Im Eingangsbereich ballt sich das Publikum und folgt dann dem Trauermarsch einer Blaskapelle in die riesige Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Zur Linken sieht man bereits auf Schautafeln, welche Stationen einen erwarten. Doch der Pulk drängt weiter vor eine große Videoleinwand. Diese zeigt schwarzgewandete Klagefrauen, wie sie den 1980 gestorbenen jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito betrauern. Auch spätere Stationen präsentieren Zeugnisse vom Personenkult um den einstigen kommunistischen Partisanenkämpfer und jahrzehntelang autokratisch regierenden Marschall.
Ting Lee in Marina Abramović's Balkan Erotic Epic © Photo Marco Anelli - INSTAGRAM @marco_anelli_studio
Von der Männlichkeit der slawischen Seele
Marina Abramović wurde 1946 in Belgrad geboren. Ihre Eltern waren Tito-Partisanen. Den Vater stilisierte sie selbst zum Volkshelden, ihre Mutter war Majorin der Jugoslawischen Volksarmee und dann systemtreue Leiterin des Museums für Kunst und Revolution in der Hauptstadt. Ihre jüngste Arbeit „Balkan Erotic Epic“ widmet die serbische Performancekünstlerin dem untergegangenen Jugoslawien sowie viel älterem Brauch- und Volkstum auf dem Balkan. Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln stößt sie auf archaische Bestattungs- und Fruchtbarkeitsriten, Aberglauben und heidnische Kulte, die teils bis in die Spätantike zurückreichen.
Auf hohen Stelzen liegen Darsteller auf Glasplatten wie Leichen im Scheinwerferlicht, so dass sie schwarze Schatten auf den Boden werfen. Im Video vergrößert sieht man das Gesicht einer jungen Frau, der eine andere Frau mit feinem Pinsel ein balkanisches Hochzeitsmuster aufmalt. Hier stampfen weiß gekleidete Tänzerinnen und Tänzer einen traditionellen Hochzeitstanz. Dort wird ein nackt aufgebahrter Toter von einer ihm symbolisch zugeordneten Braut schwarz eingekleidet. Gegenüber ragen erigierte Penisse wir monströse Riesenmorcheln aus dem Boden. Dazwischen doziert eine Wissenschaftlerin über Liebestränke, Hokuspokus und Potenzmittelchen des altslawischen Volksglaubens. Daneben ficken drei nackte Männer permanent die Erde oder tun bloß so, wie es einer Überlieferung aus dem 4. Jahrhundert zufolge Bauern in der Hoffnung auf bessere Ernte taten. Während der gesamten vierstündigen Aufführung rammeln die Burschen unentwegt mit den Hoden am Boden den Kunstrasen, der sich grün und schwarz durch die Halle zieht.
Wer die verzweifelte Marathonmasturbation nicht gleich als abstoßend empfindet, bekommt spätestens jetzt Probleme mit solcherart Reenactment. Denn im Kontext eines Kunstfestivals vor tausend neugierigen Augenpaaren erscheint ein Ritus, der zu seiner Zeit im gläubigen Mitvollzug einer autochthonen Gesellschaft seine Gültigkeit gehabt haben mag, bloß wie eine Kuriosität im ethnologischen Museum. Die unüberbrückbare Distanz zwischen Aktion und passivem Voyeurismus lässt Abramovićs gesamte Präsentation ausgestellt und tot wirken. Alles ist bloß Theater. Wie in einem überladenen Wimmelbild sind die Mitwirkenden nur Darsteller von Rollen, die ihnen die Regisseurin vorschreibt, aber keine Performer mit eigenständig agierendem Körper und Ausdruckswillen. Dadurch wirken alle Handlungen unglaubhaft. Die weltweit agierende Künstlerin will vergegenwärtigen und kreiert doch nur die Phantasmagorie eines bizarr überzeichneten Balkans, den es längst nicht mehr gibt und so auch nie gab.
Ein Video zeigt einen in Tracht gekleideten Männerchor mit offenen Hosenschlitzen und entblößten Genitalien, die nach Möglichkeit eine Erektion haben sollten, um die Männlichkeit und Verletzlichkeit der „Slawischen Seele“ zu verkörpern. Gleich um die Ecke reißen mehrere Frauen unter gellenden Schreien ihre Röcke hoch, um dem Himmel beziehungsweise der Hallendecke ihre nackte Vulva entgegen zu recken. Während des 11. Jahrhunderts wollte man so anscheinend in der türkischen Provinz Tekirdağ die Götter erschrecken und dadurch allzu langen Regen stoppen. Das Wasser aber fällt jetzt nur per Video im Hintergrund und bedroht keine Ernte. Am Ende des Parcours gelangt man vor eine Friedhofsszene wie aus einer nekrophilen Gothic Graphic Novel. Ein Dutzend nackte Frauen streicheln und massieren sich die Brüste, aalen sich an Grabkreuzen, tanzen und kopulieren mit Skeletten, stecken sich deren grellrote Riesenzungen in den Mund. Ist das nun erotisch saftig? Oder geschmacklos eklig?
Abramović beteuert im Programmheft, es ginge ihr nicht um Pornografie, sondern um Menschlichkeit und „Sexualität in Bezug auf das Universum“. Freilich: Sexualität hat viel mit Liebe, Lust, Fortpflanzung, Krieg und Frieden zu tun. Aber mit dem Universum? Das ist doch eine andere Größenordnung. Und natürlich ist der Mensch leiblich, sexuell, spirituell und emotional verfasst. Aber zudem hat er auch Verstand, Erkenntnis, Forschung, Wissenschaft, Geschichte. Deswegen ist er nicht einfach nur ohnmächtig dem blinden Naturzusammenhang unterworfen, sondern hat sich vielmehr im Gegenteil die Natur unterworfen und dienstbar gemacht.
Performerin Elke Luyten. Foto: Marco Anelli/Ruhrtriennale
Während unsere Vorvorfahren noch Osiris, Gaja, Demeter, Freya, Allpamama huldigten, haben wir Modernen mit dominierender technischer Potenz unsere Mutter Erde längst auf ganz andere Art „gefickt“. Abramović will von dieser globalen Menschheitstragödie jedoch nichts wissen. Sie negiert Aufklärung, Rationalität, Technologie, Ökozid und Klimakrise. Stattdessen träumt sie von einem vorsintflutlichen (paradiesischen?) Naturzustand, der die Menschen auf ihr Geschlecht und dessen Einsatzmöglichkeiten verengt. Das ist reduktionistisch, unterkomplex und letztlich doch pornografisch. Ihr Epos erzählt nichts, sondern stellt nur aus. Es ist ein unverbindlich mystifizierendes Event, das der Gegenwart nichts zu sagen hat, aber international koproduziert und vermarktet wird in Barcelona, Berlin, Malta, Manchester, New York, Luxembourg, Hong Kong.
Und die Musik? Fast hätte man sie vergessen: hier und da Folklore, Balkan Banda, Gesang, Klagelied, stampfendes Schuhwerk, Rufe von Säbelkämpferinnen, ein bisschen Elektronik. Indem die Besucher an den Stationen vorüberspazieren, laufen auch alle Klänge wie beiläufig am Publikum vorbei. Nichts zieht ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich. Für die Musik bei der Ruhrtriennale ist es gut, dass die dreijährige Intendanz von Ivo van Hove nun endet.
Der belgische Theaterregisseur setzte einseitig auf Spektakel, Film- und Popstars. Die kommenden drei Festivaljahre wird die US-Amerikanerin Lydia Steier gestalten. Die Opernregisseurin hat bereits mehrere Uraufführungen inszeniert, 2016 auch Stockhausens „Donnerstag aus Licht“ am Theater Basel. Vielleicht ereignet sich dann wieder etwas bei diesem größten und teuersten Festival der Künste in NRW.
Weiterlesen mit nmz+
Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.
Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50
oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.
Ihr Account wird sofort freigeschaltet!