgekommen oder verschwunden sei – und dann natürlich der hierzulande wenig bekannte Brauch der vielfältigen Koljada-Gesänge, dazu Rimsky-Korsakows Anklänge an christliche Lieder zu Wintersonnenwende und Weihnachten im Kontrast zu Fanfaren um den Zarenhof. Parallel blieben vokal keine Wünsche offen: Tansel Akzeybek gab dem Teufel Tenor-Schärfe; die differenziert tönenden Hauptfiguren wurden von Ekaterina Semenchuks Hexe Solocha und dem kapitalen Vater Tschub von Bassbariton Dmitry Ulyanov angeführt – überstrahlt von Tenor Sergey Skorokhodov als kernigem Wakula und der Anmut und Caprice mit Sopranglanz vereinenden Elena Tsallagova.

Ob das Werk die in der Vorweihnachtszeit dauerstrapazierten „Hänsel und Gretel“ verdrängen kann, muss sich in München erst noch erweisen.

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