Radialsystem, Spreeufer, Freitag 18.40 Uhr. Zahlreiche Besucher:innen des ersten TransTraditionale Musikfestes versammeln sich auf der Uferterrasse, blicken auf die Spree, erwarten gespannt die feierliche Eröffnung des Festivalwochenendes.
Li-chin Li spielt ihre Sheng auf einem Boot auf der Spree vor dem Ufer des Radialsystems. Foto: Stefan Stahnke
Vom Überwinden musikkultureller Grenzen an der Spree
Plötzlich wird die Umgebung in Klang gehüllt. Die Sheng-Solistin Li-Chin Li bläst vom fahrenden Boot auf der Spree aus Signaltöne Richtung Ufer. Das Publikum richtet gebannt die Augen und Ohren auf den Fluss. Von der Uferseite aus wird das Signal der Sheng erwidert: Saxophonist Grgur Savić imitiert die Signalrufe auf seinem präparierten Sopransaxophon zurück aufs Wasser, woraufhin sich ein Trio zwischen Sheng, Saxophon und dem Rauschen des Wassers entwickelt. Gespannt folgt das Publikum der musikalischen Kommunikation über den Fluss bis schließlich das Trickster Orchestra unter dem Dirigat von Cymin Samawatie vom erhöhten Balkon einige Stockwerke über der Uferterrasse in den Klang einstimmt und das Gebäude selbst zum Klangkörper wird. Während das Publikum hoch zum Orchester aufschaut, legt das Boot langsam an, sodass Sheng und Saxophon schließlich im Duett spielend Rücken an Rücken stehen.
Grenzen überwinden
Deutlicher hätte die Botschaft der TransTraditionale nicht musikalisch umgesetzt werden können. Man möchte augenscheinlich durch das gemeinsame Musizieren kulturelle, sprachliche und räumliche Grenzen überwinden, auf der Suche nach einer musikalischen Sprache, die es bewerkstelligt, die Vielfalt und Diversität der modernen Gesellschaft klanglich einzufangen und abzubilden.
Herkömmliche, oft artifizielle Einteilungen in Genres, Instrumentengruppen und Musiktraditionen sollen aufgebrochen und der Horizont der deutschen Musik- und Kulturlandschaft erweitert werden. Durch diese Enthebung aus stilistischem und kulturtraditionellem Schubladendenken und der Bewegung hinzu definieren Cymin Samawatie und Philip Geisler – zusammen mit Ketan Bhatti Leitung des Trickster Orchestras und Organisator:innen der TransTraditionale – die Stilistik ihres Orchesters als „transkulturelle Avantgarde“ und gaben dem Festival folgerichtig das Motto „Musikfest der globalen Gegenwart“.
Der Hintergrund dieses Bestrebens ist (auch) ein kulturpolitischer. Das Trickster Orchestra weist in seiner Arbeit immer wieder darauf hin, dass die institutionalisierten deutschen Konzerthäuser bislang zu wenig der stetig wachsenden Diversität und kulturellen Verflechtungen der Gesellschaft gerecht werden, besonders was ihr Repertoire angeht. Westliche kanonisierte Kunstmusik stelle nach wie vor ein musikästhetisches Monopol an klassischen Konzert-, Opern- und Theaterhäusern; Musik aus dem arabischen oder asiatischen Kulturraum – traditionelle wie auch zeitgenössische – oder gar Musik, die eine Überschreitung dieser so erdachten Kulturgrenzen und die Entwicklung neuer ästhetischer Traditionen sucht, finden hier, wenn überhaupt, als Randphänomen statt und selbst dann so gut wie nie in institutionalisierter und dadurch langfristig finanzierter Form. Diese Präferierung westeuropäischer Musiktraditionen spiegle sich auch in der Homogenität der angestellten Musiker:innen und des Publikums wider. Einigen Teilen der Gesellschaft würde so zumindest in dem Aspekt der musikalischen Identifikation die kulturelle Teilhabe verwehrt werden. Um in dieser Sache nicht nur als Mahner, sondern in erster Linie als proaktiver, kreativer Innovator tätig zu werden, initiierte das Trickster Orchestra die erste TransTraditionale als erstes deutsches Festival überhaupt, das alleine der vielseitigen trans- und interkulturellen Musikszene und ihren Ensembles gewidmet war.
Auf der Erfolgswelle
Das Trickster Orchestra selbst konnte sich in den letzten Jahren durch den Gewinn etlicher Preise – darunter der deutsche Jazzpreis, TONALi Musikpreis und der Musikautor:innenpreis für die künstlerische Leitung – bereits einen Namen machen und genießt mittlerweile selbst außerhalb der Szene größere Bekannt- und Beliebtheit. Zuletzt eröffneten sie, quasi als Headliner, das „Vom Anfangen“-Festival des Konzerthauses Berlin im gemeinsamen Spiel mit dem dort ansässigen Konzerthausorchester. Die eigens initiierte TransTraditionale sollte nun unter anderem dazu dienen, andere gleichermaßen talentierte und professionelle Ensembles mit inter- und transkultureller musikalischer Ausrichtung an dieser Erfolgswelle und diesem Aufwind teilhaben zu lassen.
Das Festival konnte eindrücklich verdeutlichen, dass die Unterrepräsentation der sich in ganz verschiedenen Formen, Klängen und Instrumenten manifestierenden transkulturellen Musik nicht an mangelnder Professionalität oder mangelndem Engagement entsprechender Ensembles liegt: Ob New-Age-Kammermusik mit Klavier, Schlagwerk und Kamancheh vom „Joolaee-Trio“, Indie-Pop mit arabischen und französischen Lyrics von der Band „Masaa“ oder musikalische Avantgarde mit asiatischer Instrumentation vom „AsianArt Ensemble“, das Festivalprogramm war vielseitig angelegt und konnte verschiedenste Musikgeschmäcker bedienen. Einige Menschen aus dem Publikum äußerten in den Gesprächsrunden mit den Musiker:innen, die ebenfalls fest in das Rahmenprogramm des Festivals integriert waren, sie seien sehr froh darüber gewesen, auch Musik außerhalb ihrer „comfort zone“ kennenlernen zu dürfen.
In die Tiefe
Die verschiedenen Formen von gemeinsamen Zusammenkünften spielten für die gesamte Dramaturgie des Festivals eine große Rolle. Nicht nur, dass man versuchte, das Publikum durch Gesprächsformate unmittelbar in das Geschehen des Festivals einzubinden, auch die Zusammenkunft der verschiedenen Festivalensembles wurde tiefgehender und intensiver gestaltet, als es bei vielen Musikfestivals sonst der Fall wäre. Über die bloße Aufeinanderfolge der einzelnen Konzertprogramme hinaus kam es in mehreren Programmpunkten zum direkten musikalischen Austausch zwischen Musiker:innen mehrerer Ensembles. Nebst der Spreeufer-Performance am ersten Festivaltag starteten auch der Samstag und der Sonntag mit genre- und ensembleübergreifenden Improvisationssessions, die das Festivalmotto – gemeinsam durch Begegnungen eine neue, von musikalischen Genres und traditionsvorstellungen losgelöste Klangsprache und -vorstellung zu erzeugen – immer wieder neu im Klang vermittelten.
Es soll laut dem Trickster Orchestra nicht die letzte TransTraditionale gewesen sein. Die Besucherzahlen und Stimmung des Publikums dürften sie darin nochmals bestärkt haben, die TransTraditionale als fortlaufende Festivalreihe weiterzudenken.
Darüber hinaus bestehe für die Zukunft allerdings der Wunsch, ihre Musik nicht nur sporadisch in Festivals eine Bühne zu bieten, sondern zumindest Teile dieser Szene fest in der langfristig geförderten Kulturlandschaft zu verstetigen und zu institutionalisieren. Wie die Räumlichkeiten einer solchen verstetigten Institution der globalen Gegenwartsmusik genau aussehen müssten, um dem Anspruch der Enthebung aus dem bisher eng gedachten Begriff musikalischer Traditionen und der Schaffung einer neuen Ästhetik im „Dazwischen“ gerecht werden zu können, wird eine interessante Frage für die Zukunft der „transkulturellen Avantgarde“ sein.
In den Räumlichkeiten des Radialsystems hatten sich alle beteiligten Ensembles und das Publikum der ersten TransTraditionale jedenfalls sichtlich wohl gefühlt.
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