Hauptbild
Auf und Ab. Ensemble. Bayerische Theaterakademie August Everding. Foto: Cordula Treml

Auf und Ab. Ensemble. Bayerische Theaterakademie August Everding. Foto: Cordula Treml

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Von Vielerlei zu Allerlei – Münchens Rundfunkorchester und die Theaterakademie feiern gemeinsam mit Raritäten

Vorspann / Teaser

Auch „Kultur-Daten“ müssen gefeiert werden: auf 20 Jahre Zusammenarbeit können das Münchner Rundfunkorchester und die Bayerische Theaterakademie August Everding zurückblicken. Das gilt als „Porzellan-Hochzeit“ – und die Jubiläumsproduktion von zwei besonderen Werken verlangte feinste Modellierung wie beim ortsansässigen „Nymphenburger“ …

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Die Kooperation beider Institutionen beschert der Kulturszene immer wieder Besonderheiten: diesmal einen „Auf und Ab – Über die unausweichliche Zunahme von Missverständnissen“ übertitelten Abend; Nino Rotas Einakter „I due timidi“ wurde mit Darius Milhauds „Le Pauvre Matelot“ verbunden. Dramaturgisch reizvoll mischen Missverständnisse in beiden Werken Komisches mit Tragischem. Rota und sein Librettist Suso Cecchi D’Amico lassen in ihrer Radio-Oper von 1950 zwei Liebende durch einen dummen kleinen Unfall nicht zu einander finden: sie begegnen sich wieder, als sie schon Mutter zweier Kinder, er halb unglücklich verheiratet ist und ihr einst geliebtes Klavierspiel nur noch niederbrüllen kann. Kein Geringerer als Jean Cocteau hat 1927 den fatalen Stoff für Milhaud aufbereitet: nach 15 Jahren kehrt der vermeintlich umgekommene, aber treu von seiner Frau geliebte Matrose zurück – beider kleine Hafenkneipe heillos verschuldet, er reich geworden; gealtert und verändert will er ihre Treue auf die Probe stellen und spielt „als letztes Abenteuer“ seiner Frau einen reichen Freund ihres verschuldeten, noch versteckten Mannes vor – verzweifelt planvoll erschlägt sie den vermeintlich Fremden in der Nacht, um mit der Beute ihren erwarteten Mann zu entschulden.

Das sind zwei ergiebige Handlungen mit nicht überfordernden Solisten-Partien, insgesamt vierzehn Rollen für die Endjahrgänge der Theaterakademie. Um beide Werke pausenlos miteinander etwas zu verschränken, wurde bearbeitet. Der für Rotas Radiofassung nötige „Erzähler“ wurde zu einer durchgehenden Figur aufgewertet, Klaviermusik und Vokalisen von Germaine Tailleferre, Erik Satie, Georges Auric und Milhaud selbst eingefügt, das Ganze „nach…“ beiden Komponisten betitelt … wer für die Sprechtexte verantwortlich war, bleibt im sonst erfreulich werkdienlichen Programmheft zwischen „Künstlerischer Produktionsleitung“, „Aufführungsmaterial-Erstellung“ und „Mentorat Dramaturgie“ unklar. Dann wurde die gesamte Produktion Ingo Kerkhof (Regie) und Hana Ramujkić (Ausstattung) anvertraut – beide eher in Experimentellem und Dekonstruktion beheimatet… wo werkdienliche Klarheit und präzise Personenentwicklung mit jungen Solisten gefragt war, schienen beide sich künstlerisch vor allem selbst zu verwirklichen.

So war schon Lovro Kotnik in Rotas Einakter ungenau zwischen Erzähler und Dirigent geformt und spielte dann bei Milhaud irgendwie mit. Dererlei ließe sich zu vielen Figuren anführen, gipfelnd in den drei Zimmermädchen, deren Masken und Kostüme wohl bis an Cocteaus absurdes Theater heranführen sollten – deshalb auch ein Pferd-Esel mal dabei war und viele Luftballons, die knallend abgestochen wurden. Der große Raum-Kubus kippte mehrfach, an der Rückwand blieben Graffiti-Sprüche unleserlich, Schleiervorhänge wurden mehrfach auf- und zugezogen, darauf Projektionen von irgendwie physikalisch geistreichen Sinnsprüchen auf Deutsch und Englisch… das Bühnenteam glaubte also, Rota und Milhaud unbedingt verbessern zu müssen … nur eben nicht zu können … ihr Vielerlei endete in austauschbarem Allerlei.

Also: Trost aus der Musik. Auch wenn Dirigent Peter Rundel mehrfach zu laut aufspielen ließ: Nino Rota zeigte 1950 einfach, dass er allen Stimmlagen „Italianità“ in die Kehlen schreiben und dazu auch mal orchestral melodiös à la Puccini schwelgen konnte. Und bei Milhaud ging es 1927 nicht um Modernismus, sondern um musikdramatisch sofort hörbare, erfassbare Charakterisierung – von der sehnsüchtigen Emotion der einsamen Frau hin zum düsteren Dräuen um den Matrosen. All das kann das Rundfunkorchester beeindruckend.

Und nun der als Braut-Double kostümierten Bühnenpianistin und vierzehn Solisten gerecht werden … leider nur pauschal: es wurde durchweg gut bis sehr gut gesungen, auch das Italienisch wie das Französisch akzeptabel verständlich. Zurecht wurden schon an Nino Rotas Hochzeitstafel Blumen verteilt - also seien zumindest „pars pro tutti“ Mose Lees Tenor-Glanz, Sopran Rusné Tušlaité Liebesglut, Fachkollegin Beatriz Maia als liebend verzweifelte Mörderin und Henrique Lencastres Tenor-Markanz genannt – neben ebenso hörenswerten Mezzo- und Bass-Bariton-Stimmen. In dieser Hinsicht also aller Beifall angebracht – doch „20 Jahre“ kann für diese Szenen auch heißen „Dornenhochzeit“ …

Ort
Musikgenre